private banking magazin: Steve, Wellington feiert 2028 sein 100-jähriges Jubiläum. Wie fühlt es sich an, so kurz vor einem solchen Meilenstein loszulassen?
Steve Klar: Ich bin mir sicher, dass ich nach mehr als 20 Dienstjahren zur Feier eingeladen werde. Außerdem weiß ich, dass ich mein ‚Vermächtnis‘, wenn man so will, in gute Hände übergebe. Das Thema Generationswechsel ist bei Wellington eine der höchsten Prioritäten, die sorgfältig und mit Weitsicht geplant wird. Seit Januar arbeite ich mit Samantha Schoen zusammen, die als Leiterin der Client-Platform in das Unternehmen gekommen ist, und die unseren ‚Client First‘-Ansatz weiterhin verantworten wird.
Was ich hier weitaus spannender finde, ist die zeitliche Überschneidung mit einer der bedeutendsten Veränderungen der letzten Jahre: Das von Ihnen erwähnte ‚Loslassen‘ fällt mit der Konvergenz des öffentlichen oder börsennotierten und des privaten Sektors innerhalb der Portfolios zusammen. Was wir erleben, ist eine Revolution der Art und Weise, wie Vermögensverwalter Anlagechancen integrieren können.
Bedeutet dies das Ende des traditionellen 60/40-Modells?
Klar: Ich würde es eher als Neudefinition denn als Ende bezeichnen. Die Portfolios der Zukunft dürften weiterhin dem 60/40-Modell ähneln, aber die gesamte Bandbreite der verfügbaren Anlageinstrumente nutzen. Wir sehen, dass Alpha auf den öffentlichen Märkten, auf den privaten Märkten und zunehmend an der Schnittstelle zwischen beiden entsteht.
Genau das ist das Ziel der Allianz zwischen Wellington, Vanguard und Blackstone: Aufzuzeigen, wie die zukünftige Version dieser Struktur aussehen könnte. Mit dem Ziel, die Art und Weise, wie Anleger Zugang zu institutionellen Anlagemöglichkeiten erhalten, grundlegend zu verändern.
Institutionelle Anleger kombinieren zunehmend öffentliche und private Märkte sowie aktive und passive Strategien. Wie hat dies die Nachfrage verändert – und wie positioniert Wellington seine Alternative-Plattform in diesem Umfeld?
Klar: Ein wichtiger Treiber ist die Kooperation mit Vanguard und Blackstone, die vereinfachte Multi-Asset-Lösungen schafft, die öffentliche und private Vermögenswerte sowie aktive und Indexstrategien integrieren. Diese Portfolios machen Investoren alternative Anlagen auf institutionellem Niveau zugänglich und bieten eine breitere Streuung als jemals zuvor. Letztendlich liegt unser Vorteil darin, das Gesamtbild zu sehen – Erkenntnisse aus beiden Märkten zu nutzen, um Chancen aufzuspüren, die andere vielleicht übersehen, und Kunden zu helfen, widerstandsfähigere Portfolios aufzubauen.
Institutionen denken nicht mehr in Silos, sie verbinden aktive und passive Strategien und sie kombinieren öffentliche und private Märkte. Dieser Wandel hat die Nachfrage hin zu ganzheitlicheren, Multi-Asset- und lösungsorientierten Plattformen getrieben. Die Plattformen von Wellington für alternative Anlagen und Private Investing sind genau für dieses Umfeld konzipiert: Wir vereinen jahrzehntelange Erfahrung im Analysieren öffentlicher Märkte mit fundierter Private-Markets-Expertise in den Bereichen Private Equity, Private Credit, Hedgefonds und Real Assets.
Welche Rolle spielen private Märkte für Ihr Geschäft in Europa?
Klar: Es kann Phasen geben, in denen öffentliche Märkte attraktiver sind als private Märkte, und umgekehrt. Wir sehen eine wachsende Nachfrage nach Portfolios, in denen der Manager Engagements in beiden Bereichen aufbauen kann. Kunden schätzen die Fähigkeit eines Vermögensverwalters, Expertise aus beiden Bereichen zu kombinieren und je nach Marktlage zu gewichten.
Für europäische Kunden bauen wir gezielt drei Kompetenzen aus: Investment-Grade-Private-Placements und andere Formen privater Kredite als Diversifikationsinstrumente für Pensions- und Versicherungsportfolios. Late-Stage-Venture- und Growth-Equity-Investments für Kunden, die Zugang zu innovativen Unternehmen vor dem Börsengang suchen. Und kooperative Research- und Co-Investment-Ansätze – denn europäische Asset Owner bauen zunehmend internes Fachwissen auf, suchen aber weiterhin spezialisierte Gesprächspartner.
Passive Produkte gewinnen weiter Marktanteile, während die Erwartungen an aktive Manager steigen. Warum ist Wellington davon überzeugt, dass sein Boutique-Modell mit mehr als 80 Investmentteams die richtige Antwort auf diese Entwicklung ist?
Klar: Passives Investieren hat die Kosten gesenkt und ein breites Marktengagement leicht zugänglich gemacht. Niedrigere Renditeerwartungen, höhere Volatilität und strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft prägen das aktuelle Umfeld. Anleger können nicht auf Autopiloten schalten. Wir halten dies für eine Zeit, in der selektives aktives Management unerlässlich ist.
Das Investment-Ökosystem bei Wellington umfasst Dutzende Anlageteams aus den Bereichen Fundamental, Quant, Credit, Multi-Asset und Alternatives. Jedes Team hat seine eigene Philosophie und verfolgt seinen eigenen Prozess, statt einer einheitlichen Hausmeinung zu folgen. Diese Vielfalt ist besonders wertvoll in einem Markt, in dem die Streuung innerhalb und zwischen den Anlageklassen zunimmt.
Künstliche Intelligenz verändert die Finanzbranche grundlegend. Wie setzt Wellington KI in der Praxis ein – in der Research-Arbeit, im Portfoliomanagement und im Kundenservice?
Klar: KI hilft unseren Anlegern, smarter zu arbeiten. Wir führen jährlich etwa 18.000 Gespräche mit Managementteams von Unternehmen. KI kann uns dabei helfen, die Notizen zu diesen Gesprächen durchzugehen und Erkenntnisse herauszufiltern. Darüber hinaus haben wir einen internen Chatbot namens Welly der uns hilft, aus internen Recherchen und externen Quellen wichtige Erkenntnisse zu destillieren. Auf der Investmentseite experimentieren wir mit KI, um unsere Fondsmanager zu unterstützen, beispielsweise mit Empfehlungen für Trading-Ideen und bei der Risikobewertung in Portfolios. Wichtig zu verstehen ist jedoch: KI soll unser Fachwissen ergänzen – sie ersetzt es nicht.
Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Technologie und menschlichem Urteilsvermögen?
Klar: Die besten Ergebnisse erzielen wir, wenn menschliche Erfahrung und Technologie zusammenwirken. Maschinen sind hervorragend darin, Informationen zu verarbeiten und Muster zu erkennen. Aber das Urteilsvermögen – das Verständnis für Nuancen, Kontext, geopolitische Zusammenhänge und das, was für den langfristigen Wert wirklich zählt – bleibt dem Menschen vorbehalten. KI findet die Signale; unsere Investmentexperten entscheiden, was sie bedeuten.
Wellingtons Morning Meeting bringt jeden Tag Hunderte von Anlageexperten zusammen. Wie funktioniert dieser Austausch in der Praxis?
Klar: Das Morning Meeting macht das Wellington-Ökosystem lebendig. Wir haben das Glück, dass diese tägliche Routine bereits vor Jahrzehnten etabliert wurde und uns bis heute einen echten Vorteil verschafft. Man kommt jeden Tag hierher, hört, was Kollegen aus dem gesamten Unternehmen beobachten. Man hört zu und diskutiert respektvoll. Das ist wichtig. Bei Kapitalanlagen steht jemand auf der anderen Seite jedes Geschäfts. Es hilft beim besseren Verstehen, in welchen Punkten man selbst vielleicht richtig oder falsch liegt. Und es hilft dabei zu erkennen, wie man durch den gemeinsamen Austausch sein Denken schärfen kann.
Was diese Praxis so wirkungsvoll macht: Es ist nicht nur ein Team, das unter sich redet. Es sind Long-Equities-, Fixed Income-, Hedgefonds-, Private Equity-, Makro-Experten – Menschen mit unterschiedlichen Blickwinkeln, unterschiedlichen Informationen, unterschiedlichen Instinkten, die sich alle gegenseitig helfen. Wir pflegen eine Kultur offener Orderbücher, einen ständigen teamübergreifenden Dialog und die seit langem verwurzelte Überzeugung, dass die besten Ideen von überall im Unternehmen kommen können. Das Morning Meeting drückt dies täglich mit am deutlichsten aus.
Welchen Mehrwert hat dies für die Portfolios Ihrer Kunden?
Für Kunden ist der Mehrwert einfach, aber wichtig: Ideen werden gründlicher geprüft, Risiken früher erkannt und Portfolioentscheidungen mit einer breiteren Perspektive getroffen. Ein Fixed-Income-Investor kann einem Aktieninvestor helfen; eine Perspektive aus den privaten Märkten kann den Blick auf die öffentlichen Märkte schärfen; eine Makro-Beobachtung kann die Art und Weise verändern, wie ein Portfoliomanager über Risiken denkt. Diese Art des Austauschs verbessert das Urteilsvermögen, und ein besseres Urteilsvermögen ist es, was Portfolios letztendlich im Laufe der Zeit hilft.
Was unterscheidet ein partnergeführtes Unternehmen wie Wellington von börsennotierten Vermögensverwaltern – und wie stellen Sie sicher, dass diese Kultur auch in den kommenden Jahrzehnten Bestand hat?
Klar: Partnerschaftlich organisiert zu sein bedeutet, dass wir das Unternehmen nicht von Quartal zu Quartal für externe Aktionäre steuern. Stattdessen können wir langfristig planen, die Ergebnisse für unsere Kunden in den Mittelpunkt jeder Entscheidung stellen und über verschiedene Marktzyklen hinweg in unsere Mitarbeiter, Forschung und Technologie investieren.
Das Eigentumsmodell hat drei konkrete Vorteile. Erstens ermöglicht es echte Langfristigkeit: Wir investieren ohne den Druck kurzfristiger Ertragsziele in Menschen, Kompetenzen und Ideen. Zweitens schafft die Partnerschaft tiefe Verbundenheit: Wenn unsere Investoren und Führungskräfte erfolgreich sind, ist es das Unternehmen auch. Drittens sorgt sie für Stabilität über Marktzyklen hinweg – auch dann, wenn andere sich zurückziehen.
Unsere Verantwortung als Führungsebene liegt darin, dieses Partnerschaftsmodell sorgfältig zu pflegen – eine Kultur der Neugier, der Debatte und der Zusammenarbeit zu bewahren und sie gleichzeitig kontinuierlich mit neuen Fähigkeiten, neuen Perspektiven und neuen Technologien zu bereichern.
Wie prägt die Partnerschaftsstruktur die tägliche Arbeit – vom Anlageprozess bis zum Kundenservice? Und wie schaffen Sie den Spagat zwischen globaler Konsistenz und lokaler Nähe?
Klar: Im Alltag zeigt sich die Partnerschaft darin, dass sich die Menschen hier als Mitinhaber fühlen. Wir führen das Unternehmen nicht nach einer einheitlichen Hausmeinung oder einem Top-down-CIO-Modell. Verschiedene Teams folgen ihren eigenen Überzeugungen – innerhalb eines Ökosystems, in dem man sich gegenseitig unterstützt. Das gilt für den Anlageprozess und ebenso für die Kundenbeziehung.
Ich sehe globale Konsistenz versus lokale Nähe nicht als Entweder-Oder-Frage. Kunden wollen beides: die Stärke einer globalen Plattform und Ansprechpartner in ihrer Nähe, die ihren Markt und ihre Herausforderungen kennen. Der Schlüssel liegt darin, die lokale Beziehung sehr authentisch und fundiert zu gestalten und den Kunden gleichzeitig mit der gesamten Bandbreite des Wellington-Ökosystems zu verbinden. Dann funktioniert das Modell wirklich.
Über den Interviewten:
Steve Klar ist einer von drei geschäftsführenden Partnern bei Wellington Management, die gemeinsam für die Unternehmensführung der Partnerschaft verantwortlich sind. In dieser Funktion arbeitet er eng mit dem Vorstandsvorsitzenden zusammen und trägt die Hauptverantwortung für die Client-Platform. Klar ist zudem Mitglied des Executive Committee und des Operating Committee. Dem Unternehmen gehört er seit mehr als 20 Jahren an.