Ein neuer Investmentzyklus für Real Assets hat begonnen – und er trägt eine defensive Handschrift. Das zeigt die sechste globale Investorenbefragung von Patrizia, an der 104 institutionelle Investoren teilnahmen, die ein verwaltetes Vermögen von bis zu einer Billion Euro repräsentieren. Der Augsburger Investmentmanager befragte die Anleger zwischen dem 14. April und dem 15. Mai 2026 zu Immobilien, Infrastruktur, Geopolitik und ESG.
Wohnen baut die Führung aus, Büros fallen zurück
Bei Immobilien bleibt das Wohnsegment unangefochten vorn – und legt weiter zu: 54 Prozent der Investoren wollen klassische Wohnimmobilien in den nächsten fünf Jahren am stärksten ausbauen, nach 47 Prozent im Vorjahr. Weitere 23 Prozent setzen auf Modern Living, also spezialisierte Wohnformen wie Studentenwohnen, Seniorenwohnen oder bezahlbares Wohnen. Zusammen priorisieren damit 77 Prozent den Wohnbereich. Logistik hält sich stabil bei 15 Prozent – Büros (6 Prozent), Hotels (2 Prozent) und Einzelhandel (0 Prozent) spielen dagegen kaum noch eine Rolle.
Innerhalb des Wohnbereichs halten 40 Prozent Mehrfamilienhäuser und klassische Apartments für am attraktivsten, gefolgt von bezahlbarem Wohnen mit 34 Prozent und Seniorenwohnheimen mit 15 Prozent. Auch strategisch dominiert Sicherheitsdenken: 68 Prozent bevorzugen Core- und Core+-Strategien, nach rund 60 Prozent im Vorjahr.
„Die Fundamentaldaten sind seit Jahren an vielen europäischen Immobilienmärkten besser als die Marktstimmung“, sagt Jochen Reith, Head of Capital Markets DACH (Leiter Kapitalmärkte DACH) bei Patrizia. „Ein strukturell geringes Angebot, die demografische Entwicklung und der Bedarf an modernen Wohnimmobilien schaffen überzeugende, langfristige Anlagemöglichkeiten."
Der Stimmungsumschwung – Ernüchterung binnen eines Jahres
Hinter der Wohn-Präferenz steht allerdings ein bemerkenswerter Stimmungswandel. Noch 2025 erwarteten 69 Prozent der Investoren wachsende Transaktionsaktivitäten am Immobilienmarkt – jetzt sind es nur noch 30 Prozent. 47 Prozent rechnen mit sinkenden Bewertungen, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr (22 Prozent). Und der Anteil der Investoren, die steigende Finanzierungskosten erwarten, hat sich binnen eines Jahres von 37 auf 70 Prozent fast verdoppelt. Der defensive Kurs ist also weniger Kür als Pflicht: Wer teurere Finanzierung und fallende Bewertungen erwartet, sucht resiliente Cashflows.
Infrastruktur: Energiewende vorn, Soziales versiebenfacht sich
Anders die Lage bei Infrastruktur: 45 Prozent der Investoren wollen ihre Allokation in den nächsten fünf Jahren erhöhen – zehn Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. 73 Prozent erwarten zunehmende Transaktionsaktivitäten im Infrastrukturmarkt. Das größte Interesse zieht die Energiewende auf sich: 41 Prozent wollen diesen Sektor am stärksten ausbauen. Digitale Infrastruktur verliert dagegen an Dynamik – 24 Prozent nach 37 Prozent im Vorjahr. Der Überraschungsaufsteiger ist Soziale Infrastruktur: 17 Prozent der Investoren setzen auf den Sektor, nach lediglich 2 Prozent im Vorjahr.
„Die Energiewende wird zunehmend auch unter dem Gesichtspunkt von Resilienz und Versorgungssicherheit betrachtet", sagt Janin Söder, Head of Infrastructure Sales DACH (Leiterin Infrastrukturvertrieb DACH) bei Patrizia. „Viele der attraktivsten Investmentmöglichkeiten sind keine großangelegten Projekte, sondern eng mit der lokalen wirtschaftlichen Situation verbunden.“
Gedämpft sind allerdings auch hier die Renditeerwartungen: Nur noch 19 Prozent rechnen mit steigenden Gesamtrenditen, nach 32 Prozent im Vorjahr – 72 Prozent erwarten stabile Erträge.
Kapital wandert von den USA nach Europa
Die Geopolitik prägt die Entscheidungen: 85 Prozent der Befragten sehen moderate oder signifikante Auswirkungen geopolitischer Volatilität auf ihr Real-Assets-Portfolio. Die Konsequenz ist eine Umschichtung: 24 Prozent wollen ihre Allokation in Europa in den nächsten drei Jahren erhöhen, nur 4 Prozent reduzieren. Spiegelbildlich die USA: Dort planen 33 Prozent eine Reduktion, lediglich 3 Prozent einen Ausbau.
Bei der Wahl des Investmentmanagers zählt entsprechend lokale Verankerung: 88 Prozent nennen lokale Teams als wichtiges Auswahlkriterium, 80 Prozent starke europäische Präsenz und Expertise. Fast alle Investoren (93 Prozent) erwarten zudem ausgewiesene Sektor-Expertise.
„Statt breiter Marktpositionen suchen Investoren zunehmend eine zielgerichtete Allokation“, erklärt Konrad Finkenzeller, Head of Client Division (Leiter Kundengeschäft) bei Patrizia. „Europa gewinnt als attraktives Anlageziel institutioneller Investoren weiter an Bedeutung."
ESG bleibt gesetzt – trotz Datenfrust
Am Nachhaltigkeitskurs halten die Investoren fest: 62 Prozent wollen künftig mehr ESG-Kriterien und -Daten nutzen, nur 4 Prozent weniger oder keine. Größtes Hindernis bleibt die Datenlage – 74 Prozent nennen mangelnde Datenqualität und fehlende Standardisierung als zentrale Herausforderung für nachhaltiges Investieren, deutlich mehr als in den Vorjahren.