Gerüchte Wie eine Internet-Gemeinde Gold zu Eigenkapital machen wollte

Der Goldschatz der Bundesbank

Der Goldschatz der Bundesbank Foto: Foto: Bundesbank

Gold-Anleger sind wie Aktionäre von Internet-Unternehmen – vor 13 Jahren. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch: Um die raketenartig gestiegenen Kurse von Unternehmen wie Pixelpark oder Doubleclick neu zu rechtfertigen, dachten sie sich flugs eine neue Bewertungstechnik aus. Sie setzten die Klickzahlen der Webseiten mit den Aktienkursen ins Verhältnis. Allerdings nur, bis die Kurse einbrachen.

Heute gehen Gold-Fans mit mindestens ebenso interessanten Ideen an den Start. Eine von ihnen ist die, Banken könnten Gold demnächst als Eigenkapital nutzen. Die neue Bilanzrichtlinie für Banken „Basel III“ mache es möglich. Gigantische Rechnungen geistern dazu im Internet. So errechnet ein gewisser Ross Norman eine zusätzliche Nachfrage seitens der Banken nach 1.700 Tonnen Gold. Nämlich wenn 2 Prozent allen globalen Bankeneigenkapitals in Gold gingen. Das wären 85 Milliarden Dollar. Ross Norman ist Chef des Londoner Goldhändlers Sharps Pixley.

Ratlosigkeit in Basel

Auch andere greifen das Gerücht auf und verknüpfen es mit einer Art Hoffnung. Vielleicht hilft es ja dem zuletzt schlappen Goldpreis ein bisschen wieder auf die Beine.

„Die Anfrage bezüglich Gold als Eigenkapital haben wir schon häufiger erhalten“, sagt Karl Cordewener, Stellvertretender Generalsekretär im Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, und meint: „Ich muss ehrlich sagen, dass ich keine Ahnung habe, wo sie ihren Ursprung hat, zumal Gold ja ein Aktivposten ist.“

Damit spricht er den Kern des ganzen Irrtums aus. Gold ist ein Vermögensgegenstand, und den bilanziert eine Bank immer auf der linken Seite der Bilanz, der Aktiva (siehe Infografik). Das Eigenkapital steht aber immer auf der rechten Seite der Bilanz, der Passiva. Dorthin gehört alles, was die Bank anderen Leuten schuldet: Kernkapital schuldet sie entweder sich selbst (Gewinnrücklagen) oder ihren Aktionären (Grundkapital). Fremdkapital schuldet sie ganz normalen Kreditgebern, zum Beispiel anderen Banken oder ihren eigenen Kunden, die dort ein Konto haben.

Das Gold der Bundesbank

Gold hat auf der Passiva aber nichts zu suchen. Um das buchungstechnisch hinzubekommen, müsste Basel die über 500 Jahre alte doppelte Buchführung kippen und an deren Stelle etwas anderes setzen. Haben die Experten aber nicht vor.

Nun führen Anhänger der Gold-Eigenkapital-Theorie gern an, dass ja auch die Bundesbank über Goldbestände verfüge, mit denen sie arbeite. Das ist nur zur Hälfte richtig. Zwar hat die Bundesbank tatsächlich eine Menge Gold, das steht aber in ihrer Bilanz auf der richtigen Seite, der Aktiva. Mit Eigenkapital hat das nichts zu tun.

Ebenfalls munkeln manche, wie Gold auf der Aktiv-Seite behandelt wird. Als Liquidität gelten unter anderem sämtliche flüssigen Mittel, auch der Kassenbestand. Dieser Teil, in der Aktiva ganz oben, ist maßgeblich für die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens, die Solvenz.

Falls Basel es zulassen sollte, würde Gold demnächst auch als Liquiditätsposten gelten. So etwas hat die Interessenvertretung World Gold Council gefordert. Damit würde Gold die von Basel III neu geforderten Liquiditätsquoten einer Bank verbessern. Das wäre aber verrückt. Gold kann nie so liquide sein wie Bargeld. Sollten Banken in einer Liquiditätskrise bei eingefrorenem Geldmarkt plötzlich größere Goldbestände abstoßen wollen, könnte das den Goldmarkt zusammenbrechen lassen. Hinzu kommt ein enorm hohes Kursrisiko. Wie kann nur etwas als Liquidität gelten, das innerhalb zwei Wochen 7,5 Prozent seines Wertes verlieren kann? Ist im Mai 2012 passiert.

Von Tieren und Levels

In den Unterlagen aus Basel ist in diesem Zusammenhang von dem Begriff „Level-1-Assets“ für hochliquide Anlagen die Rede. Den im Internet gern auftauchenden Begriff „Tier-1-Asset“ gibt es nicht. Das ist eine Verwechselung. Mit „Tier“ bezeichnet man die verschiedenen Kapitalstufen, die auf der Passivseite auftreten. Tier-1-Kapital ist das Kernkapital, das in Deutschland unter anderem aus dem von Aktionären eingezahlten Geld und einbehaltenen Gewinnen besteht. Es ist das sicherste und damit wertvollste Kapital. Das Fundament der Bank, das laut Basel III künftig deutlich stärker werden soll. Aber eben nicht mit Gold.

Einzig in Sachen Ausfallrisiko liegt Gold mit dem Cash-Bestand einer Bank gleichauf. Denn Gold trägt laut Bilanzrichtlinien kein Ausfallrisiko. Die Bank muss es in diesem Punkt somit nicht mit Eigenkapital absichern. Aber zu früh gefreut: Das Marktrisiko – wie das normale Kursrisiko im Bilanzsprech heißt – muss eine Bank dagegen sehr wohl absichern. Gold zählt in dieser Hinsicht als Fremdwährung und geht folglich in die Risikorechnung mit ein.

Und das ist auch gut so. Solange Gold seinen Preis in Euro und Dollar jeden Tag ändert, Bankbilanzen aber nur in diesen Währungen aufgestellt werden, bringt Gold ein Risiko. Damit Gold tatsächlich risikofrei werden kann, müsste das gesamte Währungssystem fest an Gold gekoppelt werden. Wie früher im Bretton-Woods-System. Ein festes Verhältnis von Euro und Dollar zur Unze. Das könnte tatsächlich irgendwann einmal passieren. Doch selbst das würde Gold nicht zum Eigenkapital machen, sondern eher zu einer eisernen oder vielmehr goldenen Reserve.

Solange das nicht passiert, sichert Gold in der Bankbilanz nichts, sondern braucht sogar noch eine Sicherung.