Europa wächst schneller als die USA „Es müsste zu einer Umschichtung kommen“

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon Asset Management

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon Asset Management

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In der vergangenen Woche ist etwas passiert, was mein volkswirtschaftliches Weltbild erschüttert hat. Bisher ging ich immer davon aus, dass Amerika den Europäern in Sachen Dynamik, Flexibilität und Innovationskraft weit überlegen ist. Europa ist wirtschaftlich gesehen ein alter Kontinent. Es leidet zudem unter politischer Sklerose. Es war daher zu vermuten, dass die USA auch in diesem Jahr wieder deutlich schneller wachsen würden als Europa.

Jetzt scheint es aber ganz anders zu kommen. Wie die Statistischen Ämter in Washington und Luxemburg bekannt gaben, ist das reale Bruttoinlandsprodukt im Euroraum in den ersten drei Monaten dieses Jahres vier Mal so schnell gewachsen wie das der USA. Es erhöhte sich um 2 Prozent verglichen mit nur 0,5 Prozent in den USA (jeweils annualisiert und saisonbereinigt). So groß war der Abstand bisher noch selten. Deutschland ist nach dieser Rechnung sogar um 2,8 Prozent gewachsen. Das hatte wohl auch kaum jemand auf der Rechnung. Erstaunlicherweise wurde es in der Öffentlichkeit relativ wenig beachtet.



Haben Anleger etwas verpasst?

Haben die Anleger hier etwas verpasst? Müssen wir umdenken? Nun muss man freilich die Kirche im Dorf lassen. So dramatisch, wie es auf den ersten Blick aussieht, ist das Ganze nicht. Es handelt sich hier nur um das Ergebnis eines Quartals. Da spielen häufig Sonderfaktoren (wie etwa das Wetter oder statistische Ungenauigkeiten) eine Rolle. Zudem werden die Zahlen hinterher noch oft korrigiert. Im Gesamtjahr wird das Ergebnis vermutlich nicht mehr so krass aussehen. Die USA werden dann wohl immer noch etwas schneller wachsen als die Europäer, allerdings nur noch wenig.

Andererseits zeigt die Grafik, dass die Entwicklung nicht ganz zufällig ist. Bereits seit vier Jahren nimmt der Abstand der Wachstumsraten zwischen den USA und dem Euroraum ab. 2012 lag er noch bei über drei Prozentpunkten. In diesem Jahr werden es vermutlich nur noch 0,1 oder 0,2 sein. Wir müssen den Trend also schon ernst nehmen.

Was ergibt sich daraus für die Märkte? Eigentlich müsste es zu erheblichen Umschichtungen kommen. Internationale Anleger müssten sich von Amerika verabschieden und sich Europa zuwenden. Das tun sie aber offensichtlich nicht. Der US-Dollar ist auf den Devisenmärkten immer noch recht stark. Die amerikanischen Aktien haben sich im bisherigen Jahresverlauf insgesamt sogar besser entwickelt als die europäischen. Die amerikanischen Rentenmärkte haben auf die Wachstumszahlen kaum reagiert. Die Langfristzinsen sind nach wie vor wesentlich höher als in Europa. Das liegt zum Teil aber an den Wertpapierkäufen der EZB.