Factor-Investing-Spezialistin von Robeco „Wenige Value-Titel treiben den ESG-Fußabdruck der Faktorprämie“

Lejda Bargjo von der Fondsgesellschaft Robeco

Lejda Bargjo von der Fondsgesellschaft Robeco: Die Factor-Investing-Experting erklärt, warum Value nach ESG-Kriterien besonders gut zu optimieren ist. Foto: Robeco

private banking magazin: Die Vorteile und Einsatzfelder von Faktorprämien wie Value, Growth, Momentum, Low Volatility und Size hat die Investment-Branche mittlerweile verstanden. Doch wie sieht es mit deren ESG-Fußabdruck aus?

Lejda Bargjo: Bei Aktien ist der ökologische Fußabdruck des Value-Faktors groß, gemessen an Treibhausgasemissionen, Wasserverbrauch, Abfallerzeugung und Energieverbrauch. Dies liegt zum Teil an seiner strukturellen Neigung zu Unternehmen mit hoher Anlage-Intensität und zu Sektoren wie Energie, Versorgungsunternehmen und Materialen. Selbst innerhalb einer Branche unterscheiden sich Unternehmen in ihrer Anlage-Intensität deutlich, was dazu führt, dass ein branchenneutraler Value-Faktor einen höheren ökologischen Fußabdruck haben kann.

Hebt sich der Value-Faktor beim Thema ESG grundsätzlich ab?

Bargjo: Der Value-Faktor ist schlichtweg anders als andere Faktoren wie Momentum oder Quality definiert. Für Faktoren werden unterschiedliche Charakteristika hinzugezogen. So basiert der Momentum-Faktor zum Beispiel auf der Aktienkursentwicklung. Bei der Qualitätsprämie ist ESG bereits eine der Variablen. Der ökologische Fußabdruck anderer Faktoren ist geringer und somit auch weniger aussagekräftig. Die Vermögensverwaltungsbranche trägt Verantwortung und sollte zum Beispiel an der Reduzierung des CO2-Fußabdrucks von Anlagestrategien arbeiten.

Welche aussagekräftigen Kennzahlen gibt es da?

Bargjo: Wir nutzen verschiedene Variablen. In unserer Studie rund um die Dekarbonisierung des Value-Faktors fokussieren wir uns auf die beiden am häufigsten verwendeten Kennzahlen: das Kurs-Buchwert- und das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Wir haben festgestellt, dass eine kleine Anzahl von Aktien mit dem stärksten ESG-Fußabdruck die Ergebnisse des Top-Value-Quintil-Portfolios nach oben treibt. Die Grundidee heißt Anpassung: Wenn wir analysieren, dass einige günstige Firmen einen deutlich höheren CO2-Fußabdruck haben, dann würden wir ihre Bewertungen an diese Tendenz anpassen und sie damit auch weniger attraktiv machen. Wir wollen keine Firmen einkaufen, die billig sind, weil sie einem ökologischen Risikofaktor ausgesetzt sind.


Wie gut ist heutzutage die Qualität der Daten, auf denen Sie die Faktorprämien analysieren und letztlich transparent machen?

Bargjo: Wir integrieren ESG-Kriterien in die Quant-Strategie, das ist sehr transparent. Die Daten kommen von verschiedenen Anbietern. Primär verwenden wir aber unsere eigenen ESG-Daten, die wir bezüglich Verzerrungen und finanzieller Materialität korrigieren. Insgesamt ist viel Arbeit nötig, um qualitativ hochwertige Daten aus den verschiedenen Regionen zu erhalten. Wenn man sich die globalen Märkte in der Vergangenheit anschaut, gab es starke Unterschiede zwischen Schwellenländern im Vergleich zu entwickelten Märkten. Heute berichten immer mehr Unternehmen über ESG-Kriterien, auch aus den Emerging Markets. In unseren Forschungsstudien über längere Zeiträume verwenden wir eine proprietäre Methode, um den ökologischen Fußabdruck in der Vergangenheit zu schätzen.

Sollte eines ESG-Analyse eines Unternehmens mehr als den Ist-Zustand umfassen?

Bargjo: Wir bei Robeco fokussieren uns auf substanzielle Nachhaltigkeitsthemen, die das größte langfristige Renditepotenzial für Investoren versprechen. Sowohl rein finanziell gesehen als auch über ESG-Faktoren, die die Wertschöpfung von Unternehmen beeinflussen können. Ein erweiterter ESG-Fokus ist vorteilhaft, um die Ziele für den ökologischen Fußabdruck der Fonds oder Mandate zu erreichen. Engagement mit den Portfoliounternehmen ist ein Herzstück unseres Investitionsprozesses, der einen positiven Beitrag sowohl zu den Investitionsergebnissen als auch zur Gesellschaft leistet.

Zurück zum Value-Faktor: Sollten Anleger, die nachhaltig investieren wollen, die Finger von dieser Faktorprämie lassen?

Bargjo: Konventionelle Value-Strategien stoßen hier in der Tat an Grenzen. Es braucht innovative und effektive Methoden, um den Value-Score einer Aktie an den ökologischen Fußabdruck des Unternehmens anzupassen. So gesehen ist nur eine relativ kleine Anzahl von Unternehmen für den Großteil der Umweltbelastung verantwortlich. Diese Interaktionsdynamik müssen Investment-Manager erfassen. Dann gilt: Karbonisierte Value-Bewertungen führen zu dekarbonisierten Value-Portfolios, deren Risiko-, Ertrags- und Korrelations-Profile denen von konventionellen Value-Portfolios ähneln.

Kann man auch andere Faktorprämien diesbezüglich optimieren?

Bargjo: Ja, das geht. Möglicherweise werden die ökologischen Fußabdrücke anderer Faktoren jedoch nicht dieselbe Wirkung entfalten.

 


Über die Interviewte:

Lejda Bargjo ist Client-Portfoliomanagerin im Quant-Bereich und Factor-Investing-Spezialistin bei der Fondsgesellschaft Robeco. Zuvor war sie für den Datenanbieter Factset sowie das Bankhaus Lampe tätig.