Bücher statt Basispunkte Was liest die Finanzbranche am Strand?

Was liest die Finanzbranche im Sommer?

Was liest die Finanzbranche im Sommer? Bildquelle: Edelstoff Media mit KI

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Diesmal geht es bei „For Professional Investors Only“ nicht um Renditen, Spreads oder Private Markets – sondern um das, was auf den Nachttischen liegt oder in die Koffer kommt. Die Sommerfolge ist eine Bücherfolge. Und sie zeigt eine Branche, die liest, streitet, empfiehlt und ihre Urlaubskoffer mit mehr Büchern packt, als am Ende gelesen werden.

Malte Dreher bringt das Grundgefühl der Folge auf den Punkt, wenn er von seiner Runde von Buchfreunden erzählt: Es sei „herrlich, dass man in unserer Branche, die eigentlich nur aus Zahlen besteht, auf einmal echte, tolle Gesprächspartner findet, die über Literatur mit einem schnacken können“. Genau davon lebt diese Episode.

Ein Faustschlag aus Paris

Malte Dreher macht keinen Hehl aus seinem Faible fürs Abgründige. Frisch beendet hat er „Die Überlebenden“ des schwedischen Autors Alex Schulman – ein Buch, das das sommerliche Bullerbü-Idyll erst subtil und dann mit voller Wucht zerlege. Drei Brüder, eine schwierige Vergangenheit, ein See: „ein unglaublich intensives, sprachlich großartiges, aber auch sehr düsteres Buch, das sehr lange nachhängt“.

Dass Sommer bei ihm nicht automatisch leichte Kost bedeutet, unterstreicht sein erklärtes Lieblingsbuch: „Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani, ausgezeichnet mit einem der wichtigsten Literaturpreise Frankreichs. Es beginnt mit einem Vier-Wort-Satz – „Das Baby ist tot“ – und erzählt, wie eine großbürgerliche Pariser Familie durch ihre Babysitterin ihr neugeborenes Kind verliert. „Es fühlt sich an wie ein Faustschlag, ist aber gleichzeitig literarisch brillant“, sagt Dreher. Dass seine Frau ihn gelegentlich fragt, „warum liest du denn nur so einen düsteren Scheiß?“, nimmt er mit Humor. Seine Antwort: Er liest solche Bücher einfach gern.

Frisch bestellt hat er außerdem „Memories of Heidelberg“ von Heinz Strunk – für Dreher ein besonderer Reiz, schließlich hat er in Heidelberg studiert. Strunk, sagt er, blicke „unter die Oberfläche der Menschen“ und lege das Tragische seiner kaputten, „sehr deutschen“ Anti-Helden gnadenlos frei. Das sind Figuren, die man sich einerseits gar nicht ausdenken könne und die man andererseits, so Co-Host Christoph Fröhlich, mit offenen Augen überall trifft.

Und bei aller Vorliebe für Fiktion entdeckt Dreher zunehmend das Sachbuch. Sein Favorit: Patrick Radden Keefes „Imperium der Schmerzen“, ausgezeichnet mit dem renommierten Bailey-Gifford-Preis, zu dem Dreher jeden November reist – für ihn „der Non-Fiction-Literaturpreis schlechthin“. Keefes neues Buch „Der Sohn des Oligarchen“ nennt er „sensationell, superspannend“.

Vom Thriller-Mainstream zum Dungeon Crawler

Christoph Fröhlich geht die Sache spielerischer an. Er liest gern Thriller aus dem großen Mainstream – „The Housemaid“ etwa, das inzwischen auch verfilmt wurde. Sein aktuelles Sommer-Highlight ist allerdings ein ganz anderes Genre: „Dungeon Crawler Carl“, das selbst die „Süddeutsche Zeitung“ gefeiert habe. Fröhlich beschreibt es „wie ein Videospiel als Buch“: Aliens machen die Erde platt, die Hauptfigur landet ohne Hose und Schuhe und mit seiner Katze in einem Dungeon und levelt dort auf wie in einem klassischen Diablo-Spiel. „Für den Nerd in mir perfekt“, sagt er. Die Reihe umfasse inzwischen mehrere Bände und habe sich millionenfach verkauft.

Genrefestlegen ist seine Sache nicht: „Ich lese nie zweimal hintereinander das gleiche Genre“, sagt er. Nach einem Thriller von Sebastian Fitzek  folgt bei ihm bewusst etwas anderes. Und die besten Sachbücher, findet er, lesen sich ohnehin wie Krimis – etwa „Bad Blood“ über den Skandal um das Blutunternehmen Theranos. Im Urlaub liest Fröhlich deutlich mehr als im Alltag, wo er sich „mehr vornimmt, als er dann auch wirklich tut“. Inzwischen ist er zudem „ein Audible-Mensch“ geworden: Beim Spazierengehen oder auf dem Laufband hört er häufiger Literatur statt Podcasts, schlicht, um das Lesepensum überhaupt zu schaffen.

Warum Zinszyklen am Pool nichts verloren haben

Beim Dauerthema Fiction versus Non-Fiction sind sich beide Hosts einig, mit leichten Nuancen. Dreher liest viel Fiktion, findet aber Sachbücher „inzwischen auch ganz interessant“. Fröhlich hält es pragmatischer: „Wenn ich jetzt im Urlaub noch ein Buch über Zinszyklen lese, dann kann ich auch gleich im Büro bleiben.“

Das führt zur augenzwinkernden Kernfrage der Folge, die Dreher mit Blick auf die vielbeschworenen Behavioral-Finance-Themen der Branche stellt: Lesen die Profis „dann doch den Fitzek am Strand, aber haben die Sharpe Ratio im Gepäck?“ Fröhlichs Antwort ist ein Plädoyer für die entspannte Lektüre: Manchmal wolle man einfach unterhalten werden und „am Pool ein bisschen was entspannt wegblättern“, ganz ohne schlechtes Gewissen. Dreher pflichtet bei und gesteht seine eigene Lernkurve: Direkt nach dem Germanistikstudium sei er mit Heinrich Manns „Der Untertan“ und James Joyce in den Sommerurlaub gefahren – „das ist ja völlig albern. Da kommt man dann gar nicht zur Entspannung.“

Die Bücher, die alle empfehlen und keiner liest

Ein besonders ehrlicher Moment: Welches Buch empfiehlt einem eigentlich jeder, und man hat es nie angefasst? Bei Dreher sind es die großen Brocken: James Joyces „Ulysses“ etwa, das er zu jener Kategorie zählt, die „zehn Leute besitzen, aber nur einer gelesen hat“. Dazu die russischen Schwergewichte, Dostojewski und Tolstois „Krieg und Frieden“.

Fröhlichs Antwort ist „Atomic Habits“, das ihm gefühlt schon 20 Leute aus der Branche empfohlen hätten. Nur: „Ironischerweise fehlt mir irgendwie die Gewohnheit, das anzufangen. Also genau das, worum es in dem Buch eigentlich geht.“ 

Die Sommer-Tipps der Finanzbranche

Mit eingespielten Sprachnachrichten kommen auch mehr Menschen aus der Branche zu Wort – ein kleiner Querschnitt dessen, was Asset Manager, Private Banker und Headhunter in den Koffer packen:

  • Volker Schilling (Greiff) empfiehlt „Picknick auf dem Eis“ von Andrej Kurkow – ein Buch mit skurrilem Humor und „fast schon tiefer Melancholie“, das man zuklappt und das einen „tagelang begleitet“.
  • Patrick Sobotta (Natixis), unterwegs Richtung Adria, nimmt „Bel-Ami“ von Guy de Maupassant mit – über einen jungen Mann, der mit Charme, Strategie und Beziehungen mehr erreicht als andere mit harter Arbeit.
  • Florian Hoffmann (früher COO beim Family Office Kontora, heute Geschäftsführer bei einem Prothesen-Hersteller) meldet sich aus Schweden mit „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ von Gabriel García Márquez – „ein Buch, das förmlich vor Hitze flimmert“.
  • Dan Sauer (Nordea) liefert gleich drei Tipps: das Sachbuch „Das erwachsene Land“ von Holger Stark, den Pulitzer-Preisträger 2025 „James“ von Percival Everett (Huckleberry Finn aus Sicht des Sklaven erzählt) sowie den älteren, preisgekrönten Roman „Die Liebe der kleinen Mouche“ von Paul Gallico.
  • Annika Glükher (Investify) empfiehlt zwei Bücher: „Erzähl mir alles“ von der Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout – „leise, klug, warm und trotzdem sehr unterhaltsam“ – und als Familienlektüre die illustrierte Mbappé-Biografie „Ich bin Kilian“.
  • Peter Ehlers bringt „Heartland“ des US-Autors Joey Goebel mit, das das amerikanische Kernland zeichnet und hilft zu verstehen, „wie die ticken“.
  • Stephan Volkmann, Headhunter aus Frankfurt, hat einen ganzen Stapel: Martin Suters „Können Sie mich sehen? Die Business Class im Homeoffice“, Caroline Wahls neuen Roman „1999 Meter über dem Meer“ und – in einer illustrierten Büchergilde-Edition – George Orwells „Farm der Tiere“.
  • Oliver Morath nimmt uns in die Toskana mit: Ferenc Mátés „Ein Weinberg in der Toskana“ und „Die Hügel der Toskana“, zwei „echte Wohlfühlbücher“ über Aussteigen und Neuanfang.
  • Selina Piening (UBS) empfiehlt aus Griechenland „Wenn die letzte Frau den Raum verlässt“ von Vincent-Immanuel Herr (gemeinsam mit Martin Speer) – ein Appell, der vor allem Männer adressiert.
  • Laura Otterndorf (Berenberg) zieht es literarisch in den Norden: die Nordseekrimi-Reihe von Krinke Rehberg rund um die Rechtsanwältin Aenne Feddersen, die nach einem Unfall über nahezu übermenschliche Wahrnehmungsfähigkeiten verfügt.
  • Ann-Kathrin Fuhrmann (M&G) schließt mit „Die Prozesse“ von Marius Goldhorn – ein düsteres Zukunfts-Europa, ein Roadtrip durch politische Umbrüche, den Fröhlich schmunzelnd als Trip „durch fucked up Europe“ zusammenfasst.

Auffällig ist der Trend zum lokalen Bezug. Dreher und Fröhlich diskutieren die enorme, oft klammheimliche Popularität von Regional- und Stadtteilkrimis – „das gibt irgendwie keiner zu, wenn du sie so fragst, aber das lesen ja Millionen“, sagt Fröhlich. Ihm selbst hatte seine Mutter einmal einen Krimi aus seiner Geburtsstadt Halle geschenkt; das Faszinierende daran sei die gute Recherche und das Wiedererkennen der eigenen Ecke.

Dreher hält Lokalkrimis für „allemal unterhaltsam“, sofern sie einen ordentlichen Spannungsbogen haben und in einer vertrauten Nachbarschaft spielen. Und noch ein Genre eint die beiden: Coming-of-Age-Geschichten mögen sie grundsätzlich gern – Anlass war Caroline Wahls Debüt „22 Bahnen“, das Fröhlich vom Setting her überzeugte, ihn aber nicht restlos packte, während Dreher es angesichts der jungen Autorin „echt gut“ fand.

Wie viele Bücher passen in den Koffer?

Zum Abschluss die ehrlichste Frage überhaupt: Wie viele Bücher wandern in den Koffer – und wie viele kommen ungelesen zurück? Dreher, der übers Jahr auf rund 60 Bücher kommt, reist inzwischen mit weniger Ballast: drei Bücher für zehn Tage Urlaub, und Titel über 300 bis 350 Seiten meidet er zunehmend, weil er sie „echt zu erschlagend“ findet.



Fröhlich nimmt drei bis vier mit, schafft aber „gefühlt nur anderthalb“. Vielleicht, hofft er, wird es diesen Urlaub ja anders.

 

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