Wertpapierkultur in Deutschland Money-Management für alle

Aktionärsversammlung des Pharmakonzerns Stada: Inzwischen steigt die Zahl der Privatanleger wieder, die mit Kapitalmarktprodukten Vermögen aufbauen und für das Alter vorsorgen wollen | © Stada

Aktionärsversammlung des Pharmakonzerns Stada: Inzwischen steigt die Zahl der Privatanleger wieder, die mit Kapitalmarktprodukten Vermögen aufbauen und für das Alter vorsorgen wollen Foto: Stada

Der Deutsche Aktienindex (DAX) kletterte in den vergangenen Jahren von Höchststand zu Höchststand. Spareinlagen hingegen kamen im Vergleich dazu betrachtet gar nicht voran: Die maximale Verzinsung für Tagesgeld liegt weiterhin bei 1,2 Prozent im Jahr. Die aktuelle Rendite von Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit beläuft sich auf magere 0,5 Prozent. Nicht zuletzt weil die Inflation in der Eurozone seit Jahresbeginn 2017 wieder leicht anzieht, verlieren die Sparer Geld.

Viele Marktbeobachter rieben sich angesichts dieser Lage die Augen: Anleger in Deutschland machten in den vergangenen Jahren was? Sie mieden Aktien und bunkerten ihr Geld auf dem Sparbuch. Folglich meldete das Deutsche Aktieninstitut (DAI) in Frankfurt immer neue Rückgänge der Zahl der Aktionäre. Zum Vergleich: Rund eine halbe Million Anleger hatten allein im Jahr 2014 der Aktie den Rücken gekehrt.

Aufkeimendes Interesse am Aktienmarkt

Doch mittlerweile scheint das zarte Pflänzchen Wertpapierkultur in Deutschland wieder zu wachsen. Sowohl die Sparkassen als auch die Volks- und Raiffeisenbanken melden ein deutlich gestiegenes Interesse der Anleger an Fondssparplänen. Die Dekabank teilte jüngst mit, dass im ersten Halbjahr 2017 rund 300.000 Fondssparpläne abgeschlossen wurden – mehr als im gesamten Jahr 2016. Die Statistiken des Deutschen Fondsverbands BVI bestätigen die Zahlen: Die Fondsbranche verzeichnete im ersten Halbjahr 2017 den zweitbesten Absatz nach dem ersten Halbjahr 2015. Insgesamt vertrauten Anleger der Fondsbranche zwischen Januar und Juni 2017 rund 79 Milliarden Euro an.

Dennoch: Im Jahr 2016 besaßen in Deutschland nur 8,98 Millionen Menschen Aktien und Anteile an Aktienfonds, hat das Deutsche Aktieninstitut ermittelt. Doch zu diesen Aktienbesitzern zählen auch die 1,1 Millionen Belegschaftsaktionäre, von denen 828.000 ausschließlich die Belegschaftsaktien des Unternehmens halten, für das sie arbeiten. Das heißt: Hierzulande erzielen nur rund acht Millionen Menschen Aktienrenditen aus unterschiedlichen Ertragsquellen wie Aktien und Aktienfonds.

Die Zahl der direkten Aktionäre in Deutschland liegt sogar noch niedriger: 2016 belief sich die Zahl der direkten Aktionäre, also Anleger, die direkt in Wertpapiere investieren und keine Anteile an Aktienfonds halten, auf 4,38 Millionen.

Viele Hindernisse auf dem Weg zum Wertpapier

Fehlt es den Deutschen an Vertrauen in die eigene Wirtschaft? Mitnichten, die Bundesbürger sind stolz auf die eigene Wirtschaftsleistung und Produkte „Made in Germany“. Was fehlt, ist das Vertrauen in die Aktie als langfristige Kapitalanlage. Die Furcht vor einem erneuten Börsen-Crash wiegt weit höher als die Sehnsucht nach Rendite. Befeuert wird diese Angst durch sogenannte „Crash-Propheten“, die bei Korrekturen am Aktienmarkt von den Covern der Finanzmagazine und Boulevardzeitungen die nächste Finanzkrise prophezeien.

Und auch der Gesetzgeber tut sein Übriges, den potenziellen Kleinanleger vom Aktienmarkt fern zu halten. Beratungsprotokolle, Produktinformationsblätter, Kleinanlegerschutzgesetz oder die kommende MiFID II sind vom Ansatz gut gemeint, machen die klassische Wertpapierberatung jedoch zu einem bürokratischen und juristischen Akt, der die Beratung in der Masse schlichtweg unrentabel macht. Einige Institute haben in der Folge ihre individuelle Beratung für Retail-Kunden längst eingestellt.