Geldpolitischer Kurs nachjustiert Was Finanzexperten von der aktuellen EZB-Sitzung erwarten

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Markus Ferber, CSU-Europaabgeordneter und wirtschaftspolitischer Sprecher der EVP-Fraktion im EU-Parlament:

„Die EZB hat sich im vergangenen Jahr zurecht beherzt gegen die wirtschaftlichen Verwerfungen der Corona-Krise gestimmt. Inzwischen boom die europäische Wirtschaft aber so stark wie seit Jahren nicht mehr. Wenn die Krise vorbei ist, muss auch die Krisenpolitik der EZB beendet werden. Statt Krisenpolitik muss nun wieder Preisstabilität im Vordergrund stehen.  Wirft man auch einen Blick auf das Staatsanleihekaufprogramm (PSPP) und das Programm zum Ankauf von Wertpapieren des Unternehmenssektors (CSPP), würde selbst ein Auslaufen des PEPPs nicht das Ende der Anleihekaufprogramme bedeuten. Die Geldpolitik der EZB würde vielmehr weiterhin sehr expansiv bleiben. Es droht also keine Gefahr, wenn die EZB nun einen Gang runterschaltet.“


Mohammed Kazmi, Portfolio Manager Fixed Income und Macro Strategist bei UBP:

„Angesichts der lockeren Finanzierungsbedingungen, des trotz der Delta-Variante stabilen Wachstums in der Eurozone und einer wahrscheinlichen Anhebung der Wachstumsprognosen denken wir, dass in Bezug auf die PEPP-Käufe eine Art sanftes Tapering angekündigt wird.

Angesichts der bereits von verschiedenen EZB-Ratsmitgliedern ausgesprochenen Warnungen vor derartigen Maßnahmen werden die Ankündigungen kaum die Bund-Renditen bewegen. Darüber hinaus wird jede Anpassung des PEPP wahrscheinlich von gemäßigten Äußerungen von Christine Lagarde begleitet werden. Sie wird darauf bedacht sein, die Märkte nicht aufzuschrecken und ein mögliches Ende des PEPP nicht anzusprechen, sondern sich vielmehr darauf konzentrieren, die Finanzierungsbedingungen locker zu halten.

In unseren Portfolios halten wir weiterhin an einer kurzen Duration fest – die Zinsen könnten weltweit steigen, sobald der Höhepunkt der Delta-Welle überschritten ist […] Jegliche Diskussionen über Zinserhöhungen der EZB [sind] noch mehrere Jahre entfernt“.

 

Robert Greil, Chefstratege der Privatbank Merck Fink:

Die großen Zentralbanken von der Fed bis zur EZB stehen kurz davor, nach und nach, ihre Anleihekäufe zurückzufahren. Damit dürften die Anleiherenditen etwas ansteigen – wir rechnen bei den zehnjährigen US-Staatsanleihen allerdings nur mit einem Renditeanstieg um 10 bis 30 Basispunkte in den zwei Monaten nach einer Verkündung der Reduzierungspläne für die Anleihekäufe der Fed. Zugleich gehen wir davon aus, dass die Aktien- und Unternehmensanleihemärkte in der Lage sein sollten, diese Renditeanstiege gut zu verkraften.

Die Bank of England hat ihre Anleihekäufe bereits seit einiger Zeit reduziert. Trotz des schwächer als erwarteten US-Arbeitsmarktberichts vom vergangenen Freitag wird die US-Notenbank wohl noch vor Jahresende eine ähnliche Strategie ankündigen. Hinsichtlich der EZB-Entscheidung zum Tempo des PEPP für die nächsten drei Monate rechnen wir angesichts der verbesserten Finanzierungsbedingungen und der wahrscheinlichen Aufwärtskorrekturen bei den Wachstums- und Inflationsprognosen damit, dass es der EZB nicht leichtfallen wird, die Beibehaltung eines deutlich höheren Tempos der Ankäufe im Vergleich zum Jahresanfang zu rechtfertigen. Daher wird sie wahrscheinlich eine Drosselung des PEPP ankündigen oder zumindest stark andeuten.

Eine Ankündigung, dass die Fed ihre Anleihekäufe verlangsamen und schließlich beenden wird, dürfte sich in höheren Renditen für Staatsanleihen niederschlagen. […] Viele der Merkmale, die dem „Taper Tantrum“ von 2013 zugrunde lagen, sind dieses Mal entweder nicht vorhanden oder hinreichend anders. Das Ausmaß der Zinsänderungen dürfte daher geringer ausfallen – sodass es Risikoanlagen wie Aktien und Unternehmensanleihen verkraften können sollten.

Ein Anstieg der Anleiherenditen wird jedoch wahrscheinlich schrittweise und moderat erfolgen. Die Zentralbanken dürften ihre riesigen Bestände an fälligen Anleihen weiter reinvestieren, selbst wenn sie ihre Bilanz nicht mehr ausweiten (das heißt, wenn sie keine zusätzlichen Anleihen mehr kaufen). Ihre Kernaussage bleibt, dass die Messlatte für Anhebungen der Leitzinsen höher liegt. Das Tapering stützt sich aus unserer Sicht auf die Tatsache, dass eine massive geldpolitische Unterstützung nicht mehr notwendig ist, da sich die Volkswirtschaften erholen. Die Geldpolitik bleibt aber damit weiter expansiv.“