„Was kirchliche Investoren besonders auszeichnet, ist, dass die Kirchen auf die Ewigkeit ausgelegt sind“, sagt Sebastian Kösters, Investmentchef bei der EB-Sim, der Asset-Management-Tochter der Evangelischen Bank. Also ein unendlicher Anlagehorizont. Das eröffnet die Möglichkeit, kurz- bis mittelfristige Schwankungen komplett auszublenden.
Etwas, was bei den Stiftungen der großen US-Universitäten oder dem norwegischen Staatsfonds gut funktioniert. Erstere setzen vor allem auf illiquiden Privatmarktanlagen. Die sind sehr renditeträchtig, allerdings eben auch nicht liquide, wenn dringend Geld benötigt wird. Der norwegische Staatsfonds dagegen setzt wohl auch deshalb überwiegend auf liquide Aktien.
Beides sind gangbare Wege. Und könnten für kirchliche Investoren vor allem deshalb interessant sein, weil sich auf der Einnahmenseite aufgrund des Mitgliederschwunds eine zunehmende Lücke auftut. Insgesamt gehörten Ende 2024 hierzulande 37,8 Millionen Menschen einer der beiden großen Kirchen an.
Doch die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt kontinuierlich. Bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) traten im vergangenen Jahr nach eigener Aussage 345.000 Gläubige aus.
Der katholischen Kirche kehrten nach Angaben der katholischen Deutschen Bischofskonferenz 322.000 Menschen den Rücken. Zwar wurden bei beiden Konfessionen auch wieder neue Gläubige aufgenommen, etwa durch Taufen, doch im Vergleich zu den Kirchenaustritten ist die Zahl ein Tropfen auf den heißen Stein.
Und die langfristige Perspektive ist noch schwerwiegender: Bis 2060, so eine Analyse im Auftrag der evangelischen Kirche, dürfte sich die Zahl der evangelischen Kirchenmitglieder von aktuell knapp 18 auf 10,5 Millionen reduzieren.
Kirchen vor finanziellem Stresstest
Dieser anhaltende Mitgliederschwund stellt die Kirchen nach einer aktuellen Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) vor finanzielle Herausforderungen. Nach Schätzungen der Wirtschaftsexperten beträgt das gesamte Kirchensteueraufkommen für das Jahr 2025 nominal rund 12,7 Milliarden Euro. Davon entfallen etwa 6,7 Milliarden Euro auf die katholische und rund sechs Milliarden Euro auf die evangelische Kirche.
Zwar wachsen die nominalen Steuereinnahmen der beiden christlichen Kirchen grundsätzlich mit der Entwicklung der Einnahmen aus der Einkommensteuer, doch weil der Kreis der Kirchensteuerzahler von Jahr zu Jahr weiter schrumpft, sinken real die Einnahmen. Somit steht den Kirchen immer weniger Geld zur Verfügung. Dazu kommt der demografische Wandel.
Da die geburtenstarken Jahrgänge sukzessive in Rente gehen, sinkt deren Einkommensteuer – und das hat entsprechende Folgen auch auf die Kirchensteuer.
Die Kirchen müssen auf diese Entwicklung reagieren. Entweder auf der Ausgabenseite durch die Einschränkung der Leistungen oder auf der Einnahmenseite durch die Veräußerung von Vermögen. Ersterem sind allerdings dadurch enge Grenzen gesetzt, weil die Kirchen bestimmte Aufgaben und Leistungen erfüllen, die nicht einfach aufgegeben werden können.
Auch die Nähe zu den Kirchenmitgliedern muss gewährleistet bleiben. Die Veräußerung von Vermögen wiederum hätte vermutlich nur einen vorübergehenden Effekt.
Deshalb ist ein dritter Weg wahrscheinlich der beste: eine zeitgemäße Anlage des vorhandenen liquiden Kirchenvermögens. Wie hoch das ist, dazu gibt es allerdings keine zuverlässigen Zahlen, was neben der generellen Verschwiegenheit der Kirchen auch unter anderem der fragmentierten Struktur geschuldet ist. So haben jedes Bistum und jede Landeskirche ihre eigene Bilanz.
Dazu gibt es Orden, zahlreiche Stiftungen und vieles mehr. Zwar legen manche kirchliche Einrichtungen, wie die Versorgungskassen, ihre Bilanzen offen – grundsätzlich aber sind Kirchen in Deutschland nicht verpflichtet, ihre Finanzen zu publizieren.
Enge Regeln im Asset Management
Doch unabhängig von der Höhe des Vermögens haben kirchliche Investoren aufgrund der Langfristigkeit der Anlage schon die Möglichkeit, die größer werdende finanzielle Lücke zu füllen. Und die Kirchen sind sich dieser Entwicklung sehr wohl bewusst. Allerdings gibt es dabei einen Haken: die Vorgaben, die die Anlagemöglichkeiten zum Teil erheblich einschränken.
Das betrifft zum einen die Anlagegrenzen. Schließlich legen die kirchlichen Investoren jeweils individuell fest, wie hoch zum Beispiel die Aktienquote sein darf und ob auch die Private Markets als Anlageoption infrage kommen.
Interessant ist, dass die Kirchen offenbar angesichts der sinkenden Einnahmen inzwischen bereit sind, höhere – kurzfristige – Risiken auf sich zu nehmen, um höhere Renditen zu erzielen. „In den Nullerjahren hatten manche Investoren auf der evangelischen Seite noch eine Höchstgrenze für Aktien von zehn Prozent, heute liegt die niedrigste Aktienquote bei unseren Mandanten bei 30 Prozent“, so Kösters, der mit seinen Kollegen rund 130 kirchliche Mandate verwaltet.
Eine ähnliche Beobachtung macht auch Manfred Mönch, Gründer und Geschäftsführer der GAC Gesellschaft für Analyse und Consulting. „Die Allokation vieler kirchlicher Investoren ist überraschend diversifiziert“, sagt er. Mönch wertet seit mehr als zehn Jahren systematisch die Portfolios institutioneller Investorengruppen aus.
Wie andere Profi-Investoren haben seinen Beobachtungen zufolge auch kirchliche Anleger auf das lang anhaltende Niedrigzinsumfeld reagiert. „Sowohl die Aktien- als auch die Immobilienquote vieler Kirchen und Zusatzversorgungskassen sind recht hoch, allerdings auch sehr individuell, so reicht die Aktienquote je nach Investor von einem bis über 30 Prozent“, sagt Mönch.
Ethisch-nachhaltige Grundsätze
Eine weitere Vorgabe bei der Geldanlage betrifft ethisch-nachhaltige Kriterien. Bereits seit Jahrzehnten beschäftigen sich beide kirchliche Organisationen mit der Vereinbarkeit von Wertvorstellungen und Investitionen und zählen zu den Vorreitern nachhaltiger Geldanlagen.
Eigens für diesen Zweck hat der Arbeitskreis Kirchlicher Investoren in der evangelischen Kirche in Deutschland (AKI) einen Leitfaden entwickelt, der den Verantwortlichen in Kirchen, Versorgungskassen und Stiftungen Orientierung und wertvolle Anstöße für ihre Anlageentscheidungen geben sowie Kriterien für ethisch-nachhaltige Geldanlage auf der Grundlage christlicher Werte aufzeigen soll. Tatsächlich wird in den Anlagerichtlinien der meisten evangelischen Landeskirchen explizit auf den Leitfaden Bezug genommen.
In der nunmehr fünften Auflage des Leitfadens für ethisch-nachhaltige Geldanlage in der evangelischen Kirche definiert der AKI auf 92 Seiten unter anderem: „Geldanlagen sind nach ökonomischen Grundsätzen vorzunehmen. Die gleichzeitige Auseinandersetzung mit den Wirkungen der Geldanlage auf Um-, Mit- und Nachwelt ist jedoch unverzichtbar.“
Die zusätzliche Berücksichtigung christlicher Werte weitet den wirkungsbezogenen zum wertebezogenen Ansatz aus: „Darum sollen Geldanlagen unter Berücksichtigung unserer christlichen Werte sozialverträglich, ökologisch und generationengerecht erfolgen.“ Ähnliche Formulierungen finden sich in der Orientierungshilfe der Deutschen Bischofskonferenz für die katholische Kirche.
Zwar gibt es bei den Leitfäden Interpretationsspielräume, dennoch ist das Korsett eng. Ein Beispiel: Sowohl im evangelischen als auch im katholischen Leitfaden ist die Finanzierung von Staaten, in denen die Todesstrafe angewandt wird, ausgeschlossen. „Für uns entfallen damit mit Japan und den USA die beiden größten Staatsanleihemärkte“, sagt Ulf Möller, Direktor Vertrieb Kirche und Institutionelle Anleger bei der Evangelischen Bank. „Das heißt, wir brauchen Investments mit ähnlichen Rendite-Risiko-Charakteristika.“
Die findet er in diesem Fall bei Anleihen internationaler Entwicklungsbanken, die ein vergleichbares Rating haben, in US-Dollar ausgestellt sind und viele Charakteristika von US-Treasuries aufweisen. „Mit solchen Anleihen stellen wir positiv nachhaltig wirkenden Organisationen Geld zur Verfügung und nicht einem Staat, der die Todesstrafe praktiziert.“
Klare Positionierung bei Rüstung
Auch das Thema Rüstungsinvestments beschäftigt die kirchlichen Investoren. Deren Antwort darauf ist sehr klar: „Rüstung ist notwendig, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten, und dafür ist der Staat verantwortlich, der Bereich ist aber nicht nachhaltig“, erklärt Möller. Die Haltung verdeutlicht auch ein Positionspapier, das acht Kirchen- und Ethikbanken aus dem Genossenschaftssektor jüngst veröffentlicht haben.
Darin sprechen sie sich gegen die uneingeschränkte Aufnahme von Rüstungskonzernen in nachhaltige Finanzprodukte aus. „Waffen- und Rüstungskonzerne widersprechen unserem Nachhaltigkeitsverständnis. Rüstung ist notwendig, aber nicht nachhaltig“, heißt es unter anderem in dem Positionspapier.
Insgesamt ist eines eindeutig: Die Investitionen dürfen den ethisch-moralischen Grundsätzen der Kirchen nicht widersprechen. Das AKI zum Beispiel hat die Instrumente zur Umsetzung dieser Ziele je nach Wirkung in den drei Kategorien eingeteilt: einmal das Verhindern, womit in erster Linie Ausschlusskriterien gemeint sind, dann das Fördern, das Positivkriterien beinhaltet, sowie Gestalten, also Engagement, Mitgliedschaften und Initiativen.
Neu ist seit Kurzem eine sogenannte Checkliste, die alle Kriterien und Indikatoren des Leitfadens enthält – und zwar nach Asset-Klassen geordnet. Die Checkliste kann von den Investierenden, die den Leitfaden nutzen, für die Bewertung, Gewichtung und Überprüfung verwendet werden.
Sicherheit als dominierender Faktor
Über allem steht der sehr konservative Charakter der kirchlichen Investoren. „Grundsätzlich ist für kirchliche Einrichtungen Sicherheit der dominierende Faktor bei der Asset-Allokation“, sagt David Reusch, Vorstandsvorsitzender des Corporate Responsibility Interface Center – kurz CRIC. In dem Verein zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage sind auch viele kirchliche Investoren engagiert, wie Ordensgemeinschaften und Diözesen, Kirchenbanken und Bruderschaften.
Reusch zufolge gibt es große Unterschiede in der Asset-Allokation kirchlicher Einrichtungen. Das beinhaltet etwa auch, ob in Private Equity, Infrastruktur oder Private Debt investiert wird. „Einerseits gibt es die großen Bistümer, andererseits aber auch kleinere Einheiten, die per se wenig bis keine Expertise im Bereich Alternativer Investments besitzen.
Sie sind auf Berater angewiesen, die eventuell in Form eines Mandats Alternatives oder andere Assetklassen beimischen“, erläutert Reusch und ergänzt, „viele kirchliche Investoren haben keine Erfahrung und trauen sich da auch nicht ran.“
Seinen Beobachtungen zufolge nutzen insbesondere Investoren mit kleineren Anlagevolumina Fondslösungen bei ihren Investitionen. Größere Einheiten legen dagegen bei Aktien und Anleihen auch in Einzeltiteln an. Und Investoren, die noch größere Kapitalanlagen verantworten, setzen auf Vermögensverwaltungsmandate, sagt Reusch, zugleich Geschäftsführer der Missionszentrale der Franziskaner und Fondsinitiator des ethisch-nachhaltig orientierten Terrassisi-Aktienfonds.
Offen für illiquide Anlagen
Laut EB-Sim-Experte Kösters steigt zudem immer stärker die Nachfrage nach einer breiten Streuung. Und hier ist eine gute Nachricht, dass viele Kirchenanleger inzwischen auch illiquide Anlagen zulassen. „Da wir uns auf nachhaltige Kapitalanlagen fokussieren, bieten wir Private Equity und Private Debt im Bereich Clean Energy an“, erklärt er.
Ein Bereich, der eng mit dem vorhandenen Immobilienbestand zusammenhängt. Die Evangelische Kirche ist dabei, Flächen und Dächer für Solarenergie zu nutzen. „Konkret geht es darum, dass die Kirchen Flächen gegen Geld zur Verfügung stellen, die EB-Sim als Asset Manager darauf Infrastrukturprojekte ins Leben ruft, und dort wiederum können dann die Kirchen investieren“, erklärt Möller. „Diese so gewonnene Energie wird dann – um einen quasi geschlossenen Kreislauf zu haben – den Kirchen oder der Diakonie zur Verfügung gestellt.“
Tatsächlich haben beide Kirchen einen enormen Immobilienbestand. Die Schätzungen, wie viele es sind, gehen zwar auseinander, aber allein sakrale evangelische und katholische Gebäude soll es in Deutschland über 44.000 geben. Insgesamt soll der Bestand der evangelischen Kirche laut dem Evangelischen Immobilienverband rund 75.000 Gebäude umfassen, der Immobilienbestand der katholischen Kirche wurde vor einiger Zeit auf rund 130.000 Wohnungen geschätzt.
Und beiden Kirchen ist bewusst, dass sie in Zeiten sinkender Einnahmen auch mit ihrem Immobilienbestand etwas tun müssen. Die zum Teil bereits angestoßenen Projekte reichen von der Nutzung von Grundstücken für den Bau von Wohnungen über den Verkauf von nicht mehr benötigten Gebäuden bis hin zur Umnutzung.
Im Rahmen ihres Programms Immobilien und Pastoral schreibt die Erzdiözese München Freising, dass sie im Sinne „eines stärker verantwortungsvollen und ökonomisch nachhaltigen Umgangs mit den Ressourcen die Baulast durch verstärkte kooperative Nutzung von Immobilien und durch Aufgabe von Gebäuden reduziert“.
Beispiele, die nochmals verdeutlichen, dass sich die beiden großen Kirchen hierzulande der finanziellen Herausforderungen, vor denen sie stehen, durchaus bewusst sind. Schließlich geht es für sie um nichts Geringeres, als den ewigen Erhalt der Kirchen zu sichern.
