Generationen-Management Was leere Schreibtische mit Kreuzfahrten verbindet

Seite 2 / 2

Für Unternehmer und ihre Ehepartner ist es wichtig, sich frühzeitig auf das Leben als Power-Rentner vorzubereiten. Vor allem sollten sie sich vorzeitig darin üben, vom Unternehmen loszulassen. Denn ihre Erfahrung und ihr über viele Jahrzehnte aufgebautes Netzwerk sind natürlich immer noch gefragt. Doch wenn man sich zu stark auf eigenen Antrieb einbringt, dann entwickelt man sich schnell vom VIP zum PIP – zur „Previously Important Person“. Wer sich als Rentner auf keinen Fall einfach auf die faule Haut legen will, kann beispielsweise auch abseits des ehemals eigenen Unternehmens sein Expertenwissen in unterschiedlichsten kleineren Jobs noch gut anbringen. Wundern Sie sich aber nicht, wenn frischgebackene Unternehmer-Rentner zwischenzeitlich ziellos wirken. Das folgt alles dem Rentner-Phasenmodell:

Unterschätzen Sie bitte auch niemals, wie schwer es für einen Unternehmer sein kann, sich nach der aktiven Zeit neu zu erfinden. Ich kenne einen Unternehmer, der hat mit 40 Jahren seine Firma verkauft und dafür 300 Millionen Euro netto bekommen. Was für viele Menschen wie ein Traum klingt (40 Jahre jung, reich und ohne Arbeitsstress), kann für Menschen mit Unternehmergeist zum handfesten Problem werden.

Der Unternehmer aus diesem Beispiel hatte sich nie gefragt, was er mit seiner Zeit machen würde. Er stellte bald fest, dass er, wie viele Unternehmer, kaum private Freunde hatte, mit denen er sich beschäftigen konnte. Und die paar, die er hatte, waren alle noch fest im Arbeitsleben involviert, hatten also auch kaum Zeit. Mit 42 hatte dieser Unternehmer dann „gelernt“, die Leere in seinem Leben mit Alkohol zu füllen. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle also eindringlich ans Herz legen: Unterschätzen Sie nicht die negativen Auswirkungen, die ein unvorbereiteter Ruhestand auf das Leben eines Menschen haben kann. Und unterschätzen Sie genauso wenig den positiven Einfluss, den Sie auf rein menschlicher Ebene haben können, wenn Sie Ihren Kunden, dessen Partner und Familie frühzeitig für die Zeit danach sensibilisieren.

Wie geht man als Berater mit Power-Rentnern um?

Wir sehen also deutlich: Es ist ratsam, den Unternehmer bereits vor der Rente darauf anzusprechen, was er mit seiner Zeit anfangen wird. So wie ein Unternehmen einen Business-Plan benötigt, braucht ein Unternehmer im Ruhestand einen Plan dafür, was er mit all der frei gewordenen Zeit macht.

Fragen Sie gerne nach, was der Unternehmer und sein Ehepartner sich vorstellen. Und fragen Sie auch nach, ob diese Vorstellungen wohl realistisch sind. Wer beispielsweise plant, viel Zeit mit den Enkeln zu verbringen, obwohl die Enkel dann bereits zur Schule gehen werden, der wird vielleicht am Ende doch noch viel zu viel unverplante Zeit haben. Und eine ausgedehnte Reise nach Australien ist mit 75 vielleicht auch rein körperlich nicht mehr zu machen.

Raten Sie Ihren Kunden, für die Rente neue Spielregeln in der Ehe zu erstellen, um zu verhindern, dass man sich ständig gegenseitig auf die Füße tritt. Wie viel Zeit allein man sich gegenseitig einräumen sollte, können Unternehmer schon vor dem Ruhestand testen, beispielsweise auf einer zweiwöchigen Kreuzfahrt zusammen in einer Doppelkabine.
Viele Unternehmer tun sich schwer damit, vom Unternehmen loszulassen. Raten Sie Ihren Kunden deshalb, sich schon in den Jahren vor dem Ruhestand ab und zu mal einige Zeit vom Unternehmen fernzuhalten, um das zu üben. Vielleicht nutzt man die Zeit ja besser, indem man sich die bereits angesprochene Australien-Reise gönnt – die man in jungen Jahren auch deutlich besser verkraftet.

Ich rate Ihnen außerdem, den Unternehmer nicht nur „nebenbei mal“ auf dieses Thema anzusprechen. Es sollte schon einen eigenen Gesprächstermin wert sein. Das signalisiert dem Unternehmer nicht nur, wie wichtig das Thema ist, sondern man kann sich außerdem hervorragend von Mensch zu Mensch bei ihm positionieren. Denn nicht jedes Institut räumt dem Thema einen eigenen Termin ein – obwohl das den subjektiven Wohlfühlfaktor erheblich stärken kann.

Da es sich beim Ruhestand um ein sehr menschlich-emotionales Thema handelt, kann man den Unternehmer hier übrigens auch gerne entsprechend emotional ansprechen, wenn man in der Berater-Kunde-Beziehung schon so firm ist. Ich durfte mal erleben, wie ein älterer Berater, der einen Kunden an eine jüngere Kollegin abgab, im Rahmen der Übergabe mit dem Unternehmer darüber sprach, wie er das Loslassen als Berater empfand. Gleichzeitig unterhielt sich seine Kollegin mit dem Nachfolge-Kandidaten des Unternehmers, der zu diesem Zeitpunkt bereits feststand, darüber, wie er die Zukunft des Unternehmens sieht.

Nicht vergessen: in den Unternehmer hineinversetzen

Ich erwähne immer wieder, wie wichtig es ist, die Sichtweise des Unternehmers anzunehmen, und auch bei diesem Thema ist das nicht anders. Deshalb möchte ich Sie an dieser Stelle daran erinnern: Auch Sie werden irgendwann in den Ruhestand gehen. Dann haben Sie vielleicht keine 5.000 Stunden mehr Zeit im Jahr so wie ein Unternehmer, aber auch bei einem Finanzberater können es bereits um die 2.000 Stunden sein. Haben Sie denn schon eine Idee, was Sie mit 2.000 zusätzlichen Stunden Freizeit im Jahr anstellen möchten? Und das für 20 Jahre oder mehr?

Ein Unternehmer-Leben ist etwas Besonderes

Wie bereits eingangs erwähnt, passen die wenigsten Unternehmer in Lebenszyklusmodelle, sofern diese nicht auch den Lebenszyklus der Firma berücksichtigen. Und was auf den Unternehmer im Ruhestand zukommt, haben Sie nun ebenfalls miterlebt. Dabei haben Sie sicher erkannt: Der Ruhestand, die Neuorientierung in der Ehe und das Loslassen vom Unternehmen, das das bisherige Leben über Jahrzehnte geprägt hat, das sind alles sehr emotionale Themen.

Da muss es nicht immer mit Tränen zugehen, versteht sich. In meinen Vorträgen für Unternehmer zum Thema „Unternehmensnachfolge: Alles außer Steuern und Recht“ sorgt es beispielsweise immer für viel Gelächter, wenn ich den Unternehmern und ihren Ehepartnern erzähle, wie das so wird, wenn man plötzlich mit über 5.000 Freistunden zu Hause sitzt. Sprechen Sie das Thema also nicht immer nur als Warnung an, sondern als Chance, die nächsten Lebensjahre aktiv zu gestalten. Denn auch, wenn man den Ruhestand mit einem gewissen Augenzwinkern anspricht: Das Gespräch sensibilisiert auf jeden Fall und sorgt dafür, dass die Unternehmer sich doch noch rechtzeitig mit der Frage auseinandersetzen: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben, wenn ich aus der Firma raus bin?

 


Über den Autor:
Dirk Wiebusch ist Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Unternehmerfamilien (IFUF). Er berät seit mehr als 25 Jahren Familienunternehmen und Unternehmerfamilien. Seine Erfahrung gibt Wiebusch in Seminaren und Vorträgen an Finanzdienstleister weiter.