US-Wirtschaft „Wenn die Türen sich öffnen, kehren die Menschen zurück“

Restaurant in New York: Der Gastronomiebetrieb im Außenbereich ist bereits wieder möglich. | © imago images / ZUMA Wire

Restaurant in New York: Der Gastronomiebetrieb im Außenbereich ist bereits wieder möglich. Foto: imago images / ZUMA Wire

Sonal Desai, Investmentchefin Franklin Templeton Fixed Income Group

Frau Desai, die Corona-Krise hat die Weltwirtschaft im Würgegriff. An welchem Punkt steht die US-Wirtschaft derzeit?

Sonal Desai: Wir nähern uns nun einem entscheidenden möglichen Wendepunkt in der Wirtschaftskrise. In wenigen Tagen geht eines der schlimmsten Quartale in der US-Wirtschaftsgeschichte zu Ende, und wir werden bis Ende Juli abwarten müssen, bis wir vom US Bureau of Economic Analysis (BEA) eine erste Schätzung zum Ausmaß der Kontraktion erhalten. Wir gehen derzeit davon aus, dass sie sogar noch schlimmer sein könnte als unsere bisherige Schätzung eines Rückgangs des Bruttoinlandsprodukts um fast 30 Prozent im zweiten Quartal.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie in den kommenden Monaten in den USA?

Desai: Positiv dürfte sich auswirken, dass Teile der US-Wirtschaft bereits begonnen haben, sich wieder zu öffnen, wobei das Tempo sich von Bundesstaat zu Bundesstaat stark unterscheidet. Georgia etwa hat bereits Ende April die Wiedereröffnung von Friseursalons, Fitnessstudios, Restaurants und Theatern erlaubt – mit räumlicher Distanzierung und anderen Sicherheitsvorkehrungen. Texas hat Anfang Mai ähnliche Schritte unternommen, andere Bundesstaaten – darunter New York, New Jersey und Teile Kaliforniens – sind noch immer größtenteils abgeriegelt und folgen einem sehr viel langsameren Zeitplan. Fest steht aber auch: Die Erlaubnis zur Wiedereröffnung von Unternehmen ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit.

Sprich: Die Lockerungen helfen der US-Wirtschaft nur auf die Beine, wenn die Verbraucher mitziehen...

Desai: So ist es. Die entscheidende Frage lautete von Anfang an, ob die Verbraucher sich nach einer Lockerung der Beschränkungen in Restaurants, Einkaufszentren und Büros wieder wohl fühlen würden. Dies wird bestimmen, ob beziehungsweise wie zügig Unternehmen wieder zur Rentabilität zurückfinden können und wie schnell wieder Arbeitnehmer eingestellt werden. Jegliche Prognose der bevorstehenden wirtschaftlichen Erholung beruht auf Annahmen darüber, ob und inwieweit sich das Verhalten der Menschen ändern wird: Werden wir uns wieder wohl fühlen, in einem voll ausgebuchten Flugzeug zu fliegen? Werden wir bereit sein, in einem Restaurant zu essen, das nur halb voll ist? Dreiviertel voll?

Wie lautet Ihre Einschätzung dazu? Werden die Verbraucher zügig zur Tagesordnung übergehen oder eher zurückhaltend agieren?

Desai: Exakt lässt sich dies derzeit noch nicht sagen. Unser Fixed Income-Team hat daher einen High-Frequency Activity Tracker entwickelt, der Daten von Google Mobility sowie von Homebase verwendet, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich die Menschen verhalten. Diese Daten beginnen allmählich, eine Reihe interessanter Erkenntnisse zu liefern.

Was genau haben Sie untersucht?

Desai: Wir haben beispielsweise das Einkaufsverhalten anhand von Google-Daten ausgewertet – und festgestellt, dass wieder mehr Menschen einkaufen – und zwar vor Ort. Wie stark sich die Einkaufsaktivitäten der Vor-Corona-Zeit annähern, variiert allerdings von Bundesstaat zu Bundesstaat und je nach Art des Einkaufs erheblich. In den letzten vier Wochen näherte sich das Einkaufsverhalten im Lebensmitteleinzelhandel und in Apotheken in Staaten wie Ohio, Washington, Texas, Georgia und Illinois fast wieder dem „Vor-Corona“-Niveau. In Pennsylvania, New York und New Jersey hingegen verbringen die Menschen hingegen noch rund 10 Prozent weniger Zeit mit Einkäufen.