Die Notwendigkeit eines Aus- und Umbaus der deutschen Energieinfrastruktur ist unverkennbar. Im Rahmen der zunehmenden geopolitischen Konflikte wird die Bedeutung einer souveränen Energieversorgung neu bewertet – nicht allein, um die wachsenden Energiepreis-Amplituden zu glätten, sondern auch, um den steigenden Energiebedarf der Wirtschaft zu decken. Energie und die damit verbundenen Kosten sind ein entscheidender Standortfaktor für die heimische Industrie und Dateninfrastruktur. Der zügige und konsequente Ausbau der Erneuerbaren Energien wird so zum Schlüssel nicht nur der Energiewende, sondern auch der Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen und globalen Lieferketten.
Dezentralisierung als Strukturprinzip
Im Fokus steht dabei nicht nur der Ausbau der Erzeugungskapazität, sondern ein topographischer Umbau, der die Energieerzeugung und -versorgung auf vielfältigere Quellen verteilt und stärker in die Fläche trägt – dorthin, wo eine hohe Nachfrage nach Energie besteht. Ein Instrument dafür sind sogenannte Microgrids: meist lokale, intelligente Stromnetze, die vom Hauptnetz entkoppelt sind und energieintensive Unternehmen, große Industrieparks sowie Datencenter mit dezentral erzeugter Energie autark versorgen. In den USA wird dieses Modell bereits erfolgreich erprobt. Diese Grids lassen sich ideal mit Strom aus Erneuerbaren sowie effizienten Batteriespeichersystemen bewirtschaften.
Ein breit und redundant aufgebautes Netz aus verschiedenen nachhaltigen Energieerzeugern und -speichern gewährleistet Stabilität und Flexibilität und kann Schwankungen bei Erzeugung und Nachfrage besser ausgleichen. Dezentrale Systeme sind zudem robuster gegenüber Ausfällen einzelner Kapazitäten und erhöhen die Widerstandsfähigkeit in Krisensituationen – etwa bei Wetterextremen, Netzschwankungen oder Cyberangriffen auf die klassische Netzinfrastruktur.
Enormer Kapitalbedarf – und eine Lücke für private Investoren
Diese Situation eröffnet privaten Investoren erhebliche Chancen. Ihr Kapital wird dringend benötigt: Allein der Ausbau der Stromnetze bis 2045 erfordert nach Schätzungen rund 600 Milliarden Euro. Das öffentliche Sondervermögen des Bundes kann diesen Bedarf nur zu einem kleinen Teil abdecken. Deutschlands Ausgangsposition ist dabei gut: Das Land belegt den ersten Platz im „Global Grids Index", der bewertet, wie gut die Stromnetze in den weltweit führenden Nationen auf die Integration erneuerbarer Energien vorbereitet sind – und wird voraussichtlich Europas größter Investor in Stromnetze werden.
Gleichwohl ist auch das deutsche Stromnetz noch nicht ausreichend vorbereitet, um die Wirtschaft vollständig zu elektrifizieren und Erneuerbare Energien im erforderlichen Umfang zu integrieren. Nachholbedarf besteht insbesondere bei der Digitalisierung der Netze, beim Ausbau von Energiespeichern und bei den Netzkapazitäten für Datencenter.
Die Mittelzuflüsse in deutsche Infrastruktur unterstreichen die Attraktivität des Standorts – zuletzt sichtbar beim Einstieg großer internationaler Staats- und Pensionsfonds beim deutschen Übertragungsnetzbetreiber Tennet. Die deutsche Energieinfrastruktur ist zudem aufgrund ihrer stark privatwirtschaftlichen Ausrichtung deutlich offener für private Investoren als andere Bereiche wie Straße oder Schiene. Das moderate Renditeniveau spiegelt dabei das entsprechend moderate Risikoprofil wider: Deutschland zählt weiterhin zu den größten Industrienationen mit hoher politischer Stabilität und Rechtssicherheit – Eigenschaften, die einen stabilisierenden Anker in einem diversifizierten Portfolio bilden.
Risikoklassen und Renditekorridore
Der Markt für Infrastrukturinvestitionen hat sich über die vergangenen 20 Jahre stark entwickelt und bietet Anlegern verschiedene Zugangswege. Je nach Risikoappetit stehen Investoren vor der Wahl zwischen Anlagen mit Marktrisiken und entsprechend höheren Renditechancen einerseits sowie Anlagen mit regulierten Umsätzen und planbaren Ausschüttungen andererseits.
Zur ersten Kategorie zählen unter anderem die Entwicklung und der Bau neuer Wind- und Solarparks, Batteriespeicher oder Datencenter, die in frühen Phasen Risiken aus Genehmigungen, Netzanschlüssen sowie der Lieferung von Bauteilen und Komponenten tragen. Hinzu kommen Risiken aus Wettbewerb, Technologieentwicklung und möglichen Preisschwankungen am Strommarkt – sofern diese Anlagen ihren Output nicht über langfristige Verträge wie Power Purchase Agreements (PPAs) abgesichert haben. Diese Assets werden den Segmenten Core Plus bzw. Value Add zugeordnet; Renditeerwartungen liegen je nach Risikolage in der Regel bei 10 bis 15 Prozent oder darüber.
Zur zweiten Kategorie zählen regulierte Strom-, Gas- und Wärmenetze, deren Rendite auf Verfügbarkeitsmodellen basiert und den Eigentümern eine gesetzlich genehmigte Verzinsung des eingesetzten Kapitals ermöglicht. Diese sogenannten Core Assets bieten dem Eigenkapitalgeber in der Regel eine Verzinsung von 7 bis 10 Prozent.
Servicegeschäfte als wachsende Nische
Eine zunehmend interessante Ergänzung stellen infrastrukturnahe Servicegeschäfte dar – etwa Unternehmen, die für Bewirtschaftung, Wartung oder Sicherheit von Infrastrukturassets verantwortlich sind. Dazu können beispielsweise Anbieter zählen, die den Schutz und die Überwachung von Tiefseekabeln oder Energiepipelines übernehmen. Dieses Segment ist noch überschaubar, unterliegt jedoch einem stetigen Wachstum, da sowohl die technologische Ausgestaltung als auch die Definition von Infrastruktur einer kontinuierlichen Weiterentwicklung unterliegen.
Hinweis: Der Autor ist Managing Director bei Altamar Cam Partners, einem Vermögensverwalter mit kommerziellem Interesse an Kapitalzuflüssen in den beschriebenen Infrastrukturmarkt.
Über den Autor
Frank Amberg ist Managing Director im Bereich Infrastruktur bei Altamar Cam Partners. Zuvor leitete er 15 Jahre lang den Bereich Private Equity & Infrastruktur bei der Meag und war in dieser Zeit unter anderem Mitglied des Aufsichtsrats von Amprion und OGE.