Solange Clermond von Candriam „Wir können nur verwalten, was sich messen lässt“

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Wie lange wird es wohl dauern, bis wir unabhängig von russischer Energie sind? Sind das die größten Risiken der kommenden Monate?

Clermond: Es gibt drei große Risiken. Erstens: Je länger der Krieg in der Ukraine dauert, desto länger setzen sich auch die negativen Folgen für die Volkswirtschaften fort. Die ganze Situation in der Ukraine ist einfach sehr traurig. Ein zweites Risiko ist die Energieversorgung aus Russland. Und das dritte Risiko ist die schon angesprochene mögliche Bruchlandung in der Geldpolitik.

Gehört eine Stagflation zu den größten Risiken?

Clermond: Wir halten eine Stagflation zumindest nicht mehr für ausgeschlossen, aber wir zählen sie nicht zu den größten Risiken. Eine Stagflation bedingt ja zuvor eine Bruchlandung in der Geldpolitik, die dann eine Rezession auslöst. Stand jetzt schätzen wir in den USA die Wahrscheinlichkeit dafür auf etwa 30 Prozent. In Europa liegt die Wahrscheinlichkeit eher bei 50 zu 50, weil der Krieg mitten auf dem Kontinent stattfindet, Europa abhängiger von Russland und ökonomisch noch nicht für eine Zinswende bereit ist.

Können Multi-Asset-Fondsmanager die aktuelle Situation auch für Nachkäufe nutzen?

Clermond: Das ist eine gute Frage. Lassen Sie es mich mal so erklären: Normalerweise sollte ein Multi-Asset-Fonds wie ein programmierbarer Ofen sein – einmal die richtige Temperatur einstellen, die Pizza in den Ofen werfen und am Ende der geplanten Backzeit ist die Pizza fertig. Dies ändert sich auch nicht durch die aktuelle Situation. Ich habe in meiner Zeit bei Privatbanken schon eine Menge Kunden trösten müssen, die sich in Unternehmen oder Sektoren verliebt haben und mit Nachkäufen keinen Erfolg hatten. Als Multi-Asset-Manager will man solche Situationen verhindern und lieber stabiler Kern des Portfolios sein.

Setzen Investoren noch auf solche Multi-Asset-Lösungen?

Clermond: Der Lieblingskunde eines nachhaltigen Multi-Asset-Fonds – egal ob privater oder institutioneller Investor – weiß, dass er in erster Linie eine positive Rendite bei einem positiven ESG-Einfluss auf die Gesellschaft hat. Letzteres muss mittels einer klaren Systematik sichergestellt und mit Überzeugung ergänzt werden. Gerade institutionelle Investoren wollen mit ihren Investments nicht auf der ersten Seite einer Zeitung stehen, weil sie einen Ruf zu schützen haben. In so einem Fall ist ein Artikel-9-Fonds mit Multi-Asset-Fokus eine ganz gute Idee.

Zum Thema Nachhaltigkeit und Impact: Hilft Ihnen die Taxonomie der Europäischen Union bereits?

Clermond: Da gibt es sicher zwei Seiten. Wir können natürlich nur verwalten, was sich auch messen lässt. Die Taxonomie hilft uns dabei. Privatanleger werden vor Greenwashing geschützt und Großanleger können sicherer investieren. Allerdings bedeutet die EU-Taxonomie für die Asset Manager auch, dass Berichtspflichten für Fonds oder Mandate wahrgenommen werden müssen. Zum Glück ist Candriam ein großes Unternehmen, wir haben einen entsprechenden Apparat dafür. Aber ich möchte gerne wissen, wie kleinere Asset Manager und Vermögensverwalter damit klarkommen. Es ist eine Belastung für diese Mitbewerber, die wir am Markt aber dringend benötigen – und ich befürchte, dass sie durch die Maßnahmen erstickt werden könnten.

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