Robert Günther und Markus Gick von Xdeck „Die Bewertungsanpassung überträgt sich auf den Markt für Beteiligungskapital“

Robert Günther (links) und Markus Gick (rechts) von Xdeck

Robert Günther (links) und Markus Gick (rechts) von Xdeck: Foto: Hannah Goebbels

private banking magazin: Ausbleibende Finanzierungsrunden, Entlassungen, erste Pleiten: Wird die Start-up-Branche langsam auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt?

Markus Gick: Es findet eine Bereinigung statt, wobei gute Start-ups weiterhin Finanzierungen erhalten werden. Im Seed- und Pre-Seed-Bereich werden die Bewertungen zudem nur gering zurückgehen. Wir haben uns den Markt angesehen und mit der Finanzkrise im Jahr 2008 verglichen: Grundsätzlich gilt: Die Kapitalmärkte haben Technologie-Werte in den letzten Monaten abgestraft und die Bewertungen sind massiv gefallen. Diese Bewertungsanpassung überträgt sich auch auf den privaten Markt für Beteiligungskapital, wobei insbesondere spätphasige Unternehmen, mit einem kurzen Zeithorizont bis zum Börsengang, betroffen sind. Nicht ohne Grund spricht man derzeit von einer „IPO-Halde“ internationaler, aber auch deutscher Unternehmen, die mit ihrem Gang auf das Börsenparkett auf bessere Zeiten und damit höhere Bewertungen hoffen.

Zudem haben Unternehmen, die in der Vergangenheit auf vergleichsweise hohen Bewertungen Kapital eingesammelt haben, aktuell die Herausforderung, frisches Kapital außerhalb der Bestandsinvestoren einzuwerben.

 

Es wird auch so sein, dass bestimmte Geschäftsmodelle, die primär auf rasantes Wachstum und nicht auf kurzfristige Profitabilität abzielen wie zum Beispiel Quick-Commerce, es schwerer haben werden, neues Wagniskapital auf Basis der Bewertungen der letzten Runden einzuwerben. Somit werden Bestandsinvestoren in diesen Bereichen vermehrt Down-Rounds akzeptieren müssen. Die Krise führt hier zu einer notwendigen Bewertungsanpassung und Bereinigung von Geschäftsmodellen und belohnt besonders diejenigen, die es geschafft haben, in ihre Bewertungen „hereinzuwachsen“.

Wer gründet in der aktuellen Situation noch?

Robert Günther: Gründen bleibt attraktiv und muss weiter gefördert werden. Denn die großen Herausforderungen wie Klimawandel, demographischer Wandel und nachhaltiges Wirtschaften werden wir nur mit Technologie lösen können. Generell ist die Motivation, zu gründen, weiterhin ungebrochen. Neben den Gründern, die erstmalig ein Unternehmen gründen, nehmen insbesondere auch die Gründungen von erfahrenen Seriengründern zu. Zudem führt die Entlassungswellen großer Tech-Unternehmen dazu, dass erfahrene Angestellte ihre eigenen Unternehmen gründen und somit den Trend in der aktuellen Situation verstärken. Zudem stehen jungen Start-ups jetzt Top-Talente zur Verfügung, die diese in der Vergangenheit, im Wettbewerb mit den großen Technologieunternehmen, nicht anziehen konnten.

„Absolventen an den Hochschulen, die noch vor 10 Jahren in die Unternehmensberatung oder das Investmentbanking strebten, wollen heute vermehrt Gründer werden“

Unterstützt wird diese Entwicklung durch Programme, wie den Landesgründerstipendien, dem Bundesprogramm Exist und verschiedenen Accelerator-Programmen. Diese bieten Gründern die Möglichkeiten bei guten Ideen unterstützt zu werden und diese mit überschaubarem persönlichem Risiko erst einmal auszuprobieren. Darüber hinaus müssen wir aber auch alles tun, Gruppen, die gründungsferner sind, wie Frauen, Migranten oder auch bildungsfernere Schichten, ans Gründen heranführen, um das volle Potential an Gründern voll ausschöpfen zu können.

Auch das neue Fondsstandortgesetz hat das Potential, die Arbeit bei Start-ups attraktiver und im internationalen Vergleich wettbewerbsfähiger zu gestalten, da Mitarbeiterbeteiligungen erst nachgelagert und nicht bereits bei der Zuteilung besteuert werden. Last but not least: Ein schönes Beispiel sind die heutigen Absolventen an den Hochschulen, die noch vor 10 Jahren in die Unternehmensberatung oder das Investmentbanking strebten, heute aber vermehrt Gründer werden wollen. Dieser Zeitgeist wird vorerst ungebrochen weiter fortwirken.

Wie wird die aktuelle Krise die Start-up-Szene verändern?

Günther: Die aktuelle Krise führt dazu, dass Start-ups wieder kapitaleffizienter gebaut werden müssen. Gründungsteams sind durch Investoren dazu angehalten, ein Bewusstsein für Kapitalknappheit zu entwickeln und alle Ausgaben zu hinterfragen. Um der aktuell unsicheren Lage im Markt zu begegnen, wird von Start-ups zudem erwartet, die Zeit bis zur nächsten Finanzierungsrunde auf mindestens 24 Monate durch Kosteneinsparungen zu verlängern. Generell erwarten Investoren nicht mehr Wachstum um jeden Preis sehen, sondern fordern nachhaltige Entwicklung mit einem klaren Weg zur Profitabilität.

 

Investoren müssen sich auch bei Portfoliounternehmen fragen, ob diese vor den Herausforderungen des aktuellen Marktumfeldes noch weiter finanziert werden können und sollten. Durch den Wegfall von neuen Investoren müssen Bestandsinvestoren nun zunehmend die Unternehmen weiterfinanzieren, aber auch hier wird es über kurz oder lang zu einer Bereinigung kommen müssen. Nichtsdestotrotz: Top-Gründer werden auch in Zukunft ausreichend Kapital zu attraktiven Konditionen einsammeln können, wobei es wahrscheinlich leichte Anpassungen bei der Bewertung geben wird. Das aktuelle Marktumfeld ist zwar herausfordernd, bietet den Gründern aber auch große Chancen und Investoren die Möglichkeit zu einem attraktiven Zeitpunkt bei den Unternehmen einzusteigen.

Wie wichtig war in den vergangenen Jahren das „billige Geld“ und die Menge an Dry Powder, die auch Großinvestoren mehr und mehr in Venture Capital investierten?

Günther: Die niedrigen Zinsen haben dazu geführt, dass Anlageklassen wie Venture Capital an Attraktivität gewonnen hatten. Das billige Geld, mangelnde Anlagealternativen mit attraktiven Renditen sowie hohe Konkurrenz unter Investoren haben dazu geführt, dass Bewertungen von Start-ups in die Höhe geschossen sind, die oft mit der Traktion, gemessen zum Beispiel am Umsatz, nichts mehr zu tun hatten. Hier wird es zwangsläufig, wie schon bei Quick-Commerce Modellen wie Gorillas und ähnlichen, zu Bewertungsabschlägen und einer Bereinigung kommen.

Dennoch: Etwa 30 Milliarden Euro an europäischen VC-Mitteln, das sogenannte Dry Powder, liegt derzeit bereit zur Allokation, dazu sind Wagniskapitalfonds mit einer durchschnittlichen Größe von 80 Millionen Euro im Jahr 2021 auf das Vierfache ihrer Größe im Vergleich zu 2014 gewachsen, und nicht zuletzt treten aufgrund der immer noch sehr viel geringeren Bewertungen in Europa vermehrt große US-VCs in Europa ein, was den Wettbewerb zusätzlich befeuern wird. Deshalb: Billiges Geld war der Anfang, aber Kapital bleibt weiterhin verfügbar und der Start-up-Markt in Deutschland hat mittlerweile derart an Substanz gewonnen, dass er auch ohne „billiges Geld“ Erfolg haben wird.

Sie sehen und bewerten viele junge Unternehmen: Sind gute Geschäftsmodelle auch automatisch gut für Investoren?

Gick: Das kommt drauf an, um welche Art von Investor es sich handelt. Unser Accelerator ist durch unser Partnerschaftsmodell mit Unternehmen wie McKinsey, Ecovis, Cassini, Igus, Ecovis, oder auch Kienbaum neben vielen anderen Partnern darauf angelegt, nicht nur VC-Start-ups hervorzubringen, sondern auch den Mittelstand 4.0 auszubilden. Gemeinsamer Nenner: Es müssen die besten B2B-Frühphasen-Start-ups im Bereich Nachhaltigkeit, Big Data, AI und Prozessdigitalisierung sein.

„Bei Family Offices sehen wir eine gewisse Zurückhaltung bei dieser Anlageklasse“

Grundsätzlich hängt ein gutes Investment aber von mehr Faktoren als dem Geschäftsmodell ab: Wie ist das Team aufgestellt, wie ist der Cap-Table strukturiert, wie reagiert das Team unter Druck? Um nur einige Faktoren zu nennen, die wir bei unseren Accelerator-und Fonds-Start-ups auf Herz und Nieren prüfen.

Eine gute Story ist für den Start eines Unternehmens sicher auch entscheidend. Besteht teilweise für Investoren die Gefahr, nur eine Geschichte zu kaufen?

Gick: Die Gefahr besteht sicherlich, wenn man keine gute Due Diligence gemacht hat. Deshalb haben wir mit über 50 beschleunigten Start-ups viel Erfahrung gesammelt und wissen nach vier Monaten Zusammenarbeit im Accelerator, ob jemand mehr als nur gut pitchen kann. Dazu braucht es ein echtes Supportnetzwerk mit komplementären Fähigkeiten, um optimal auch bei Themen wie Steuern, rechtlichen Fragen wie Holdingstrukturen oder auch beim Hiring zu unterstützen.

Sie selbst investieren mit einem Fonds in junge Unternehmen. Was hat sich durch die Krise verändert?

Gick: Wir sehen, dass die Start-ups bei der Investorensuche breiter vorgehen, wodurch der quantitative Deal-Flow bei den Fonds zunimmt. Es ist in diesem Umfeld sehr wichtig, frühzeitig zu entscheiden, mit welchen Unternehmen ein ressourcenintensiver Investmentprozess vorangetrieben wird. Die Qualität der Start-ups, die wir in die nähere Auswahl nehmen, ist konstant hoch und wir beobachten, dass sich bei den Konditionen die teilweise übertriebenen Ansprüche der Vergangenheit relativiert haben.

 

Auf der Investorenseite sehen wir weiterhin große Aktivität bei den Venture-Capital-Fonds und nur vereinzelt gibt es eine Drosselung der Investitionstätigkeit im späterphasigen Bereich. Bei Family Offices sehen wir allerdings eine gewisse Zurückhaltung bei dieser Anlageklasse, da durch die Verwerfungen auf den Kapitalmärkten die Vermögensallokation angepasst werden muss.

Wir investieren im Frühphasenbereich kontinuierlich weiter, da wir die Krise als Bestätigung unseres Geschäftsmodells sehen. Aktuell ist es umso wichtiger, die besten Start-ups besonders früh zu erkennen, operativ zu unterstützen, um auch weiterhin gute Deals zu attraktiven Konditionen gewinnen zu können. Festzuhalten bleibt: Die besten Gründer und Gründerinnen verschwinden in einer Krise nicht, viele werden durch diese erst geformt. Und da wollen wir als verlässlicher Partner helfen und als Investor profitieren.

Wie erleben Sie die Situation bei Investoren? Wer investiert noch, wer ist vorsichtiger geworden?

Günther: Generell kann man sagen, dass ausreichend Kapital bei den Investoren verfügbar ist. Investoren im Venture-Capital-Bereich haben in den letzten Jahren Rekordsummen an Kapital eingesammelt und müssen dies in den nächsten Jahren investieren. Eine Besonderheit gibt es bei den Investoren, die in den letzten zwei Jahren, zu vergleichsweise hohen Bewertungen, ihr Portfolio aufgebaut haben. Diese sind zurückhaltender bei neuen Investments geworden, da hier aktuell das Portfoliomanagement und die Folgefinanzierungen im Vordergrund stehen. Darüber hinaus sehen wir ein konstant hohes Interesse auf der Investorenseite, insbesondere im Frühphasenbereich.

„Investoren sind vorsichtiger geworden“

Im Vergleich zu den letzten Jahren erleben wir, dass die Finanzierungsrunden wieder länger dauern und sich Investoren mehr Zeit für die Due Diligence lassen. Dies liegt einerseits daran, dass die Investoren vorsichtiger geworden sind, aber sich andererseits auch daran, dass Investoren sich die Zeit nehmen können, ohne bei attraktiven Finanzierungsrunden ausgeschlossen zu werden. Wir sehen große Chancen im aktuellen Marktumfeld und werden diese nutzen. Wir haben in den letzten Monaten unsere Investmentaktivität beibehalten und planen dies auch im nächsten Jahr so fortzuführen oder sogar auszubauen.


Über die Interviewten:
Markus Gick ist Geschäftsführer von Xdeck, einem Accelerator von Gründern für Gründer, der Early-Stage-Tech-Startups im B2B-Bereich unterstützt und Partner des Wagniskapitalfonds Xdeck Ventures, das in Early-Stage-B2B-Tech-Startups im Bereich Nachhaltigkeit, Big Data/AI und Prozessdigitalisierung investiert. Zuvor arbeitete er bei der Boston Consulting Group und gründete sein eigenes Startup Skills4School. Bei der Bertelsmann Stiftung baute er eine Innovationsplattform an der Schnittstelle zwischen Corporates und Startups auf. Neben Xdeck gründete er NRWalley, einen Verein zur Vertretung von Start-up-Interessen in NRW.

Robert Günther ist einer der beiden Geschäftsführer von Xdeck, einem Risikokapitalfonds und Accelerator für B2B-Tech-Startups in der Frühphase. Günther verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in M&A und bei Investitionen in Risikokapital. Er hat im Investmentbanking bei der Unicredit und in einem Family Office gearbeitet, sowie den Venture-Capital-Bereich bei Henkel mit aufgebaut und geleitet. Seine Investitionserfahrung umfasst mehr als 30 Frühphaseninvestitionen in den Bereichen Software as a Service, Unternehmen, Logistik, Finanzen und Verbraucherprodukte sowie zahlreiche Fondsinvestments.