
Herr Timpanaro, Vietnam gilt als Land im Aufbruch. Was tut sich konkret?
Mario Timpanaro: Wir erleben gerade die weitere Stufe von Doi Moi – einem Paradigmenwechsel. 1986 stand die Öffnung für Unternehmertum im Mittelpunkt. Heute geht es um Effizienz und Produktivität. Drei Dinge sind zentral: Erstens verlagert sich die Industrie immer stärker nach Vietnam. Im Norden Vietnams rund um Hải Phòng und im Süden um Ho-Chi-Minh-Stadt entstehen neue Cluster für Elektronik und Komponentenfertigung. Zweitens beschleunigt die Regierung Großprojekte bei Infrastruktur, Häfen und Energieversorgung. Das senkt Kosten und hebt die Wettbewerbsfähigkeit. Drittens wächst der Binnenkonsum zweistellig. Moderner Handel, E-Commerce und Tourismus entwickeln eine ganz neue Dynamik.
Welche Branchen treiben die Wirtschaft?
Timpanaro: Vietnam hat den klassischen „Textil-Schuh-Pfad“ längst weiter diversifiziert. Heute tragen Elektronik und Hightech einen wachsenden Anteil – mittlerweile über ein Viertel des BIP. Dazu kommen Banken, Versicherungen, Logistik, Infrastruktur, IT-Services und Fintech. Textilien sind für Beschäftigung weiterhin wichtig, aber die Richtung ist klar: mehr Wertschöpfung, weniger Lohnkostenvorteil.
Was macht Vietnam für Investoren spannend?
Timpanaro: Für den Lumen Vietnam Fonds schauen wir uns drei Faktoren an: strukturelles Wachstum, Reformdynamik und geopolitische Relevanz. Das Land hat eine junge, gut gebildete Bevölkerung, profitiert vom „China-Plus-One“-Trend und bleibt fiskalisch diszipliniert. Die Staatsverschuldung liegt bei 35 Prozent des BIP, ein niedriger Wert im Vergleich zur weltweiten Verschuldungsdynamik. Für Investoren bedeutet das: Vietnam ist nicht mehr nur ein Frontier-Markt, sondern ein Emerging Market mit einem breiten, investierbaren Universum an börsennotierten Unternehmen mit hohen Kapitalrenditen und verbesserter Governance.
Wo liegen die Risiken?
Timpanaro: Schwierigkeiten gibt es bei der Umsetzung und Energieversorgung. Reformen müssen konsequent weitergehen, und die Stromversorgung muss mit dem Wachstum Schritt halten. Extern sind Nachfrageschwäche und Zölle eine Belastung. Auch die Verflechtung von Immobilien und Banken bleibt ein potenzieller Risikofaktor. Für Investoren heißt das: Bilanzqualität, Cashflows und Transparenz sind entscheidend. Wir bei Lumen Vietnam verfügen über ein kompetentes, erfahrenes und lokales Analystenteam, das die Unternehmen direkt vor Ort eng begleitet. Das verschafft uns einen klaren Vorteil in einem noch ineffizienten Markt.
Vietnam bleibt von Trumps Zöllen nicht verschont. Fluch oder Segen?
Timpanaro: Kurzfristig sind Zölle ein Margen-Gegenwind in zollsensiblen Segmenten. Vietnam steht im Vergleich zu einigen regionalen Wettbewerbern besser da. Der vereinbarte Zollsatz von 20 Prozent ist verkraftbar. Unternehmen können durch diversifizierte Lieferketten, höhere Qualität und verlässlichere Lieferzeiten ihre Preise besser durchsetzen. Insgesamt hat die Zollpolitik die Diversifizierung der Produktion nach Vietnam beschleunigt und ist unterm Strich mittel- bis langfristig eher Katalysator als Bremse, bei kurzfristiger Volatilität.
Im September könnte FTSE Russell Vietnam zum „Emerging Market“ hochstufen. Welche Bedeutung hätte das?
Timpanaro: Man darf die Dimension nicht mit einer MSCI-Aufnahme vergleichen. Die Kapitalzuflüsse werden überschaubar sein. Aber die Symbolkraft ist groß. Es ist ein klares Signal, dass Vietnam für internationale Investoren nicht mehr zu ignorieren ist. Passives Geld wird einfließen, aber spannender ist, dass auch aktive Manager Vietnam stärker auf dem Radar haben. Entscheidend bleibt, dass die fundamentale Story stimmt – und die ist intakt: Wachstum, Reformen, Demografie und eine wachsende Zahl investierbarer Unternehmen. Dass unser Lumen Vietnam Fonds im laufenden Jahr deutlich stärker zugelegt hat als die meisten anderen Emerging Markets, die sich ebenfalls in einem Bullenmarkt befinden, unterstreicht diese Dynamik eindrucksvoll.
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