Eigene Fehler einzugestehen tut weh, deshalb wird die bewusste Realisierung des Verlusts nicht selten verdrängt. Das Abwarten führt jedoch oft zu noch größeren Verlusten, was die Entscheidung für notwendige Gegenmaßnahmen behindert und den empfundenen Schmerz noch weiter erhöht. Viele Anleger trennten sich erst spät von ihren Aktien, die sie während der Hausse am Neuen Markt gekauft hatten. Die letzten „Depotleichen“ wurden dann Jahre später aus kosmetischen Gründen verkauft – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Statistische Daten belegen, dass über sehr lange Zeiträume das Risiko an den Aktienmärkten mit einer Überrendite entlohnt wird. Dennoch versuchen Anleger, durch geschicktes Timing und aktives Handeln ihre Gewinne kurzfristig zu steigern. Oft erreichen sie damit aber genau das Gegenteil, denn das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Aus psychologischen Experimenten weiß man, dass sich Menschen zeitinkonsistent verhalten und die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung bevorzugen.
Anleger sind ungeduldig und bewerten den kurzfristigen Erfolg einzelner Positionen höher als den möglichen Langfristerfolg der Gesamtanlage. Sie vergleichen ihre eigenen Anlagen mit Investments, die temporär eine bessere Performance erzielt haben, und wechseln dann leider oft spontan das Pferd. Letztlich profitieren nur die geduldigen Anleger, wie einer meiner langjährigen Kunden, der seine Aktien mehr als 50 Jahre behalten hat und damit seinen Einsatz verzwanzigfachen konnte. In diesem Fall bestätigt eine Börsenweisheit seinen Erfolg: „Gewinne werden mit dem Hintern gemacht, indem man möglichst lange darauf sitzen bleibt.“
Fazit: Börse ist Psychologie
In meiner langjährigen Tätigkeit als Anlageberater ist mir der Homo oeconomicus nur selten begegnet. Jeder Anleger – und auch jeder Berater – sollte sich unbedingt darüber im Klaren sein, dass er ebenso wie alle anderen Marktteilnehmer permanent dem Risiko ausgesetzt ist, irrationale Entscheidungen zu treffen und Fehler zu machen. Ursächlich dafür ist das Streben nach schneller Belohnung gepaart mit Verlustangst. Die Erkenntnisse aus der Behavioral Finance helfen, die eigenen Verhaltensmuster zu erkennen und typische Fehler unter Stress zu vermeiden. Ein grundsätzliches Missverständnis vieler Privatanleger ist die Überzeugung, dass ihnen ein Anlageberater mit seinem Expertenwissen schnelle Spekulationsgewinne verschaffen kann.
Wichtig ist deshalb die Aufklärung und Wissensvermittlung, damit der Kunde versteht, dass ein langer Atem am Ende auch belohnt wird. Am besten lässt sich das mit langfristigen Zeitreihen im Kundengespräch darstellen. In Phasen fallender Kurse wird dann aber schon mal die Börse als Institution und die Kompetenz des Beraters in Frage gestellt. So auch im März 2020, als der Dax in 28 Tagen fast 40 Prozent einbrach. Meine Kunden bewahrten zwar die Ruhe, aber nur wenige ließen sich überzeugen, ihr Aktienengagement auszubauen – die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie war zu groß.
Wie alle wichtigen Entscheidungen im Leben sollte man auch die Anlagestrategie gut überlegen und regelmäßig prüfen, ohne sich dabei von Emotionen leiten zu lassen oder sie schlimmstenfalls sogar impulsiv durch unüberlegtes Handeln zu verändern oder gar zu beenden. Ein externer Berater, ein Finanzausschuss oder das Familiengremium können bei drängenden Entscheidungen Unterstützung leisten. Empfehlenswert ist, die eigenen Anlageentscheidungen zu dokumentieren, etwa in einem Finanztagebuch. Mit dieser zusätzlichen Selbstkontrolle lassen sich Fehler erkennen und das eigene Verhalten rückblickend analysieren.
Die Gewissheit, dass Märkte nicht effizient sind und Marktteilnehmer zu Übertreibungen neigen, lässt sich aber auch gewinnbringend nutzen, etwa durch antizyklisches Investieren: Gerät die Mehrheit der handelnden Akteure in Panik und fallen die Kurse ins Bodenlose, sollte man einen kühlen Kopf bewahren und sich nicht anstecken lassen. Ein erfahrener Berater bereitet seine Kunden auf diesen Moment mental vor. Dann braucht es nur noch Entschlossenheit und viel freie Liquidität – ganz im Sinne Warren Buffets.
Über den Autor:
Boris Bochnig ist Gründer der BB&V Investment Consulting. Den Berliner Finanzdienstleister hat er im Oktober 2020 gegründet. Zuvor war er im Private Banking und Wealth Management der Bankhäuser Lampe, Sal. Oppenheim, Commerzbank und der früheren Dresdner Bank tätig. Mit 25 Jahren Berufserfahrung macht er sich dann mit der BB&V selbstständig.