Die eigenen Fähigkeiten überschätzen
Weltweiten Umfragen zufolge behaupten die meisten Menschen von sich, besser Auto zu fahren als der Durchschnitt, was rein mathematisch unmöglich ist. Dieser sogenannte Better-than-average-Effekt ist ein Phänomen der verzerrten Wahrnehmung und individuellen Selbstüberschätzung. Er lässt sich auch auf Börsianer übertragen. Für die eigene Überlebens- und Erfolgsstrategie kann der Glaube an die herausragenden persönlichen Fähigkeiten eine wichtige Rolle spielen, sonst wären vielleicht viele Projekte gar nicht erst entstanden. Insofern leistet der individuelle Optimismus einen wichtigen Beitrag zum Fortschritt der Menschheit.
Die eigene Selbstüberschätzung kann aber bei der Geldanlage zu großen Risiken und letztendlich auch zu hohen Vermögensschäden führen. Besonders Börsenneulinge sind wie Fahranfänger – sie leben gefährlich, denn sie unterschätzen die Komplexität und die Risiken an den Finanzmärkten, ihre Renditeerwartungen sind oft unrealistisch. Diese kognitive Verzerrung, nach ihren Erfindern heute landläufig als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet, beschreibt die Unfähigkeit, sich selbst objektiv zu beurteilen: „Wenn man inkompetent ist, kann man nicht wissen, dass man inkompetent ist“, so David Dunning 2010 in einem Interview.
Je größer aber das Wissen und die Erfahrung, desto realistischer die Selbsteinschätzung. Erfahrene Investoren zeigen Demut, sie kennen die Launen der Börse und verstehen den Markt als ein chaotisches System, das den eigenen Prognosen nur zufällig folgt, deshalb arbeiten sie mit Risikoparametern und Wahrscheinlichkeiten. Die Finanzkrise 2008 hat aber auch gezeigt: Selbst Finanzprofis neigen gelegentlich zu Selbstüberschätzung und Gier; die eigenen Erfolge werden überbewertet, Misserfolge verdrängt oder vergessen. „Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und tanzen“, riet Chuck Prince, Chef der Citigroup Bank, im Jahr 2007 – kurz vor Beginn der massiven Abwärtsbewegung an der Börse und dem Bei-nahe-Zusammenbruch des Weltfinanzsystems.
Der Herdentrieb
Wie sich viele Tierarten instinktiv zusammenschließen, um sich beispielsweise vor Feinden zu schützen, fühlt sich auch der Mensch in der Gruppe sicherer als allein und geht daher in der Gemeinschaft höhere Risiken ein – auch das war in der frühen Menschheitsgeschichte eine notwendige und erfolgreiche Überlebensstrategie. Entsprechend vertraut der Anleger im Herdenverhalten auf die kollektive Intelligenz und das Schwarmwissen des Mainstreams. Untersuchungen zum Schwarmverhalten von Fischen zeigen jedoch, dass bereits 5 Prozent der Fische genügen, um den gesamten Schwarm in eine Richtung zu lenken.
Ähnlich verhält es sich heute mit der medialen Börsenberichterstattung als dominanter Informationsquelle für die Mehrheit der Anleger. Informationen werden dabei nur von wenigen Meinungsmachern ausgewählt, interpretiert und bewertet. Der Anleger läuft somit Gefahr, sich einseitig beeinflussen zu lassen und falschen oder zumindest für ihn unpassenden Anlagetipps zu folgen. Während jeder zertifizierte Anlageberater einer strengen staatlichen Aufsicht unterliegt, können Medien mit großer Reichweite beliebige, auch spekulative Anlageempfehlungen geben, ohne anschließend bei Vermögensschäden die Verantwortung übernehmen zu müssen. In den täglich veröffentlichten Rankings der meist gehandelten Aktien in Deutschland findet man ihre Tipps ganz oben auf der Liste.
Überreaktion, Verlustschmerz und Ungeduld
Zweifellos gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen medialer Berichterstattung und Handelsvolumen und der Überreaktion auf Informationen. Anfällig dafür sind unerfahrene Investoren, die nicht in der Lage sind, Informationen objektiv richtig zu bewerten. Die Informationsbeschaffung ist für den Einzelnen zeitaufwändig, viele Anleger sind damit überfordert und verlassen sich aus Effizienzgründen darauf, dass die Mehrheit der Investoren mit ihrer Einschätzung richtig liegt. Handeln viele Marktteilnehmer auf der Basis gleicher Informationsquellen, kann es zu einer Fortsetzung oder sogar Beschleunigung kurzfristiger Trends kommen, und es besteht die Gefahr von Übertreibungen.
Beispiele spekulativer Übertreibungen gibt es viele. Außergewöhnlich war die Euphorie Ende der 1990er Jahre, als die Deutschen die Börse entdeckten und jeder Neuemission am Neuen Markt hinterherliefen. Die Bewertungen einzelner Unternehmen erreichten absurde Niveaus, so stieg die Aktie des Medienunternehmens EM.TV von umgerechnet 35 Cent zum IPO im Oktober 1997 auf später 120 Euro im Jahr 2000. Ich wurde Zeuge einer gigantischen Spekulationsblase, die kurze Zeit später platzte. Eine seriöse Beratung war in diesen Zeiten nicht mehr möglich, viele Anleger ignorierten sämtliche Warnhinweise. „Diesmal ist alles anders“ ist dann vielleicht doch der teuerste Satz, den man als Investor aussprechen kann.
Niederlagen werden intensiver erlebt als Siege – Börsenverluste schmerzen deshalb mehr als Börsengewinne erfreuen. In einem breit diversifizierten Portfolio gibt es häufig Positionen, die im Wert gestiegen sind, aber immer auch Positionen, die im Verlust stehen. In der Praxis ist daher häufig zu beobachten, dass Anleger bereits kleine Gewinne in ihrem Depot zwar freudig realisieren, Buchverluste allerdings um einiges schlechter verkraften und lange daran festhalten. Rational wäre aber, den Verlust in jeder Einzelposition durch Verkauf möglichst klein zu halten und die Gewinne in den verbleibenden Positionen des Portfolios laufen zu lassen.