Investieren für die Ewigkeit Zwischen Moral, Rendite und Mitgliederschwund – wo Kirchen investieren

David Reusch (l.) und Sebastian Kösters

David Reusch (l.), Geschäftsführer der Missionszentrale der Franziskaner und Vorstandsvorsitzender des CRIC, und Sebastian Kösters, Investmentchef bei EB-Sim. Bildquelle: Missionszentrale der Franziskaner / EB-Sim

„Was kirchliche Investoren besonders auszeichnet, ist, dass die Kirchen auf die Ewigkeit ausgelegt sind“, sagt Sebastian Kösters, Investmentchef bei der EB-Sim, der Asset-Management-Tochter der Evangelischen Bank. Also ein unendlicher Anlagehorizont. Das eröffnet die Möglichkeit, kurz- bis mittelfristige Schwankungen komplett auszublenden.

Etwas, was bei den Stiftungen der großen US-Universitäten oder dem norwegischen Staatsfonds gut funktioniert. Erstere setzen vor allem auf illiquiden Privatmarktanlagen. Die sind sehr renditeträchtig, allerdings eben auch nicht liquide, wenn dringend Geld benötigt wird. Der norwegische Staatsfonds dagegen setzt wohl auch deshalb überwiegend auf liquide Aktien.

Beides sind gangbare Wege. Und könnten für kirchliche Investoren vor allem deshalb interessant sein, weil sich auf der Einnahmenseite aufgrund des Mitgliederschwunds eine zunehmende Lücke auftut. Insgesamt gehörten Ende 2024 hierzulande 37,8 Millionen Menschen einer der beiden großen Kirchen an.

Doch die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt kontinuierlich. Bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) traten im vergangenen Jahr nach eigener Aussage 345.000 Gläubige aus.

Der katholischen Kirche kehrten nach Angaben der katholischen Deutschen Bischofskonferenz 322.000 Menschen den Rücken. Zwar wurden bei beiden Konfessionen auch wieder neue Gläubige aufgenommen, etwa durch Taufen, doch im Vergleich zu den Kirchenaustritten ist die Zahl ein Tropfen auf den heißen Stein.

 

Und die langfristige Perspektive ist noch schwerwiegender: Bis 2060, so eine Analyse im Auftrag der evangelischen Kirche, dürfte sich die Zahl der evangelischen Kirchenmitglieder von aktuell knapp 18 auf 10,5 Millionen reduzieren.

Kirchen vor finanziellem Stresstest

Dieser anhaltende Mitgliederschwund stellt die Kirchen nach einer aktuellen Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) vor finanzielle Herausforderungen. Nach Schätzungen der Wirtschaftsexperten beträgt das gesamte Kirchensteueraufkommen für das Jahr 2025 nominal rund 12,7 Milliarden Euro. Davon entfallen etwa 6,7 Milliarden Euro auf die katholische und rund sechs Milliarden Euro auf die evangelische Kirche.

Zwar wachsen die nominalen Steuereinnahmen der beiden christlichen Kirchen grundsätzlich mit der Entwicklung der Einnahmen aus der Einkommensteuer, doch weil der Kreis der Kirchensteuerzahler von Jahr zu Jahr weiter schrumpft, sinken real die Einnahmen. Somit steht den Kirchen immer weniger Geld zur Verfügung. Dazu kommt der demografische Wandel.

Da die geburtenstarken Jahrgänge sukzessive in Rente gehen, sinkt deren Einkommensteuer – und das hat entsprechende Folgen auch auf die Kirchensteuer.

Die Kirchen müssen auf diese Entwicklung reagieren. Entweder auf der Ausgabenseite durch die Einschränkung der Leistungen oder auf der Einnahmenseite durch die Veräußerung von Vermögen. Ersterem sind allerdings dadurch enge Grenzen gesetzt, weil die Kirchen bestimmte Aufgaben und Leistungen erfüllen, die nicht einfach aufgegeben werden können.

Auch die Nähe zu den Kirchenmitgliedern muss gewährleistet bleiben. Die Veräußerung von Vermögen wiederum hätte vermutlich nur einen vorübergehenden Effekt.

Deshalb ist ein dritter Weg wahrscheinlich der beste: eine zeitgemäße Anlage des vorhandenen liquiden Kirchenvermögens. Wie hoch das ist, dazu gibt es allerdings keine zuverlässigen Zahlen, was neben der generellen Verschwiegenheit der Kirchen auch unter anderem der fragmentierten Struktur geschuldet ist. So haben jedes Bistum und jede Landeskirche ihre eigene Bilanz.

Dazu gibt es Orden, zahlreiche Stiftungen und vieles mehr. Zwar legen manche kirchliche Einrichtungen, wie die Versorgungskassen, ihre Bilanzen offen – grundsätzlich aber sind Kirchen in Deutschland nicht verpflichtet, ihre Finanzen zu publizieren.

Enge Regeln im Asset Management

Doch unabhängig von der Höhe des Vermögens haben kirchliche Investoren aufgrund der Langfristigkeit der Anlage schon die Möglichkeit, die größer werdende finanzielle Lücke zu füllen. Und die Kirchen sind sich dieser Entwicklung sehr wohl bewusst. Allerdings gibt es dabei einen Haken: die Vorgaben, die die Anlagemöglichkeiten zum Teil erheblich einschränken.

Das betrifft zum einen die Anlagegrenzen. Schließlich legen die kirchlichen Investoren jeweils individuell fest, wie hoch zum Beispiel die Aktienquote sein darf und ob auch die Private Markets als Anlageoption infrage kommen.

Interessant ist, dass die Kirchen offenbar angesichts der sinkenden Einnahmen inzwischen bereit sind, höhere – kurzfristige – Risiken auf sich zu nehmen, um höhere Renditen zu erzielen. „In den Nullerjahren hatten manche Investoren auf der evangelischen Seite noch eine Höchstgrenze für Aktien von zehn Prozent, heute liegt die niedrigste Aktienquote bei unseren Mandanten bei 30 Prozent“, so Kösters, der mit seinen Kollegen rund 130 kirchliche Mandate verwaltet.

Eine ähnliche Beobachtung macht auch Manfred Mönch, Gründer und Geschäftsführer der GAC Gesellschaft für Analyse und Consulting. „Die Allokation vieler kirchlicher Investoren ist überraschend diversifiziert“, sagt er. Mönch wertet seit mehr als zehn Jahren systematisch die Portfolios institutioneller Investorengruppen aus.

Wie andere Profi-Investoren haben seinen Beobachtungen zufolge auch kirchliche Anleger auf das lang anhaltende Niedrigzinsumfeld reagiert. „Sowohl die Aktien- als auch die Immobilienquote vieler Kirchen und Zusatzversorgungskassen sind recht hoch, allerdings auch sehr individuell, so reicht die Aktienquote je nach Investor von einem bis über 30 Prozent“, sagt Mönch.

Ethisch-nachhaltige Grundsätze

Eine weitere Vorgabe bei der Geldanlage betrifft ethisch-nachhaltige Kriterien. Bereits seit Jahrzehnten beschäftigen sich beide kirchliche Organisationen mit der Vereinbarkeit von Wertvorstellungen und Investitionen und zählen zu den Vorreitern nachhaltiger Geldanlagen.

Eigens für diesen Zweck hat der Arbeitskreis Kirchlicher Investoren in der evangelischen Kirche in Deutschland (AKI) einen Leitfaden entwickelt, der den Verantwortlichen in Kirchen, Versorgungskassen und Stiftungen Orientierung und wertvolle Anstöße für ihre Anlageentscheidungen geben sowie Kriterien für ethisch-nachhaltige Geldanlage auf der Grundlage christlicher Werte aufzeigen soll. Tatsächlich wird in den Anlagerichtlinien der meisten evangelischen Landeskirchen explizit auf den Leitfaden Bezug genommen.

 

In der nunmehr fünften Auflage des Leitfadens für ethisch-nachhaltige Geldanlage in der evangelischen Kirche definiert der AKI auf 92 Seiten unter anderem: „Geldanlagen sind nach ökonomischen Grundsätzen vorzunehmen. Die gleichzeitige Auseinandersetzung mit den Wirkungen der Geldanlage auf Um-, Mit- und Nachwelt ist jedoch unverzichtbar.“

Die zusätzliche Berücksichtigung christlicher Werte weitet den wirkungsbezogenen zum wertebezogenen Ansatz aus: „Darum sollen Geldanlagen unter Berücksichtigung unserer christlichen Werte sozialverträglich, ökologisch und generationengerecht erfolgen.“ Ähnliche Formulierungen finden sich in der Orientierungshilfe der Deutschen Bischofskonferenz für die katholische Kirche.

Zwar gibt es bei den Leitfäden Interpretationsspielräume, dennoch ist das Korsett eng. Ein Beispiel: Sowohl im evangelischen als auch im katholischen Leitfaden ist die Finanzierung von Staaten, in denen die Todesstrafe angewandt wird, ausgeschlossen. „Für uns entfallen damit mit Japan und den USA die beiden größten Staatsanleihemärkte“, sagt Ulf Möller, Direktor Vertrieb Kirche und Institutionelle Anleger bei der Evangelischen Bank. „Das heißt, wir brauchen Investments mit ähnlichen Rendite-Risiko-Charakteristika.“

Die findet er in diesem Fall bei Anleihen internationaler Entwicklungsbanken, die ein vergleichbares Rating haben, in US-Dollar ausgestellt sind und viele Charakteristika von US-Treasuries aufweisen. „Mit solchen Anleihen stellen wir positiv nachhaltig wirkenden Organisationen Geld zur Verfügung und nicht einem Staat, der die Todesstrafe praktiziert.“