private banking magazin: Wie bist Du an diese Position gekommen und was reizt Dich ganz besonders an Deinen neuen Aufgaben?
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private banking magazin: Wie bist Du an diese Position gekommen und was reizt Dich ganz besonders an Deinen neuen Aufgaben?
Sebastian Borek: Es war ganz unerwartet, da ich gar nicht auf der Suche war. Ausschlaggebend war eine Anfrage von Egon Zehnder und ein sehr positiver Kennenlernprozess – da wurde mir klar: Das passt. Ich starte Mitte Oktober 2025 beim High-Tech Gründerfonds und komplementiere das Management-Team mit dem Verantwortungsbereich Digital Tech.
Der High-Tech Gründerfonds zählt mit 2 Milliarden Euro Assets under Management zu den aktivsten Early-Stage-Investoren Europas und ist nah an der Industrie und der Politik – genau das brauchen wir, um in der aktuellen Lage Ressourcen zielgerichtet zu bündeln und die Zukunftsfähigkeit Deutschlands zu stärken. Gemeinsam mit Romy Schnelle (Deep Tech) und Dr. Achim Plum (Life Sciences) werden wir die Weiterentwicklung des Fonds vorantreiben und die zukünftige strategische Ausrichtung des High-Tech Gründerfonds prägen.
Welche persönlichen Stärken bringst Du für diese Aufgabe mit?
Borek: Ich habe ein gutes Gespür für neue Technologien, Gründer-Talente und kann gut einschätzen, wohin sich Märkte bewegen oder entstehen. Als Seriengründer und Unternehmer kenne ich die Bedürfnisse, erfolgreiche Start-ups zu bauen. Mit dem Aufbau von Initiativen wie der Founders Foundation und Hinterland habe ich viel Erfahrung mit dem Aufbau von Start-up-Ökosystemen als Brückenbauer zwischen Gründern, Industrie, Investoren und Politik. Gemeinsam mit dem High-Tech Gründerfonds-Team möchte ich diese Erfahrung einbringen und auch neue Impulse setzen.
Alex von Frankenberg scheidet nach 20 Jahren aus der Geschäftsführung aus. Schaut man zwei Dekaden zurück: Was hat er alles „vermessen “? Internet/Digitalisierung, Cloud, iPhone…
Borek: Wenn man 20 Jahre zurückblickt, hat Alex von Frankenberg mit dem High-Tech Gründerfonds wirklich Maßstäbe gesetzt. Damals begann gerade die große Welle rund um Internet und Digitalisierung, wenig später kamen Cloud, iPhone und viele weitere technologische Umbrüche hinzu – all das hat er früh erkannt, „vermessen“ und daraus für die deutsche Venture-Capital-Szene Konsequenzen gezogen.
Allein 2024 investierten externe Investoren 1,4 Milliarden Euro in das Portfolio des High-Tech Gründerfonds – bei einem gesamten deutschen Venture-Capital-Volumen von 7 Milliarden Euro. Damit ist der Fonds bis heute der Motor der Frühphasenfinanzierung. Inzwischen zählt der Fonds neben dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und KfW Capital als Ankerinvestoren auch 67 Mittelständler, Konzerne und Family Offices zu seinen Partnern. Das Team bringt enormes Know-how aus Wissenschaft und Industrie mit und bündelt es in drei Investment-Bereichen: Deep Tech, Life Sciences & Chemie sowie Digital Tech.
Die Bilanz spricht für sich: drei Unicorns, 180 Exits und unzählige erfolgreiche Start-ups. Die Messlatte liegt also hoch – und genau das macht den Reiz für mich aus.
Nun beginnt Dein „Zeitalter“ oder anders gefragt: Der digitalen Welt und entsprechenden Geschäftsideen steht ein unglaubliches exponentielles Wachstum bevor. Kannst Du da auch nur ansatzweise die kommenden 3 Jahre vermessen?
Borek: Das ist sicherlich die Kernfrage, die mich gerade am Anfang beschäftigen wird. Ich glaube, wir können uns kaum vorstellen, wie stark und schnell die Künstliche Intelligenz vieles auf den Kopf stellen wird. Einige sprechen schon vom Erreichen der Superintelligenz (Artificial General Intelligence) im Jahr 2028. Durch den Einsatz von Agentic Artificial Intelligence werden einige Software-as-a-Service-Modelle obsolet. Schnelligkeit und Anpassungsfähigkeit werden in jedem Fall notwendig sein, um vom Wandel zu profitieren. Sowohl für Kapitalgeber als auch Start-ups wird es anspruchsvoller, was mich ehrlich gesagt auch wiederum reizt.
Welche Stärken siehst Du speziell bei deutschen Start-ups?
Borek: Start-ups und deren Gründer sind so unterschiedlich, dass ich hier keine pauschale Erkenntnis habe. Deutschland bietet eine einzigartige Kombination aus B2B-Expertise, Ingenieurskunst und Umsetzungsstärke. Die USA fördert deutlich visionärere Ideen, was dazu führt, dass viele der US-Gründer automatisch größer denken. Die wichtigste Eigenschaft ist und bleibt Ambition, Talent und ein visionäres Mindset, egal in welchem Land.
Welchen Einfluss hat Künstliche Intelligenz auf die Gründungs- und Early-Stage-Phase eines Unternehmens? Werden sich Parameter verändern und Investitionen in früher oder späterer Phase stattfinden?
Borek: Durch Künstliche Intelligenz lassen sich viele Prozesse automatisieren, daher ist abzusehen, dass Start-ups mit weniger Menschen schneller und mehr Wachstum erzeugen. Die technischen Eintrittsbarrieren sinken rapide, da Programmier-Tools wie Lovable oder Curser keine Programmierkenntnisse mehr benötigen. Teams werden deutlich effizienter und produktiver, gleichzeitig steigt die Bedeutung von proprietären Daten als Wettbewerbsvorteil.
Wir werden mehr Solopreneure und Micro-Teams sehen, die Agentic Artificial Intelligence und neue Tools nutzen. Die Leitfrage der nächsten Jahre wird: Was bleibt auf Sicht nicht automatisierbar und welche Rolle und welchen Mehrwert haben die Kapitalgeber in der neuen Künstliche-Intelligenz-Welt?
Wenn die USA weiterhin das Künstliche-Intelligenz-Rennen dominieren, welche Wertschöpfung bleibt oder entsteht in Europa?
Borek: Diese Frage stelle ich mir fast täglich. Kurz gesagt: Europas Ausgangslage ist gerade schwierig – teure Energie, keine eigene relevante Chipfertigung, zu wenig Hyperscale-Rechenzentren wie beispielsweise Stargate. Die USA – und China – führen. Aber statt ständig aufzuzählen und zu kritisieren, was uns fehlt, sollten wir eine begeisternde Zukunftsvision entfachen, die unsere Stärken mobilisiert.
Es wird bald wieder neue Chancen geben, bei denen wir wieder ganz vorne dabei sein werden, das ist ja gerade das Tolle am Venture Capital. Durch Künstliche Intelligenz entstehen neue Zulieferindustrien – von Materialentdeckung über Sensorik bis zu Robotik-Komponenten. Entscheidend ist, europäische Spitzenforschung mit klaren Moonshot-Missionen an den Start zu bringen und sie reibungslos mit Start-ups und Industrie europaweit zu verzahnen. So entsteht hier echte Wertschöpfung – alles andere wäre zu kurz gedacht.
Welche Learnings ziehst Du aus Deinen Portugalaufenthalt und dem dortigen Start-up-Ökosystem und würdest diese gern gen Deutschland überleiten?
Borek: Wir sind damals bewusst in ein europäisches Nachbarland gezogen, um wirklich mal die europäische Idee zu erleben und auch mal mit einem gesunden Abstand in die Heimat zu blicken. Das portugiesische Ökosystem ist weltoffen und international. In Lissabon treffen sich Seriengründerinnen und Seriengründer aus aller Welt, und viele Scale-ups, aber auch der deutsche Mittelstand hat mittlerweile ein Office vor Ort, zudem ist die Engineering-Kompetenz an den Universitäten sehr hoch.
An einem typischen Abendessen sitzen oft zehn Nationen aus Gründer- und Investorenszene am Tisch. Der Dealflow ist deutlich europäischer und internationaler – davon kann Deutschland profitieren. Der Bürgermeister von Lissabon Carlos Moedas sagte mir einmal, es sei auch das Lebensgefühl – Freundlichkeit, Essen, Sonne, Strand – das lässt sich nicht eins zu eins exportieren; viele Start-ups kommen aber regelmäßig nach Lissabon, um aufzutanken. Ich habe Lissabon als strategischen Startup Hub erlebt, den wir viel mehr nutzen sollten.
Wenn Du nicht aus deutscher, sondern aus portugiesischer oder internationaler Perspektive auf den Markt für Gründer blickst: Wie würdest Du den beurteilen – und was würdest Du in deiner neuen Position daran ändern?
Borek: Ich habe noch nicht begonnen; deshalb ist es zu früh für konkrete Maßnahmen. Zunächst möchte ich das High-Tech Gründerfonds-Ökosystem in der Tiefe verstehen und vor allem die Menschen kennenlernen. Deutschland muss als Standort ein klares Signal senden, dass es herausragende Gründerinnen und Gründer anzieht und ihnen hier die besten Bedingungen bietet, um Unternehmen aufzubauen.
Berlin und München haben bereits Ökosysteme mit internationaler Strahlkraft. Für viele europäische Business Angels, Family Offices und Venture-Capital-Geber ist der High-Tech Gründerfonds ein verlässlicher Co-Investor und ein Qualitätssiegel in Deutschland. Wenn europäische Kapitalgeber konsequenter über Grenzen hinweg investieren und ihre Portfolios bewusst mit industriellen Champions vor Ort verbinden, wächst ein dichtes Innovationsnetzwerk. Genau so lässt sich die europäische Idee pragmatisch stärken.
Welche Reformen würdest Du Dir wünschen, um Gründen in Deutschland noch attraktiver zu machen oder Gründerinnen und Gründer in Deutschland zu halten?
Borek: Im Grunde ist das eine unternehmerische Aufgabe, hier kann die Politik von der Innovationskraft und dem Mindset der Start-ups profitieren. Egal, was wir tun: Es muss ambitioniert und pragmatisch sein. Wenn Deutschland im geopolitischen Wettbewerb bestehen will, brauchen wir einen klaren Fokus auf Schlüsseltechnologien und sollten dafür alle verfügbaren Ressourcen bündeln.
Den besten Start-ups sollten wir Hindernisse konsequent aus dem Weg räumen; im Gegenzug liefern sie dem Land langfristigen Mehrwert – nach dem Prinzip „Fördern und Fordern“. Der Bund vergibt jährlich Aufträge in Milliardenhöhe; davon sollten Start-ups deutlich stärker profitieren. Am wichtigsten sind am Ende immer das richtige Mindset, nach dem Motto: „Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.“
Wie remote kann Deine Stelle sein?
Borek: Das werde ich bald herausfinden. Der High-Tech Gründerfonds hat tolle Büros in Bonn, Berlin und München. Ich habe die letzten Jahre angefangen, mit Covid viel Remote zu arbeiten und alle Vor- und Nachteile kennenzulernen, insbesondere als Führungskraft. Mir ist der persönliche Austausch mit dem Team wichtig – das spontane Gespräch in der Kaffeeküche gehört dazu.
Remote ist gerade im Venture-Capital-Business einfacher als in einem mittelständischen Unternehmen oder einem Accelerator. Trotzdem entstehen Vertrauen und Kultur vor allem im direkten Miteinander. Ich ziehe daher im Oktober nach Bonn, der Familienumzug ist für nächstes Jahr geplant. Unser Haus in Portugal behalten wir – als Brücke ins internationale Ökosystem und als Ort zum Tanken.
Du darfst mal ein paar Tage mit einem Gründer, einer Gründerin tauschen. Wen wählst Du international? Wen vom deutschen Markt?
Borek: Auch wenn er polarisiert, würde ich gern einmal mit Elon Musk tauschen. Mich reizt sein kompromissloses, groß gedachtes First-Principles-Denken und die Arbeit mit außergewöhnlich talentierten Teams – ebenso seine aktuellen Projekte wie xAI, Optimus, SpaceX und sicher das ein oder andere Geheimprojekt, was noch im Labor ist. In Deutschland wären es für mich die Gründer von Biontech. Ich möchte Biotech tiefer verstehen und sehen, wie Künstliche Intelligenz die Forschung beschleunigt.
Ich glaube hier stehen uns große Durchbrüche bevor und kann mir vorstellen, dass wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren Krankheiten wie Krebs, Demenz oder ALS heilen werden und sogar unser Leben deutlich verlängern können. Hier entstehen auch viele Chancen für Gründungen. Das Schöne an meiner neuen Aufgabe ist, dass ich mich kontinuierlich in Geschäftsmodelle und in die Persönlichkeiten der Gründer hineinversetzen kann – und dabei jeden Tag weiterlerne.