Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hat nach Recherchen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ ihren ehemaligen Finanzvorstand vor dem Landgericht Dortmund auf Schadensersatz verklagt. Ihre Wirtschaftsprüfer verklage sie vor dem Landgericht Düsseldorf. Zuvor habe eine Kanzlei jede Kapitalanlage der vergangenen Jahre geprüft. Danach habe die KVWL insgesamt 200 Millionen Euro abgeschrieben. Der frühere Finanzvorstand weist ein Fehlverhalten vor Gericht zurück.
Nach Ansicht von André Große Vorholt, der die Aufarbeitung als Rechtsanwalt für die KVWL leitet, hätte die KV weder in den Verius-Fonds noch in die meisten Schuldscheindarlehen investieren dürfen. Laut Große Vorholt wurden die Kassen „mit Finanzprodukten konfrontiert“, die sie „fachlich überfordert“ hätten.
Bislang richteten sich die bekannten Klagen gegen die Anbieter. Am Landgericht Frankfurt sind drei Verfahren gegen das Bankhaus Hauck Aufhäuser, den Verius-Fonds und weitere Personen anhängig. Das Gericht bestätigte im August einen Streitwert von zusammen rund 81 Millionen Euro, wie das private banking magazin berichtete. Zwei der Verfahren werden am 10. Dezember 2026 verhandelt.
Drei Kassen verloren zusammen 100 Millionen Euro
Neu beziffert haben die Sender auch die Verluste von drei Krankenkassen. Die Bahn BKK und die Viactiv-Krankenkasse hätten jeweils 40 Millionen Euro mit dem Verius-Fonds eingebüßt, die Siemens BKK 20 Millionen Euro. Die Kassen hatten die Höhe ihrer Verluste bislang nicht genannt. Viactiv und Siemens BKK verwiesen auf Anfrage der Sender auf laufende Prüfungen. Die Bahn BKK antwortete nicht.
Sonderprüfung zweifelt an Einhaltung der Anlagerichtlinie
Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin investierte laut Bericht rund 15 Millionen Euro in den Verius-Fonds. Ein interner Bericht, der NDR, WDR und der „Süddeutschen Zeitung“ vorliegt, beschreibt eine Sonderprüfung durch Forvis Mazars von Oktober 2024 bis März 2025. Die Wirtschaftsprüfer hätten in einer Stichprobe von sechs Anlagen keine Verstöße gegen gesetzliche Vorschriften festgestellt. Bei fünf Anlagen hätten sie jedoch Zweifel geäußert, ob diese mit der hauseigenen Anlagerichtlinie übereinstimmen. Das betrifft 36 der geprüften 42 Millionen Euro, darunter die Verius-Anlage. Ein Teil des damaligen Vorstands widersprach laut Bericht: Die Richtlinie sei nicht strenger gefasst als das Gesetz. Der Vorstand der KV Berlin äußerte sich auf Anfrage der Sender nicht konkret.
Die bundesweit tätigen Krankenkassen haben nach Auskunft der Bundesregierung an die Grünen-Abgeordnete Paula Piechotta mehr als 1,1 Milliarden Euro in riskante Finanzprodukte investiert. Die Anlagen der Kassenärztlichen Vereinigungen sind darin nicht enthalten. Laut Bericht geht es dabei um mehrere hundert Millionen Euro.
Das Erste sendet am 23. September um 21:45 Uhr im Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ einen Beitrag zu dem Thema.