Im Technologiesektor wachsen die Zweifel massiv. Die drängende Frage lautet, ob der gigantische Investitionsboom in künstliche Intelligenz die ambitionierten Bewertungen westlicher Konzerne noch rechtfertigt. Ein neuer Schock aus Asien befeuert diese Ängste. Der chinesische Anbieter Moonshot hat das Open-Weight-Modell Kimi K3 veröffentlicht.
Es operiert auf Augenhöhe mit den Spitzenmodellen von OpenAI und Anthropic. Der eigentliche Angriff erfolgt über den Preis. Die Ausführung standardisierter Aufgaben kostet mit chinesischen Modellen wie Deepseeks V4 Flash lediglich 2 Cent. Das westliche Äquivalent schlägt mit 2,75 US-Dollar zu Buche. Dieser exorbitante Preisunterschied bringt die amerikanischen Entwickler extrem unter Zugzwang.
China subventioniert KI-Anbieter massiv
Flankiert wird diese Offensive durch massive staatliche Unterstützung aus Peking. Der Aufbau von Infrastruktur erfolgt in enormem Tempo. Während westliche Industrienationen mit den energetischen Anforderungen von Rechenzentren kämpfen, nutzt China gezielt lokale Standortvorteile.
In der Inneren Mongolei treibt billiger Strom aus erneuerbaren Energien den Bau hunderter Datenzentren voran. Der Staat subventioniert bis zu 50 Prozent der Stromkosten. Die einzige Bedingung ist der exklusive Einsatz chinesischer Chips. Die Sorge vor globalen Überkapazitäten drängt sich auf.
„Peking rollt seinen KI-Entwicklern den roten Teppich aus. Hochgradig subventionierter Strom aus Erneuerbaren und gedeckelte Kosten für Rechenzentren schaffen einen gravierenden Wettbewerbsvorteil, der das Silicon Valley ernsthaft bedroht“
Diese Friktionen bergen für die globale KI-Lieferkette dennoch enorme Chancen. Effizientere Modelle reduzieren zwar vordergründig den Bedarf an Rechenleistung. Das Jevons-Paradoxon lehrt uns jedoch einen anderen Mechanismus. Sinkende Nutzungskosten führen zu einer überproportional steigenden Nachfrage. Die Technologie wird flächendeckend in unzählige Prozesse integriert.
Die Welt wird am Ende noch mehr Rechenleistung benötigen. Halbleiterwerte befinden sich derzeit in einem Bärenmarkt. Angesichts der langfristigen Nachfrageperspektive eröffnet dies eine strategische Einstiegsgelegenheit. Das angespannte Marktsentiment könnte jedoch vorerst verhindern, dass Investoren diese Chance konsequent nutzen.
Die Kombination aus geopolitischen Spannungen und einem drohenden Preiskrieg in der künstlichen Intelligenz erstickt jeglichen Optimismus. Der Markt preist aktuell das Risiko ein, dass die immensen Investitionen der westlichen Tech-Giganten weitaus schwerer zu monetarisieren sind als bisher erhofft.
Ein überraschend positiver Index zum US-Verbrauchervertrauen der University of Michigan verpuffte wirkungslos. Die geopolitische Eskalation im Nahen Osten verunsichert die Akteure zutiefst. Parallel dazu klettert der Ölpreis. Diese Entwicklung rückt das Thema Inflation schlagartig wieder in den Fokus. Die noch vor kurzem gehegten Hoffnungen auf ausbleibende Zinserhöhungen durch die Federal Reserve erhalten einen empfindlichen Dämpfer.
Über den Autor:
Stephan Kemper ist Chief Investment Strategist im Wealth Management des französischen Bankhauses BNP Paribas.