Weinanbau seit 400 Jahren ohne Chemie Ein Kleinod in Bordeaux

Unberührter geht es kaum: Das Château Coutet der Winzer-Familie David Beaulieu in der Nähe des Städtchen Saint Émilion im Südwesten Frankreichs | © Daniela Stubbe

Unberührter geht es kaum: Das Château Coutet der Winzer-Familie David Beaulieu in der Nähe des Städtchen Saint Émilion im Südwesten Frankreichs Foto: Daniela Stubbe

Zwar ist das Image des Bordeaux nicht gerade dem einer Hochburg für Biowinzer zuzuordnen, ganz im Gegenteil, aber entgegen vieler Meinungen gibt es dort einige Winzer, die sich dem naturnahen Weinbau widmen. Ein ganz besonderes Juwel ist dabei das Château Coutet. Hier findet man Tierarten und Pflanzen, die auf dem Rest der Welt keine Lebensgrundlage mehr haben. Ihre Lebensräume wurden durch das Eingreifen des Menschen in die Natur und durch den Einsatz von Chemie zerstört.

Nicht so bei Familie David Beaulieu, in deren Besitz sich dieses wunderschön zwischen Rosenbüschen, Ententeich und Weingärten gelegene Anwesen befindet. Seit 1599 besteht das Château, und durchgehend in Familienbesitz. Keine der inzwischen 14 Generationen ließ sich jemals – entgegen der weltweiten Trends zur Ertragsmaximierung – hinreißen, auch nur ein Gramm Chemie an ihre Böden oder Reben zu lassen oder in ihrem Weinkeller einzusetzen.

Im Weinberg wird zwischenzeitlich auch wieder wie früher mit dem Pferd gearbeitet, um den Boden zu schonen und Verdichtungen aufgrund von schweren Traktorenrädern zu vermeiden. Somit gelang es über all die Jahre, die Einzigartigkeit des Terroirs und einen Großteil der ursprünglichen Artenvielfalt bis heute zu bewahren.

Eigenwillig in guter Nachbarschaft

Inzwischen ist das 16 Hektar umfassende Areal, welches sich auf dem ersten Hügel von Saint-Émilion und nur einen Kilometer von der Stadt selbst entfernt befindet, sogar ein magischer Anziehungspunkt für Naturkundler und Wissenschaftler geworden. Nicht nur, dass die gesamte Region um Saint-Émilion zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, auf Coutet selber blieben andernorts ausgestorbene Iris-Arten, noch von den Römern kultivierte Tulpen, Orchideen, Schmetterlinge, Salamander und vieles mehr erhalten.

In direkter Nachbarschaft zu Coutet befinden sich bekannte, angesehene Châteaux wie Angelus, Bellevue, Beauséjour Becot, Beauséjour Dufau-Lagarosse. Einige von ihnen sorgten schon bei Anhängern von Weinkritiker Robert Parker mit 100 Parker-Punkten für Aufsehen – dies ist aber ein ganz eigenes, diskussionswürdiges Thema.

Seit 400 Jahren ohne Chemie

Auf Château Coutet läuft sowieso alles anders. Ich habe mich mit Adrien David Beaulieu verabredet. Er gehört zu der jüngsten mitarbeitenden Generation des Hauses und kümmert sich seit Beendigung seines Studiums um den Vertrieb. Einiges hat er ummodeln lassen, um ein wenig Schwung in die fast verschlafene Oase zu bringen. „Aber auch nicht zu viel“, erklärt der 30-Jährige.

Er hat die Ruhe weg, merkt man, während er uns durch den wunderschönen, naturbelassenen Garten entlang der alten Familienkapelle zu den Weinbergen führt. Dabei berichtet er von der Einigkeit in seiner Familie bezüglich der Weinbau-Philosophie. Nie gab es Zweifel an ihrem biologisch-organischen Vorgehen oder der Geradlinigkeit entgegen von Trends und Zwängen, die „da draußen“ vor sich gingen.

„Beispielsweise waren wir bis 1985 ein Grand Cru Classé Château von Saint-Émilion“, erklärt Adrien. Diese Klassifizierung benennt die besten Weingüter dieser Region. „Dann aber gab es steuerliche und erbrechtliche Probleme“, führt Adrien fort. „Wir sollten praktisch gezwungen werden, hohe Steuern zu zahlen, um diesen Status zu halten.“ Die Böden in Saint-Émilion sind im Laufe der Jahre sehr teuer geworden. „Das wollten wir uns nicht gefallen lassen.“ Hier leben 25 Menschen, die Familie inklusive Cousins, und dies möglichst so, wie wir es uns vorstellen: Genießen ohne Zwänge und im Einklang mit der Natur. Es ist hier wie in einem lebendigen Museum und einfach einzigartig, das wollen wir uns bewahren."