Von „Deal“ bis „No Deal“ Was der Brexit wirklich kostet

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Das UK BIP-Wachstum (2015: 2,3 Prozent) ist seit dem Brexit-Votum stark gesunken. Die Arbeitslosenquote (2015: 5,3 Prozent) war jedoch rückläufig, und es ist aktuell auch ein leichtes Lohnwachstum zu verzeichnen.

Handelsdefizit mit EU

Laut einem Bericht vom 4. Juli 2018 des House of Commons (Unterhaus des UK-Parlaments) wurden im Jahr 2017 in die EU 44,5 Prozent (274 Milliarden Britische Pfund) und Nicht-EU 55,5 Prozent (342 Milliarden Britische Pfund) an Dienstleistungen und Waren exportiert. Die Importe beliefen sich 2017 auf 53,1 Prozent (341 Milliarden Britische Pfund) aus der EU und 46,9 Prozent (301 Milliarden Britische Pfund) aus Nicht-EU-Ländern.

In Summe kam es im Jahr 2017 zu einem Defizit mit der EU von 67 Milliarden Britischen Pfund und einem Überschuss mit der Non-EU von 41 Milliarden Britischen Pfund  Im Bericht ist außerdem ersichtlich, dass der Handel in Gütern und Dienstleistungen mit der EU seit 1999 (Export: 54,6 Prozent, Import: 56 Prozent) rückläufig ist.

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Hard Brexit: Druck auf Pfund

Seit dem Ergebnis der Brexit-Abstimmung (23. Juni 2016) hat sich der EUR-GBP-Kurs von 0,7667 um rund 17 Prozent auf 0,89 erhöht. Anders dargestellt: Das GBP hat gegenüber dem Euro circa 14,6 Prozent an Wert verloren. Seit September 2017 bewegt sich der EUR-GBP-Kurs seitwärts (Trading-Range: 0,87 - 0,90). Ein Hard-Brexit könnte zu einem EUR-GBP-Kurs um 1 führen. Investoren sollten daher die Entwicklung des britischen Pfund laufend beobachten.

Aktien dümpeln dahin

Sollte eine Abkommen unter Wahrung der jeweiligen Interessen („Deal“) zustande kommen und somit eine neue Partnerschaft begründet werden, wäre dies ein positives Signal für die Märkte, etwa für die Aktienkurse. Bei einem „Hard-Brexit“ („No-Deal“) sind zunächst starke Markt-Volatilitäten zu erwarten.

Die Entwicklung des britischen Aktienindex FTSE 100 seit Juni 2016 zeugt ebenso von der Unsicherheit, die sämtliche Marktteilnehmer verspüren: Der FTSE 100 ist seither auf Euro-Basis um nur 0,5 Prozent gestiegen (+ 17,3 Prozent in GBP). Im Vergleich dazu auf EUR-Basis: S&P-500: + 34,4 Prozent, DAX: + 20,5 Prozent oder Eurostoxx 50: + 11,7 Prozent. Das KGV britischer Unternehmen beläuft sich derzeit auf rund 16,5. Im Vergleich dazu: S&P-500: 21, DAX: 14,4 oder Eurostoxx 50: 15,7.

Zinsanstieg erwartet

Der aktuelle Leitzins der BOE beträgt 0,75 Prozent. In Folge der seit dem Brexit-Votum gestiegenen Inflation (VPI 2016: 0,7 Prozent; 2018e: 2,4 Prozent) wird prognostiziert, dass 2019 der Leitzins auf zumindest 1 Prozent angehoben wird. Die 10jährigen „Gilts“ (UK-Staatsanleihen) bringen aktuell eine Rendite von 1,44 Prozent (Juni 2016: 1,37 Prozent) bei einem derzeitigen Moody‘s-Rating von Aa2.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Mit Austritt (Artikel 50 EUV oder Brexit) von UK aus der EU zum 29. März 2019, 24 Uhr Brüsseler Zeit wird UK zum Drittstaat. Für UK gelten in Folge nicht mehr die EU-Binnenmarktregeln und die Zollunion. Für die EU und UK entsteht dadurch ein zusätzlicher administrativer und finanzieller Aufwand. Damit eine fristgerechte Ratifizierung seitens des UK- sowie des EU-Parlaments samt qualifizierter Zustimmung der Mitgliedsstaaten der EU-27 zum Austrittsdatum möglich ist, müssen die Verhandlungen bis spätestens Mitte November 2018 abgeschlossen sein.

In UK gibt es vermehrt Stimmen, die eine neuerliche Brexit-Abstimmung befürworten. Nach aktuellen Umfragen würden derzeit 46 Prozent für einen Verbleib und 41 Prozent für einen Austritt aus der EU stimmen. Hinsichtlich der Zurücknahme des Antrags gemäß Artikel 50 EUV stellt eine Ausarbeitung des Deutschen Bundestags vom 28. Juni 2016 fest, dass dies im gegenständlichen Artikel nicht geregelt ist. Eine Fristverlängerung der Austrittsverhandlungen ist gemäß Artikel 50 (3) EUV möglich, wenn dies im Europäischen Rat und im UK-Parlament beschlossen wird.


Über den Autor:

Alexander Eberan ist Vorstand des Bankhaus Krentschker & Co. mit Sitz in Graz und Wien. Er ist zuständig für das Private Banking sowie das Risk Management und betreut Stiftungen und vermögende Privatpersonen. Eberan ist Absolvent der Wirtschaftsuniversität Wien und hat die University of Chicago mit einem MBA abgeschlossen.