Seit einiger Zeit erfreuen sich Anleihen wieder größerer Beliebtheit. Im Juli 2025 sind 4,3 Milliarden US-Dollar in Anleihe-ETFs geflossen. Im Vormonat erreichten die Zuflüsse mit 9,5 Milliarden US-Dollar ein neues Allzeithoch. Tatsächlich hat sich die Rolle, die Anleihen im Portfolio spielen, in den vergangenen drei Jahren verändert.
In der Nullzinsphase dienten Anleihen rein als Stabilitätsanker und zur Diversifikation. Sie galten sogar als langweilig – mit Blick auf die erwartbare Rendite nicht ganz zu Unrecht. Kein Wunder also, dass der größte Teil der Gelder stattdessen in Aktien floss. Seitdem sich die Zinsen jedoch wieder auf einem höheren Niveau bewegen, wandelt sich das.
Anleihen mit neuer Funktion im Wealth Management
Gerade für Family Offices und Wealth Manager bietet die Stärke der Anleihemärkte neue Möglichkeiten in der Portfoliokonstruktion. So lässt sich ein Fixed-Income-Baustein aus kurzlaufenden Anleihen und Geldmarktinstrumenten als „Defensive Bucket“ einsetzen. Je nach Konstruktion kann dieser im Portfolio sogar eine dominante Rolle mit dem zwei- bis dreifachen Volumen des Aktienportfolios einnehmen.
Für Family Offices kann diese Struktur verschiedene Strategien bedienen. Sie kann etwa als Liquiditätsreserve zur Unterstützung der Treasury-Funktion des Unternehmens verwendet werden. Oder auch, um kurzfristig Mittel für opportunistische Investitionen oder Notfälle zur Verfügung zu haben. Ebenso können daraus wiederkehrende Verpflichtungen – etwa die Deckung der jährlichen Erbschaftssteuer – bedient werden, um Liquidität und Stabilität sicherzustellen.
Damit sie diese Funktion erfüllen können, ist es entscheidend, auf Investitionen zu setzen, die eine geringe Volatilität und maximale Flexibilität bieten. Viele Entscheider setzen hier aktuell auf Staatsanleihen als vermeintlich sicheren Hafen. Für Titel aus vielen Ländern trifft dies sicherlich weiterhin zu, trotz oft gestiegener Staatsverschuldung.
Ein gutes Beispiel ist Deutschland. Auch durch die deutlich höhere Schuldenlast aufgrund des milliardenschweren Investitions- und Rüstungspakets, das die Regierung im Frühjahr auf den Weg gebracht hat, hat sich das Vertrauen der Anleger bisher nicht verringert. Die CDS (Credit Default)-Spreads sind nicht gestiegen. Das heißt, die Ausfallversicherungen für die Staatsanleihen sind nicht teurer geworden. Die Anleger sind offensichtlich weiterhin davon überzeugt, dass die Bundesrepublik ihre Schulden auch zurückzahlen kann. Insbesondere Euro-Staatsanleihenfonds, die in der Regel hauptsächlich deutsche, italienische und französische Papiere enthalten, bieten daher sicherlich weiterhin gute Investitionsmöglichkeiten.
Die US-Anleihefrage
Eine Frage, die aktuell auch oft beim Austausch mit Gesprächspartnern aus Family Offices aufkommt, ist, inwiefern US-Staatsanleihen noch als „sichere Häfen“ gelten können. Tatsächlich lässt sich bereits seit geraumer Zeit ein Shift von US-Staatsanleihen hin zu europäischen Papieren beobachten. Ein Trend, der viel mit Vertrauen zu tun hat. Dies zeigt sich auch in der Zinsdifferenz zwischen USA und Europa. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Fed so sehr unter Druck gerät, dass sie die Zinsen senken muss.
Allerdings bedeuten die aktuellen Abflüsse nicht unbedingt die Abkehr vom US-Markt. Vielmehr passen Anleger ihr Exposure auf amerikanische Vermögenswerte an und stellen ihre Portfolios breiter und diversifizierter auf, nachdem diese in den vergangenen 15 Jahren gegenüber anderen Märkten erhebliche Mehrrenditen abgeworfen haben.
Gerade für Family Offices und institutionelle Anleger kommt ein weiterer Aspekt hinzu: die Entwicklungen am Geldmarkt. Der Dollar hat gegenüber dem Euro seit Jahresanfang um mehr als zehn Prozent an Wert verloren. Das berücksichtigen viele Anleger in ihrer Allokation. Viele vermögende Privatleute agieren eher langfristig und greifen bei vier Prozent Zinsen für US-Staatsanleihen weiterhin zu.
Für Verantwortliche bei Family Offices und institutionellen Anlegern, die ihre Resultate auch kurzfristig verantworten müssen, sehen wir oft ein anderes Vorgehen. Hier lässt sich aktuell bereits ein Shift zu globalen Anleihen beobachten – vielfach setzen Anleger hier mittlerweile aber auf Produkte, die in Euro abgesichert („gehedged“) sind, um das Währungsrisiko kontrollierbarer zu machen.
Unternehmensanleihen unter der Lupe
Tatsächlich lohnt sich vor dem Hintergrund der aktuell fallenden Zinsen im Geldmarktbereich neben Staatsanleihen jedoch auch ein Blick auf globale Unternehmensanleihen. Immerhin liegen die Renditen im Premiumbereich hier aktuell bei fünf bis sechs Prozent. Trotz anhaltender Volatilität sind die Aussichten in diesem Bereich positiv.
Bereits in den vergangenen Monaten konnten Investment-Grade-Anleihen ihre Pendants von staatlichen Emittenten hinter sich lassen. Dabei konnten die Risikoaufschläge die Volatilität von Staatsanleihen diversifizieren. Diese Entwicklung mag zunächst überraschen. Immerhin war das wirtschaftliche Umfeld für Unternehmen in den vergangenen Jahren durchaus herausfordernd: Zuerst die Corona-Pandemie, auf die ein massiver Inflationsschub sowie ein sprunghafter Anstieg der Zinsen folgten, dann die US-Wahlen und die darauffolgende Ungewissheit in der Zollpolitik.
Tatsächlich haben sich die Unternehmen mittlerweile gegen zahlreiche Konjunkturszenarien gerüstet. Daher sind die meisten Bilanzen heute sehr viel robuster. Die Kreditrisikoaufschläge und Renditen sollten in den nächsten ein bis zwei Jahren stabil sein. Höhere Ausgangsrenditen bedeuten, dass Anleihen von risikoarmen Unternehmen um die fünf Prozent erzielen können. Für die nächsten Jahre wäre das ein gutes Ergebnis für jede Assetklasse. Gleichzeitig sind die Risikoaufschläge bereits knapp bemessen, haben jedoch noch Luft nach unten. Sollten Inflation und Nachfrage in nächster Zeit nicht vollkommen aus dem Ruder laufen, ist nicht damit zu rechnen, dass die Spreads weiter fallen.
Zinsniveau ist ausschlaggebend
Die aktuellen Entwicklungen zeigen: Anleihen sind zurück und dürften auch weiterhin eine Ertragsquelle bleiben. Unsere Prognosen gehen davon aus, dass sich die Zinsen weiter auf einem höheren Niveau halten werden, als wir es vor der Corona-Pandemie gesehen haben. Es ist nicht davon auszugehen, dass wir auf absehbare Zeit wieder Nullzinsen bekommen.
Für Family Offices und Wealth Manager ergeben sich daraus neue Chancen, sofern sie die richtige Produktauswahl für das eigene Risikoprofil treffen. Allerdings erfordert die Suche nach dem geeigneten Anleihefonds ein gutes Verständnis des Rentenmarktes. So gibt es etwa bei Anleihe-ETFs eine Vielzahl an Indizes, die sich fundamental voneinander unterscheiden.
Anlegeentscheider müssen sich daher den zu replizierenden Index und das Regelwerk dahinter genau anschauen und sich beispielsweise darüber informieren, wie er zusammengesetzt ist. Auch das Management spielt eine entscheidende Rolle, selbst bei passiven Lösungen.
Über die Autorin:
Chris Hofmann ist leitende Vertriebsmitarbeiterin (Head of Intermediated Wholesale) Deutschland und Österreich bei Vanguard. Bevor sie im Oktober 2018 zum Unternehmen kam, arbeitete sie bei BNP Paribas Asset Management.
