Schulden, Zinsen, Inflation „Was hält meine Kaufkraft hoch?“

Louis-Vuitton-Plakat am Einkaufszentrum „Plaza 66“ in Schanghai. China entwickelt sich gerade zu einem riesigen Absatzmarkt für Luxusgüter aller Art. Für das globale Preisniveau dürfte das Folgen haben. | © Getty Images

Louis-Vuitton-Plakat am Einkaufszentrum „Plaza 66“ in Schanghai. China entwickelt sich gerade zu einem riesigen Absatzmarkt für Luxusgüter aller Art. Für das globale Preisniveau dürfte das Folgen haben. Foto: Getty Images

Einundzwanzig ... zweiundzwanzig ... dreiundzwanzig – 3 Sekunden sind nicht viel, um von null auf hundert zu beschleunigen. Aventador bedeutet frei übersetzt so viel wie „jemanden in den Hintern treten“. 6,5 Liter Hubraum brummen im Heck und erzeugen die Kraft von 700 Pferden. Der 90-Liter-Tank reicht gerade mal für 500 Kilometer – zumindest rein rechnerisch. „Der Lamborghini Aventador ist ein außergewöhnliches Fahrzeug und für viele ein reines Hobby“, sagt Carsten Kortüm. 300.000 Euro kostet die Bodenrakete, 30.000 Euro mehr als der Vorgänger. Wer bei dem Geschäftsführer von Lamborghini-München einen Aventador kaufen will, braucht nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Käufer müssen sich bis mindestens November 2012 gedulden. Eine Kaufpanik spürt Kortüm zwar nicht, mancher Kunde greift jedoch zu, weil ihm das Geld auf der Bank derzeit keinen Spaß bringt.

In der Tat ist es derzeit nicht einfach, Geld anzulegen. Die Börsen beben, die Zinsen liegen tief. Und zu guter Letzt ist eine alte Bekannte zurück: die Inflation. Nicht nur im High-End-Bereich, auch in der Bückzone der Supermärkte. „Das Jahr 2011 ist nicht günstig“, sagt der Lebensmittelexperte Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Bei Nahrungsmitteln aus dem Supermarkt beobachtet er einen Preisanstieg um bis zu 25 Prozent: „In den USA waren es in den vergangenen zwölf Monaten sogar fast 30 Prozent.“ Kehrt der Teuro nach jahrelangem Niedrigpreisszenario nun wieder zurück?

Noch nicht, zumindest nicht flächendeckend. Nicht alles verteuerte sich so sehr, manches wurde sogar günstiger, was die offizielle Inflationsrate im Juli auf 2,4 Prozent drückt. Doch auch das ist mehr als die Marke von 2 Prozent, bis zu der Preise als stabil gelten.

Verzwickte Situation erschwert Prognose

Eine einzelne Ursache gibt es nicht, nur eine Mischung vieler Faktoren. So sorgen die amerikanische und die europäische Notenbank seit nunmehr über zwei Jahren dafür, dass sich Banken zu Spott-Zinsen Geld bei ihnen leihen können. Das Geld fließt in Aktien, Immobilien und Rohstoffmärkte. Die Preise steigen. Die Menschen der Schwellenländer verstärken diesen Effekt, indem sie dank ihres Wirtschaftsbooms und gestiegenen Wohlstands mehr einkaufen, mehr essen, mehr Auto fahren. Gerade China hatte durch seine Dumpinglöhne jahrelang dafür gesorgt, dass die Produktpreise in der Alten Welt niedrig blieben. Jetzt steigen dort die Löhne, und China exportiert seine Güter zusammen mit einer ordentlichen Portion Inflation.

Nun sind 2,4 Prozent noch nicht allzu schlimm. Allerdings rufen manche Finanzmarktprofis schon die Hyperinflation aus. Sie fürchten durch die surrenden Notenpressen Schlimmeres. Andere versuchen zu beruhigen, indem sie auf den Einmaleffekt durch die Rohstoffpreise verweisen. Diese können die Inflation in der Tat nur hochhalten, wenn sie selbst immer weiter steigen. Davon ist aber nicht auszugehen, weil Rohstoffpreise nur so weit klettern können, wie sie die Wirtschaft noch bezahlen kann. Alles Weitere würde die Konjunktur abwürgen. Tatsächlich brechen zusammen mit den Aktienkursen mittlerweile auch die Rohstoffpreise ein. Für beide gelten dieselben Konjunkturerwartungen. Das könnte die Preise entlasten.

Denkbar ist auch, dass der Einmaleffekt von den Rohstoffmärkten, gepaart mit Plänen vieler Regierungen, ihre Haushalte zu sanieren, einen Zweitrundeneffekt auslöst. Spart der Staat und braucht er höhere Steuereinnahmen, wird auch das Leben teurer. Arbeitnehmer könnten zum Ausgleich dafür höhere Löhne fordern. Damit steigen die Personalkosten der Unternehmen, was sie über ihre Produktpreise an die Kunden weitergeben. Die Lohn-Preis-Spirale wäre in Gang gekommen. Das geht freilich nur dort, wo gute Arbeitskräfte knapp werden, zum Beispiel in Deutschland. Zentralbank zwischen will und kann nicht Die Europäische Zentralbank (EZB) müsste die Spirale bremsen, indem sie den Leitzins für die Eurozone erhöht. Zwei Schritte gab es in diesem Jahr bereits auf einen Satz von aktuell 1,5 Prozent. Für das wirtschaftlich starke Deutschland ist das noch immer zu wenig, für den fragilen Süden zu viel. Für Anleger ist die Lage schon jetzt unangenehm: „Der künstlich niedrig gehaltene Zins gleicht die Geldentwertung nicht mehr aus“, sagt Gottfried Urban, Geschäftsführer bei Neue Vermögen Asset Management. Anleger verlören damit Vermögen, obwohl es verzinst wird.

„Die Frage muss jetzt heißen: Was hält meine Kaufkraft hoch?“, meint Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege beim Family Office Flossbach & von Storch. Nominalanlagen wie etwa Staatsanleihen seien in dieser Situation falsch.

Angst geht um. „Gerade unsere älteren Kunden haben schlechte Erinnerungen an frühere Inflationsphasen. Sie bekommen Angst um ihr Lebenswerk“, ergänzt Jörg Borgers. „Inflation ist ein großes Thema“, so der Chef für die Vermögensallokation beim Frankfurter Family Office Berlin & Co. Zumindest Wohlhabende reagieren auf ihre eigene Art. Sie kaufen Goldmünzen, entdecken ihren Sinn für Kunst, bauen das Eigenheim aus oder legen sich ein zweites zu. Beim Goldhändler Pro Aurum kommen auf einen Goldverkäufer neun Käufer. Nicht nur bei Lamborghini, auch in den Schmuckabteilungen der Auktionshäuser läuft’s: „Bei unserer Juli-Auktion hatten wir überraschend viele Teilnehmer“, berichtet Ralf Häge, Geschäftsführer beim Auktionshaus Henry’s. „Man merkt, dass momentan sehr viel investiert wird in Schmuck, Uhren, Kunst, Antiquitäten oder Orientteppiche, im Gegensatz zum gleichen Zeitraum der vergangenen Jahre.“

In der Investmentbranche gelten andere Dinge als krisensichere Sachwerte: Aktien, Immobilien, Rohstoffe und Edelmetalle – alles Produkte, hinter denen etwas Sicht- und Greifbares steckt. Zudem gelten auch inflationsgebundene Anleihen als guter Schutz vor Geldentwertung. Gespräche mit etablierten Vermögensverwaltern und Betreuern großer Familienvermögen zeigen, dass die Profis das Thema unterschiedlich angehen. Ein paar Gemeinsamkeiten gibt es aber.

Aktien: Substanz in kleinen Teilen

Unternehmen mit starker Machtstellung können steigende Personal- und Rohstoffkosten problemlos an ihre Kunden weiterreichen. Ihre Gewinne steigen nominal mit und damit auch die Aktienkurse. Schwächere Unternehmen geraten unter Margendruck, die Gewinne sinken. Bei extremer Inflation leiden Aktien, weil meistens auch Umsätze und Wirtschaft einbrechen. „Bis zu einem gewissen Grad schützen Aktien sehr gut vor Inflation“, bestätigt Jens Spudy, geschäftsführender Gesellschafter des Hamburger Family Offices Spudy & Co. Er hält unter anderem den Aktienfonds Agressor aus dem Haus der französischen Gesellschaft Financière de l’Echiquier für eine gute Wahl: „Er enthält europäische Unternehmen, die erfolgreich in die Schwellenländer exportieren, und da kommt die Inflation ja auch her.“ Generell bevorzugt Spudy den Value-Ansatz. Hier liegt der Aktienkurs im Idealfall weit unter dem Substanzwert des Unternehmens. Und Substanz zählt in Zeiten wie diesen.

Ähnliches empfiehlt auch Christoph Weber vom Family Office WSH Deutsche Vermögenstreuhand. Der geschäftsführende Gesellschafter vertraut etwa den Künsten des Erkrather Vermögensverwalters Frank Lingohr: „Für seine Fonds kauft er wirklich Qualitätsaktien und ist immer irgendwie gut. Das sind echte Vermögenswerte“, so Weber. Lingohr ist für seinen emotions- und kompromisslosen Value-Ansatz bekannt. Sein Analysesystem Chicco wählt weltweit aus Tausenden von Unternehmen die günstigsten aus. Nach anschließender Prüfung durch Lingohr und sein Team kommen sie gleichgewichtet ins Portfolio. Das ist prinzipientreu.

Ein nicht ganz so bekannter Fondsmanager, der jedoch sowohl bei Webers WSH als auch bei Berlin & Co. hoch im Kurs steht, ist die Würzburger Vermögensverwaltung Knoesel & Ronge (K&R). Deren Gründer Jochen Knoesel und Ulrich Ronge kaufen vorwiegend deutsche Übernahmekandidaten und andere Unternehmen in Sonderkonstellationen. Ein recht krisensicheres Geschäft, wie die bisherige Wertentwicklung zeigt.

Ein Kandidat, der es bei Gottfried Urban und Jens Spudy auf die Liste geschafft hat, ist Graham French mit seinem M&G Global Basics. Ein Unternehmen, das Frenchs Interesse erregen will, muss Dinge produzieren, die man essen, trinken, tragen, rauchen oder fahren kann. Damit hat er seine Finger quasi direkt am Puls der Inflation. Einen ähnlichen Dreh verfolgen die Manager des Nordea Emerging Consumer Fund und des LBBW Konsum Dynamik Global. Sie konzentrieren sich im Gegensatz zum global orientierten French auf Unternehmen mit starker Position in den Schwellenländern. Nordea sucht seine Kandidaten weltweit, LBBW in Europa. Hier gilt dasselbe Argument wie beim Agressor.

Immobilien: Schutz durch vier Wände und Dach

Wie bei Aktien zählt auch bei Immobilien die Preismacht. Wenn der Vermieter das steigende Preisniveau auf die Miete schlagen kann oder diese sogar ausdrücklich inflationsgebunden ist, ist alles prima. Viele Objekte in einem Fonds mit professionellem Management, also ein offener Immobilienfonds – das wäre es eigentlich. Doch die Branche kämpft noch immer mit hausgemachten Problemen: Weil sie es zuließ, dass ihre Produkte über Jahre hinweg als Geldmarktersatz missbraucht wurden, gerieten diese in der Finanzkrise in Liquiditätsnot und schlossen gleich reihenweise die Pforten. Nun müssen ihre Manager Objekte verkaufen und Positionen abwerten, die sie vor der Krise teilweise zu teuer gekauft hatten.

Einige Fonds werden aktuell aufgelöst, andere versuchen, die Kurve zu kriegen. Jörg Borgers hält sich hier zurück: „Wir befürchten, dass es weiterhin Abschreibungsbedarf in einigen offenen Immobilienfonds gibt. Dazu kommt, dass Verkaufsbeschränkungen und rechtliche Unsicherheit eine Anlage für uns wenig attraktiv erscheinen lassen.“

Neue-Vermögen-Geschäftsführer Urban ist da nicht ganz so skeptisch. „Die Fonds werden an der Börse mit einem hohen Discount gehandelt“, sagt er und empfiehlt speziell beim Kanam Grundinvest und beim CS Euroreal den Einstieg über die Börse. Natürlich werde der Wert solcher Fonds künftig stärker schwanken als in der bisher geglätteten Form. Aber: „Mietwohnungen ändern auch ihren Marktwert. Und dort akzeptiert es jeder. In erster Linie geht es doch um die Sicherheit von Sachwerten und die laufenden Mieteinnahmen.“

Rohstoffe: Material

Für reine Rohstoffinvestments können sich die befragten Profis kaum begeistern. Zu kompliziert sind die Investitionstechniken, zu dünn ist die Rendite. Denn stark steigende Rohstoffpreise können zwar eine Inflation auslösen, wie es gerade der Fall ist. Andersherum betrachtet folgen sie aber nicht zwangsläufig einer Inflation, wenn sie woanders entsteht. So zogen die Preise in Deutschland in den frühen 90er Jahren durch den Wiedervereinigungs-Boom um bis zu 5 Prozent pro Jahr an. Den Rohstoffmarkt hat das jedoch kaum beeindruckt. Die Preise sanken sogar.

Edelmetalle: Die letzte Instanz

Zunächst die Enttäuschung: Der Preis für eine Unze Gold hat mit der Inflation allein nichts zu tun. Wird das tägliche Leben teurer, heißt das noch lange nicht, dass das auch mit Gold passiert. Anders bei Goldpreis und Realzins – also Marktzins minus Inflation. Die Vergangenheit hat mehrfach gezeigt: Sinkt der Realzins, steigt der Goldpreis.

In erster Linie ist Gold ein Angstbarometer. Es misst die Furcht vor Inflation und wirtschaftlichen Turbulenzen. Und die ist derzeit enorm hoch – genau wie der Goldpreis. „Es ist die Angst ums Papiergeld“, sagt Philipp Vorndran. „Der Gold und Silberpreis sind nicht gestiegen, die Papierwährungen sind gefallen.“

Unumstritten ist, dass Gold vor Hyperinflation, dem dann unvermeidlichen Währungsschnitt oder etwa einem Schuldenkollaps schützt und – sehr – langfristig tatsächlich seine Kaufkraft behält. „Gold ist fester Bestandteil unserer strategischen Vermögensausrichtung, der Schutz vor dem Super-Gau“, sagt Stefan Freytag, Vorstandssprecher beim Family Office Wilhelm von Finck. „Gold hat schon immer funktioniert. Selbst in Grimms Märchen war es eine wichtige Währung“, sagt Jörg Borgers. Viele seit Generationen wohlhabende Familien wüssten, dass ihnen Münzen in Krisen immer geholfen haben. Bei der Frage nach dem idealen Anteil des Vermögens liegt die Schnittmenge bei 5 bis 10 Prozent.

Inflationsanleihen: Direkter Draht zur Inflation

Diese spezielle Form eines Zahlungsversprechens gehört im Hause Wilhelm von Finck Deutsche Family Office zu den Favoriten. „Das ist die einzige Anlageklasse, die ausdrücklich an die Inflation gekoppelt ist“, lobt Vorstand Freytag. Sein Haus habe jedoch die Positionen derzeit aus taktischen Gründen stark zurückgefahren, da man wegen der jüngsten Turbulenzen in Wirtschaft und Finanzmarkt eher mit Deflation als mit Inflation rechne.

Inflationsgebundene Anleihen sind eine noch junge Anlageklasse. Im Gegensatz zur normalen Anleihe sind Zins oder Rückzahlungsbetrag nicht fest, sondern hängen an der Inflation. Der Nachteil: Ihr Wert steht lediglich auf dem Papier, damit handelt es sich um keinen echten Substanzwert.

Der Börsenkurs richtet sich danach, welche Inflation der Markt erwartet. Ist das zu tief geschätzt, empfiehlt sich ein Kauf. Eine hohe Erwartung hingegen macht die Anleihen teuer. „Der Markt preist derzeit für Deutschland auf Sicht von fünf Jahren eine Inflation im Bereich von 2 Prozent ein, das dürfte zu tief sein“, sagt Jens Spudy. Auf Produktebene vertraut sein Haus dem Nomura Real Return: „Das Portfolio besteht aus bonitätsstarken Schuldnern, außerdem verzichten die Manager auf artfremde Risiken.“

Mischprodukte: Von allem ein bisschen

Die Fondsbranche reagiert auf die unterschwellig schon lange vorhandene Angst der Anleger neuerdings mit speziellen Mischfonds, die jene vier zuvor genannten Anlageklassen enthalten. Das ist insofern clever, weil keine Klasse immer komplett vor den verschiedenen Arten von Inflation schützt. Ein Fondsmanager mit entsprechenden Freiheiten und Fähigkeiten kann das Portfolio den Umständen entsprechend anpassen. Natürlich erfindet auch er das Rad dann nicht neu, wie Fondsexperte Björn Drescher vom Analysehaus Drescher & Cie in St. Augustin trefflich bemerkt. „Sie bedienen in erster Linie eine aktuelle Sorge der Anleger“, sagt er. „Aber wenn ein solches Produkt gut gemanagt wird – warum nicht?“