Kampf um die vermögende Mitte Wie Banken, Fintechs und Privatbanken um dasselbe Segment ringen

Tosson El Noshokaty ist Senior Partner bei der Beratungsfirma Prophet.

Tosson El Noshokaty ist Senior Partner bei der Beratungsfirma Prophet. Bildquelle: El Noshokaty

Vor einigen Wochen sagte ein Freund zu mir einen Satz, der hängen geblieben ist. Für die Dinge, die ihm wirklich wichtig seien, fühle sich Inflation nicht wie 2 oder 3 Prozent an, sondern eher wie 20 Prozent. Er sprach nicht über Lebensmittel. Er sprach über Immobilien, Reisen, Ausbildung, Gesundheitsversorgung und einen Lebensstil, der für eine wachsende vermögende Mitte längst Normalität geworden ist. Damit verändert sich der Markt für Vermögende grundlegend.

Während viele Menschen steigende Energiekosten, höhere Mieten und teurere Lebensmittel spüren, entwickelt sich parallel eine andere Realität: Vermögen verschwindet nicht, sondern konzentriert sich weiter. Deutschland zählt weiterhin zu den größten Vermögensmärkten Europas, mit mehreren Millionen Menschen im Euro-Millionärssegment. Gleichzeitig wächst genau jene vermögende Mitte, die sich zwar nicht als superreich versteht, aber längst beginnt, anders über Vermögen, Vorsorge und Kapitalerhalt nachzudenken.

Vermögende Mitte als Wachstumsfeld

Das verändert die Konkurrenzlogik der Banken. Denn genau diese Kundengruppe ist wirtschaftlich attraktiv. Sie benötigt deutlich mehr Beratung als klassische Retail-Kunden – rund um Investments, Finanzierung, Nachfolge, Immobilien oder internationale Vermögensstrukturen – und akzeptiert dafür höhere Gebühren. Zudem lässt sich das Segment digital und operativ skalieren.

Deshalb kämpfen inzwischen nicht mehr nur klassische Privatbanken um vermögende Kunden, sondern auch Sparkassen, Volksbanken, Universalbanken und internationale Anbieter. Für viele Institute gilt das Segment vermögender Privatkunden als wichtigstes Wachstumsfeld.

Die Strategien unterscheiden sich zwar, die Richtung ist aber erstaunlich ähnlich. Die Deutsche Bank setzt stärker auf provisionsgetriebene Erträge im Wealth- und Private-Banking-Geschäft. Internationale Häuser wie UBS oder HSBC bauen ihre Beratungskapazitäten, digitalen Plattformen und KI-Anwendungen aus. Sparkassen und Volksbanken professionalisieren ihre Angebote für vermögende Privatkunden deutlich stärker als noch vor wenigen Jahren.

Chase, Revolut & Co. – der Angriff auf klassisches Private Banking

Der Druck nimmt weiter zu. Aktuell ist JP Morgan Chase mit seiner in Deutschland rein App-basierten Variante von Chase offiziell in den Markt gestartet – inklusive eines Tagesgeldangebots von 4 Prozent für Neukunden. Damit steigt einer der größten Finanzkonzerne der Welt aktiv in den Kampf um deutsche Spareinlagen und vermögendere Privatkunden ein.

Hinzu kommen Anbieter wie Revolut, Scalable Capital oder Trade Republic, die zunehmend vermögendere Kunden ansprechen. Revolut hat angekündigt, in Großbritannien künftig deutlich stärker das Segment der vermögenden Mitte bedienen zu wollen – mit Private-Banking-Angeboten für Kunden mit mindestens 500.000 Pfund Vermögen, eigenen Beratungsleistungen und verwalteten Portfolios. Die Richtung ist klar: Selbst die erfolgreichsten Fintechs drängen nun in jenes Segment, das jahrzehntelang als natürliche Domäne klassischer Privatbanken galt.

 

Hohe Gebühren, aber austauschbare Angebote 

Viele Kunden erwarten heute mehr: Geschwindigkeit, ein überzeugendes Nutzererlebnis, Transparenz und permanente Verfügbarkeit werden zur Grundvoraussetzung.

Zugleich sind viele Kunden in diesem Segment bereit, erhebliche Gebühren für gute Beratung zu zahlen. Laut einer Auswertung des Schweizer Wirtschaftsmagazins „Bilanz“ bezahlen vermögende Kunden mit einigen Millionen Franken Vermögen je nach Anbieter und Betreuungsmodell mehrere tausend Franken pro Jahr.

Genau deshalb kämpfen so viele Banken um diese Kundengruppe. Dort liegen attraktive Margen, langfristige Kundenbeziehungen, erhebliches Cross-Selling-Potenzial und oft auch der Zugang zur nächsten Vermögensgeneration. Das Problem ist also nicht fehlende Zahlungsbereitschaft. Das Problem ist Austauschbarkeit.

Marke als strategisches Kapital im Wealth Management

Vor einiger Zeit nahm ich an einer Vorstandssitzung eines internationalen Wealth Managers teil. Es ging um Budgets — und irgendwann auch um die Frage, wie stark künftig noch in die Marke investiert werden soll.

Der Vorstandsvorsitzende unterbrach die Diskussion und sagte sinngemäß: Die Zeit aller Anwesenden sei begrenzt. Auch seine eigene. Die Marke dagegen werde sehr wahrscheinlich noch existieren, wenn keiner von ihnen mehr dort arbeite. Genau deshalb sei sie eines der wertvollsten strategischen Güter der gesamten Bank.

Dieser Gedanke ist im Wealth Management besonders relevant, weil es im Kern eines der ältesten Bankgeschäfte überhaupt ist. Persönliche Beratung, Zugang zu Investments, internationale Vernetzung oder Vermögensstrukturierung sind keine neuen Erfindungen. Selbst neue Produkte schaffen heute meist nur noch kurzfristig einen Vorsprung.

Die Austauschbarkeitsfalle 

Gleichzeitig stößt das klassische Betreuungsmodell mit intensivem persönlichem Kontakt an Grenzen. Das Kundensegment ist groß, attraktiv und beratungsintensiv, lässt sich aber kaum nach klassischer Private-Banking-Logik skalieren. Der eigentliche Wettbewerb verschiebt sich deshalb weg vom Produkt und hin zum Kundenerlebnis. Entscheidend wird weniger, welche Produkte eine Bank anbietet, sondern wie relevant sie wirkt und ob sie die Lebensrealität ihrer Kunden wirklich versteht.

Denn je stärker Banken in Wealth Management investieren, desto ähnlicher wirken viele Angebote. Die Sprache der Branche klingt fast austauschbar. Überall geht es um Stabilität, Generationen, persönliche Betreuung, ganzheitliche Beratung, Nähe, Sicherheit, globale Vernetzung, individuelle Lösungen und die berühmte One-Bank-Logik. Das alles ist wichtig, unterscheidet aber kaum noch.

Vertrauen, Sicherheit und Stabilität sind längst keine Wettbewerbsvorteile mehr, sondern die Eintrittskarte in den Markt. KI verstärkt diese Entwicklung. Anlageeinschätzungen gleichen sich an, Research wird vergleichbarer, Inhalte entstehen schneller – und selbst hochindividualisierte Beratung droht in einer neuen Form der Austauschbarkeit zu enden. Genau daraus entsteht das, was viele Banken unterschätzen: ein Meer der Gleichförmigkeit.

 

Vom Kommunikationsapparat zum Wachstumssystem 

Die Antwort darauf liegt nicht in noch mehr Kampagnen, Veranstaltungen, neuen Produkten oder noch besserer Beratung, sondern in einem intelligenteren Zusammenspiel all dieser Elemente entlang der gesamten Kundenbeziehung.

Viele Banken behandeln Marketing bis heute wie einen Kommunikationsapparat – zuständig für Kampagnen, Veranstaltungen oder Sponsoring, wichtig für Image und Reputation, aber oft weit entfernt von echter Vertriebs- und Wachstumsverantwortung. Das beginnt sich zu verändern, weil Wachstum heute immer früher im Entscheidungsprozess entsteht – und nicht erst im Beratungsgespräch.

Viele Anbieter befinden sich auf genau dieser Reise, auch wenn bislang niemand diesen Ansatz wirklich perfektioniert hat. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Marke, Beratung, Daten, KI, Inhalte, Veranstaltungen, digitale Interaktionen und Vertrieb so miteinander zu verbinden, dass kein klassischer Marketing-Funnel mehr entsteht, sondern ein intelligentes System zur Kundenpflege und Nachfragesteuerung.

Vermögende Kunden erwarten heute weit mehr als gute Produkte. Sie erwarten Orientierung, Zugang, Vereinfachung, Status, Geschwindigkeit, globale Vernetzung und persönliche Relevanz. Deshalb verändert sich die Rolle von Marke grundlegend. Sie wird zur verbindenden Klammer zwischen Beratung, Inhalten, Daten, Vertrieb und Kundenerlebnis.

KI im Wealth Management – Verhaltensmuster früh erkennen 

Genau dort wird KI interessant – nicht nur als Effizienztreiber oder autonomer KI-Agent in einzelnen Teams, sondern als intelligenter Orchestrator im Hintergrund: Er verbindet Signale, erkennt Verhaltensmuster und identifiziert relevante Momente, aus denen präzisere und passendere Interaktionen entstehen können.

Plötzlich erkennt man, welche Unternehmer einen Unternehmensverkauf vorbereiten, welche Kunden beginnen, sich stärker für Private Markets zu interessieren, wo internationale Mobilität entsteht oder wann sich Kunden der nächsten Generation erstmals aktiv mit Vermögen auseinandersetzen. Aus allgemeinen Interessenlagen werden konkrete Bedarfssituationen, die sich deutlich früher erkennen und intelligenter begleiten lassen als im klassischen Private-Banking-Modell.

Die interessantesten Ansätze im Markt beginnen deshalb nicht bei einzelnen Kampagnen oder Sponsorings, sondern bei der Frage, wie sich aus Marke, Daten, Beratung, Inhalten, Veranstaltungen und digitalen Signalen ein konsistentes System zur Kundenpflege und Nachfragesteuerung bauen lässt. Im Kern entsteht hier gerade eine neue Form von Wachstumssteuerung für Wealth Management – ein Modell, das Relevanz entlang der gesamten Kundenbeziehung steuerbar macht: vom ersten Kontakt über die Konvertierung bis hin zu langfristiger Bindung und Ausbau der Beziehung.

Deshalb entstehen zunehmend Plattformen, die weit über klassische Werbung hinausgehen. UBS House of Craft x Dior ist dafür ein gutes Beispiel. Zwei Marken mit ähnlicher Zielgruppenlogik: Haute Couture auf der einen Seite, sehr vermögende Kunden im Wealth Management auf der anderen. Solche Plattformen schaffen kulturelle Relevanz, Zugang und Differenzierung in einem Markt, in dem Produkte und Leistungen immer ähnlicher werden.

Sponsoring, Erlebnisse, Lifestyle – der Kampf ums Kundenvertrauen 

Das erklärt auch, warum Themen wie Art Basel, Formel 1, Tennis oder Golf seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle im Wealth Management spielen – und warum neue Formen von Relevanz rund um Trendthemen wie Langlebigkeit, Gesundheitsoptimierung oder kuratierte Erlebnisse entstehen.

Denn genau darin liegt das eigentliche Problem vieler Anbieter: Je stärker sich die Branche auf dieselben Begriffe stützt – Vertrauen, Nähe, One-Bank-Logik, ganzheitliche Beratung, globale Vernetzung –, desto austauschbarer wirken viele Angebote aus Kundensicht.

Wenn jede Bank dasselbe verspricht, hört der Kunde irgendwann nur noch dasselbe.

Die entscheidende Frage wird deshalb künftig nicht mehr nur sein, welche Bank das beste Produkt- und Angebotsportfolio hat, die empathischsten Berater stellt oder am lautesten im Markt auftritt – sondern welche Bank im richtigen Moment mit der relevantesten Perspektive präsent ist.


Hinweis der Redaktion: Der Beitrag gibt ausschließlich die persönliche Einschätzung des Autors wieder und ist nicht als neutrale Marktanalyse zu verstehen.  

Über den Autor: 

Tosson El Noshokaty ist Senior Partner bei Prophet im Züricher Büro. Er berät globale Unternehmen in den Bereichen Strategie, Technologie und Finanzdienstleistungen – sowohl als Berater als auch aus eigener Erfahrung auf Kundenseite. Zuvor war er Mitgründer der Berliner Beratungsboutique Noshokaty, Döring & Thun sowie in leitenden Funktionen bei Ebay tätig.

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