Private Equity, Infrastruktur, Private Debt – so sehen im Private-Markets-Bereich in der Regel die Favoriten der Investoren aus. Erst mit einigem Abstand folgt Venture Capital. Warum eigentlich? Die Finanzierung junger, wachstumsstarker Start-ups, die oft als Teilbereich von Private Equity eingeordnet wird, hat durchaus Potenzial für mehr Aufmerksamkeit.
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Private Equity, Infrastruktur, Private Debt – so sehen im Private-Markets-Bereich in der Regel die Favoriten der Investoren aus. Erst mit einigem Abstand folgt Venture Capital. Warum eigentlich? Die Finanzierung junger, wachstumsstarker Start-ups, die oft als Teilbereich von Private Equity eingeordnet wird, hat durchaus Potenzial für mehr Aufmerksamkeit.
Immerhin scheint langsam ein Umdenken stattzufinden, wie eine aktuelle Studie von Hamilton Lane, einem der weltweit führenden Private-Markets-Spezialisten mit starkem Fokus auf Wealth-Management-Kunden, zeigt. Demnach wird die Anlageklasse Venture Capital zunehmend beliebter – vor allem bei der vermögenden Klientel.
So planen 47 Prozent der befragten Vermögensberater, ihre Venture-Capital-Allokation 2026 zu erhöhen – der höchste Wert aller Private-Markets-Strategien. „In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich Venture Capital von einer Nischenallokation zu einem zentralen Bestandteil anspruchsvoller Private-Market-Portfolios entwickelt“, kommentiert Miguel Luiña, Co-Head Venture Capital and Growth Equity bei Hamilton Lane.
Auch Sebastian Brandt, Co-Leiter Private Markets bei HRK Lunis, beobachtet steigende Aufmerksamkeit für Risikokapital. „Das Interesse deutscher Investoren ist gestiegen, wird aber weiterhin sehr differenziert wahrgenommen“, sagt Brandt. Während institutionelle Investoren seit Jahrzehnten in Private Markets aktiv seien, würden zunehmend auch vermögende Privatpersonen und Family Offices die Chancen der Anlageklasse entdecken. Der technologische Wandel sowie neue regulatorische Rahmenbedingungen hätten entscheidend dazu beigetragen.
Brandt spielt dabei auf die Möglichkeit an, mit European Long-Term Investment Funds, kurz Eltifs, auch mit geringeren Mindestanlagesummen in Private Markets zu investieren. „Mit der Reform 2024 ist das Interesse richtig in Fahrt gekommen“, sagt Brandt. Entsprechend ist auch die Zahl der Produkte deutlich gewachsen.
So habe sich auch das europäische VC-Ökosystem erheblich professionalisiert. „Neue Manager sind entstanden, etablierte Fonds konnten deutlich größere Volumina raisen, und internationale, insbesondere amerikanische, Venture-Investoren sind wesentlich aktiver geworden“, stellt der Experte fest.
Jung und innovativ versus etabliert und profitabel
Venture-Capital-Investments konzentrieren sich auf junge, innovative Unternehmen, die oft erst am Beginn ihrer Entwicklung stehen. Es geht zumeist um Minderheitsbeteiligungen, häufig in sehr dynamischen Technologiemärkten. Brandt nennt den Neobroker Trade Republic sowie die Münchener KI-Rüstungsfirma Helsing als positive deutsche Unternehmensbeispiele.
Die beiden Firmen gehören hierzulande aktuell zu den wertvollsten Start-ups. Im Gegensatz dazu konzentriert sich Private Equity überwiegend auf etablierte, profitablere Unternehmen mit stabilen Cashflows. Die Investoren streben zudem meist Mehrheitsbeteiligungen an und führen oft tiefgreifende Restrukturierungen durch.
Laut dem Global Venture Capital Report 2025 des Bundesverbands Beteiligungskapital (BVK) stiegen 2025 die weltweiten VC-Investitionen deutlich von 320 auf 469 Milliarden Dollar. Wachstumstreiber bleibt demnach vor allem Künstliche Intelligenz. Rund jede zweite VC-Investition entfiel auf KI-nahe Geschäftsmodelle.
Nach Ansicht von Kay Gallus, Co-Leiter Private Equity beim unabhängigen Family Office HQ Trust, wird die verstärkte Nachfrage dabei von einer bestimmten Kundengruppe getrieben. „Meine Beobachtung ist, dass sich insbesondere Unternehmerfamilien gerne im Venture-Bereich engagieren, weil sie sich von der Story angesprochen fühlen.
Im Vergleich zu Strategien wie Private Credit, die eher auf Risikokontrolle und Absicherung fokussiert sind, ist das Erzählen einer visionären Geschichte für diese Zielgruppe greifbarer und attraktiver – insbesondere vor dem Hintergrund der eigenen unternehmerischen Vergangenheit“, sagt Gallus.
Allerdings erfolgten die Investments dann leider häufig opportunistisch und nicht entlang eines Portfoliogedankens mit ausreichend Streuung. „Ausnahmen stellen Unternehmerfamilien dar, die Venture Capital-Investitionen synergetisch als Ergänzung zu ihrem unternehmerischen Engagement tätigen, oder über ein asymmetrisches Verständnis eines bestimmten Marktsegments verfügen, oder präferierten Zugang zu eben diesem haben“, so Gallus.
Pluspunkt geringe Korrelation
Unabhängig von dem wachsenden Interesse aus dem Private Banking und Wealth Management-Segment sprechen einige Faktoren dafür, dass Venture Capital an Bedeutung gewinnt. Dazu zählt insbesondere der Beitrag zur Portfoliodiversifikation, die Anleger – ob institutionell oder privat – so schätzen. „Die Renditen von Venture Capital werden vom Innovationszyklus und nicht vom Konjunkturzyklus getrieben“, sagt Miguel Luiña von Hamilton Lane.
Dies führe zu einer deutlich geringeren Korrelation mit börsennotierten Aktien als bei anderen Private-Market-Strategien. Hamilton Lane hat berechnet, dass im Zeitraum von 1995 bis 2025 der Korrelationskoeffizient von Venture Capital zum MSCI World Index bei lediglich 0,48 lag – verglichen mit 0,77 bei Buyout und 0,76 für Private Markets insgesamt.
Gerade beim Thema KI zeigt sich ein weiterer Vorteil der Wagnisfinanzierung. „Die Aktienmärkte sind beim Thema KI aktuell extrem konzentriert auf wenige Unternehmen, die alle sehr stark primär vom Thema Large Language Models, LLM, abhängen“, sagt HQ-Trust-Experte Gallus. Venture-Capital-Investitionen würden Anlegern dagegen die Möglichkeit geben, nicht nur auf LLM-fokussierte Geschäftsmodelle zu setzen, sondern auch anderweitige Themen innerhalb von KI abzubilden.
Hinzu komme, dass Private Equity in diesem Bereich so gut wie gar nicht direkt engagiert sei – die Einflüsse sind nach Aussagen des Experten hier tendenziell sekundärer Natur. „Das heißt, Venture Capital erschließt einen Bereich, den andere Anlageklassen kaum abdecken – und bietet damit echte Diversifikation.“
Außerdem sprechen die deutlich höheren Renditeaussichten im Vergleich zu klassischen Anlageklassen sowie zu anderen Private Markets-Segmenten für ein stärkeres Engagement in Venture Capital. Nach Berechnungen von Hamilton Lane haben Venture Capital und Growth Equity in der Vergangenheit über längere Zeiträume hinweg die Performance der Private Markets angeführt.
Demnach haben Investoren mit höheren Allokationen in Venture- und Growth-Strategien über Zeiträume von 7, 10 und 15 Jahren jene Anleger übertroffen, die in dieser Kategorie untergewichtet waren.
Wie erfolgreich die Allokation von Risikokapitalbeteiligungen langfristig sein kann, zeigen die Erfolge der Stiftungsvermögen bekannter US-Universitäten. Laut der jüngsten Nacubo-Commonfund Studie zu Stiftungsfonds setzten die Stiftungsfonds der US-Hochschulen im vergangenen Jahr in ihrer Allokation im Durchschnitt zu rund 12 Prozent auf Venture Capital. Der Studie zufolge war die Gewichtung bei den großen Universitätsstiftungen wie Yale oder Harvard sogar deutlich höher.
Unternehmen bleiben länger privat
Zu der durchschnittlich starken Performance von Venture Capital trägt auch die Tatsache bei, dass die jungen wachstumsstarken Unternehmen viel länger als in der Vergangenheit in Privatbesitz bleiben. Somit können sie zu deutlich höheren Bewertungen verkauft werden. „Wertsteigerungen, die früher an der Börse stattfanden, spielen sich heute im privaten Markt ab“, sagt Brandt. Unternehmen wie SpaceX und OpenAI verdeutlichen dies.
Geduld ist jedoch gefragt: „Charakteristisch bei Venture Capital ist der langfristige Anlagehorizont und der typische Verlauf der J-Kurve, bei dem die Rendite zunächst negativ und erst später positiv wird“, sagt Gallus. Das Ergebnis seien substanzstarke, überdurchschnittliche Renditen. „Im Unterschied zu Buyout- oder Infrastrukturstrategien speist sich die Rendite von VC aus Innovation, Wachstum und technologischer Disruption“, sagt Co-Leiter Private Equity bei HQ Trust.
Doch klar ist auch: Die Venture-Capital-Branche hat in Summe zwar beeindruckende Renditen erwirtschaftet, aber diese sind sehr ungleichmäßig verteilt. Entscheidend ist deshalb, auf die richtigen Manager zu setzen. „Wir sind überzeugt, dass es im Venture Capital-Bereich so wichtig wie in fast keinem anderen Bereich ist, Zugang zu den besten Managern und damit zu den besten Unternehmen zu haben“, sagt Gallus.
Er verweist darauf, dass die Renditeverteilung einer sogenannten Power-Law-Verteilung folgt. „Das bedeutet, dass eine sehr kleine Anzahl von Investitionen – Unternehmen wie auch Fonds –, also die Top-Performer, den Großteil der Rendite erwirtschaftet. Der Rest verliert zum Teil erheblich an Wert“, so Gallus.
Im Venture Capital sei es nachweisbar, dass Manager, die in der Vergangenheit erfolgreich waren, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mit ihren nächsten Fonds erfolgreich sein werden. „Wir nennen das statistisch signifikante Performance-Persistenz. Venture Capital ist für uns somit eher ein Zugangsthema als ein Selektionsthema“, erläutert Gallus.
Da nur wenige Firmen den Großteil der Renditen liefern, müssten Investoren Zugang zu den Managern bekommen, die diese Firmen finden und hierzu in frühen Finanzierungsrunden Zugang haben.
Venture Capital als „People Business”
Auch HRK Lunis-Fachmann Brandt weist auf die enorme Bedeutung der Manager-Selektion in der Anlageklasse hin. „Venture Capital ist ein People Business – und damit hängt der Erfolg entscheidend von der Qualität der Manager ab.“ Investoren sollten darauf achten, dass ein Fonds über ein stabiles, eingespieltes Team verfügt, das nachweislich in verschiedenen Marktphasen erfolgreich investiert. Ein überzeugender Track Record und positive Referenzen aus früheren Portfoliounternehmen seien klare Qualitätsindikatoren.
Doch auch strukturelle Aspekte sollten Anleger in ihre Auswahl miteinfließen lassen, rät der HRK Lunis-Experte. Die Kostenarchitektur sollte nachvollziehbar sein, das Reporting transparent, und die operative Umsetzung – insbesondere bei Kapitalabrufen und Ausschüttungen – professionell organisiert. „Für Privatanleger bieten Treuhandmodelle erhebliche Vorteile, da sie die komplexe Verwaltung bündeln und steuerliche Prozesse deutlich vereinfachen.“
Gleichwohl sollten Anleger die Risiken nicht unterschätzen. Dazu gehört zum einen die Private Markets typische Illiquidität. „Was sehr stark unterschätzt wird, ist ein umfassendes Verständnis für die Methodologie dieser Investitionen, das heißt Verständnis für die Struktur der Fonds – etwa Investitionsperioden und die Einbettung in das Gesamtportfolio“, betont Gallus. Ohne dieses Verständnis könnten Liquiditätsprobleme entstehen, die den Anleger zwingen könnten, Anteile mit hohen Verlusten am Zweitmarkt zu veräußern.
Höhere Ausfallquoten möglich
Zum anderen sind die Risiken der Anlageklasse höher als in klassischen Private-Equity- oder Infrastrukturfonds, da junge Unternehmen naturgemäß größere Unsicherheiten mit sich bringen. „Frühphasenfonds kalkulieren häufig damit, dass ein signifikanter Teil der Beteiligungen nicht erfolgreich sein wird“, sagt Gallus.
Alle Experten sind sich aber sicher, dass Venture Capital als Anlageklasse weiter an Bedeutung gewinnen wird. „Wer künftig an den entscheidenden Innovationsschüben globaler Technologiemärkte teilhaben möchte, wird kaum an VC vorbeikommen“, sagt Brandt. Zudem steige das Bewusstsein, dass ein modernes Portfolio – insbesondere bei höherer Risikobereitschaft – auch Private Markets umfassen sollte.
Und schlussendlich erweitern die zunehmende Tiefe des Marktes und die wachsende Zahl Venture-finanzierter Unternehmen die Einstiegsmöglichkeiten für Investoren deutlich. „Vor 25 Jahren bedeutete Venture primär Frühphaseninvestments mit langer Laufzeit und hoher Streuung der Ergebnisse“, sagt Miguel Luiña von Hamilton Lane.
„Heute können Investoren auch in spätere Phasen mit kürzerer Laufzeit und besser sichtbaren Cashflows investieren oder über Venture-Sekundärmärkte einsteigen, wo Abschläge und Informationsasymmetrien attraktive Alpha-Chancen eröffnen.“
Über den Autor:
Heino Reents bildet zusammen mit Gerd Hübner und Dirk Wohleb ein Autorenteam für das private banking magazin. Reents arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freier Wirtschafts- und Finanzjournalist. Außerdem ist Reents als Ghostwriter und Financial Writer für Agenturen und Investment-Gesellschaften aktiv.
