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Governance-Expertin im Interview „Wir drücken unsere Unzufriedenheit aus“

Catherine Winner

Catherine Winner: „Wir sind mit zahlreichen Unternehmen im regelmäßigen Dialog und sprechen Themen an, die uns wichtig sind. Dazu gehören der Kampf gegen den Klimawandel und inklusives Wachstum.“ Foto: Goldman Sachs Asset Management

Frau Winner, was ist die Hauptaufgabe von Ihnen und Ihrem Team?

Catherine Winner: Es geht darum, als aktive Investoren unsere Stimme zu nutzen und positive Veränderungen in den Unternehmen voranzutreiben, die wir in unseren Portfolios haben. Damit möchten wir einen Mehrwert für unsere Anleger schaffen und den Shareholder-Value heben. Ich bin seit drei Jahren Global Head of Stewardship bei Goldman Sachs Asset Management, war davor aber bereits 18 Jahre bei zwei anderen Asset Managern in diesem Bereich tätig. In dieser Zeit habe ich beobachtet, wie das Thema Stewardship immer stärker in den Fokus gerückt ist. Alleine dieses Jahr haben wir zahlreiche Beispiele für die Macht der Anleger gesehen. Das bestärkt uns in unserer Arbeit.

Unser Team ist mit Büros in New York, Tokio und jetzt London global vertreten. Wir arbeiten mit den Investmentteams rund um die Welt zusammen, um die Governance zu verbessern sowie Klimaschutz und inklusives Wachstum zu fördern. 

Können Sie uns ein Beispiel für den gestiegenen Stellenwert von Stewardship geben?

Winner: Es gab in diesem Jahr zahlreiche Abstimmungen, bei denen Investoren Unternehmen in Richtung eines nachhaltigeren Geschäftsmodells drängten. Die Möglichkeit, sich zu engagieren und bei den Abstimmungen seine Stimme einzusetzen, ist stärker ins Bewusstsein gerückt.

Abstimmungen sind also ihr Hauptinstrument?

Winner: Wir haben im vergangenen Jahr bei rund 10.000 Hauptversammlungen von Unternehmen im Gesamtwert von 330 Milliarden US-Dollar abgestimmt. Die Abstimmungen geben uns als langfristige Investoren die Möglichkeit, unsere Meinungen und Wünsche gegenüber dem Management auszudrücken. Unser Abstimmungsverhalten basiert auf einer klaren Richtlinie, die sich natürlich permanent weiterentwickelt, und ist vollkommen transparent – sowohl für das Management der Unternehmen als auch für unsere Kunden.

2020 votierten wir in 12 Prozent der Fälle gegen das Management. Wir haben also keine Scheu, wenn nötig unsere Unzufriedenheit auszudrücken. Zum Beispiel stimmten wir gegen 5300 Vorstände wegen Governance-Bedenken. Größtenteils wegen mangelnder Diversität. Die Abstimmungen werden ergänzt durch Engagement und Zusammenarbeit.

Können Sie das konkretisieren?

Winner: Wir sind mit zahlreichen Unternehmen im regelmäßigen Dialog und sprechen Themen an, die uns wichtig sind. Dazu gehören der Kampf gegen den Klimawandel und inklusives Wachstum. Wir setzen auf konstruktiven Austausch und möchten den Unternehmen helfen, sich zu verbessern.

Sind im schlimmsten Fall Ausschlüsse eine Option?

Winner: Wir haben Portfolios, bei denen Branchen oder Geschäftsfelder ausgeschlossen sind. Insgesamt ist unser Ansatz jedoch ein anderer: Wir halten es für sinnvoller, mit den Unternehmen am Tisch zu sitzen und im Dialog zu bleiben. Zugegeben: Einige Fortschritte kosten Zeit, aber wir managen geduldiges Kapital. Und wir haben keine Scheu, unser Engagement auszuweiten, wenn wir das Gefühl haben, dass wir bei den Verantwortlichen nicht durchdringen. Der Eskalationsprozess ist bei jedem Unternehmen anders.

Sie haben Diversität und Klimawandel angesprochen. Sind das die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Winner: In den vergangenen drei Jahren wurde Diversität zu einer Priorität. 2019 haben wir in den USA begonnen und gegen den Vorsitzenden des Nomination Committee gestimmt, wenn nicht mindestens eine Frau im Board war (Anm. d. Red.: Das Nomination Committee schlägt den Aktionären Kandidaten für das Board vor, das vergleichbar ist mit einer Kombination aus Vorstand und Aufsichtsrat). Ein Jahr später haben wir den Prozess erweitert und weltweit gegen das gesamte Nomination Committee gestimmt, wenn nicht mindestens eine Frau dabei war – auch in Asien, wo Frauen in Führungspositionen traditionell einen geringeren Anteil ausmachen. 2021 werden wir in den USA gegen das gesamte Board stimmen, wenn keine Frau dabei ist.

Und beim Thema Klimaschutz?