Im November stehen in den USA Zwischenwahlen an, die sogenannten Midterm Elections, bei denen sowohl das gesamte Repräsentantenhaus als auch ein Drittel des Senats neu gewählt wird. Auch wenn sie aus DACH-Perspektive weit weg wirken, kann der Wahlkampf die Märkte kurzfristig bewegen. Nicht weil Wahlergebnisse automatisch über Börsengewinner entscheiden, sondern weil Politik in Wahljahren Unsicherheit erzeugt.
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Im November stehen in den USA Zwischenwahlen an, die sogenannten Midterm Elections, bei denen sowohl das gesamte Repräsentantenhaus als auch ein Drittel des Senats neu gewählt wird. Auch wenn sie aus DACH-Perspektive weit weg wirken, kann der Wahlkampf die Märkte kurzfristig bewegen. Nicht weil Wahlergebnisse automatisch über Börsengewinner entscheiden, sondern weil Politik in Wahljahren Unsicherheit erzeugt.
Kampagnen schüren Konflikte und neue Inititiativen von Regierung und Opposition sorgen für Aufregung. Mit dem Herannahen der Wahl richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, wie breitere wirtschaftliche Entwicklungen die politische Landschaft beeinflussen könnten. Insbesondere bleibt die Frage offen, ob anhaltender Inflationsdruck für die Wähler zu einem bedeutsamen Faktor werden könnte.
Historische Bilanz der Halbzeit-Wahl
Midterms finden traditionell zur Halbzeit einer Präsidentschaft statt. In der Regel verliert die Partei des Präsidenten Sitze im Kongress. In den vergangenen 23 Wahlzyklen lag der durchschnittliche Verlust bei 27 Sitzen im Repräsentantenhaus und drei Sitzen im Senat. Nur in zwei Fällen gewann die Präsidentenpartei in beiden Kammern dazu. Eine veränderte Mehrheitslage kann große Gesetzespakete erschweren. Häufig entsteht hierdurch ein geteiltes Parlament, das Reformen bremst, aber auch extreme Richtungswechsel unwahrscheinlicher macht.
Wie Märkte Erwartungen verarbeiten
Die Kapitalmärkte antizipieren vieles hiervon bereits früh. Deshalb ist der erwartete Sitzverlust oft bereits zu Jahresbeginn in Kursen eingepreist. Das Muster in Zwischenwahljahren ist dennoch auffällig. Unsere Auswertung der S&P 500-Renditen seit 1930 zeigt: In den ersten Monaten des Wahljahres fielen die durchschnittlichen Erträge geringer aus, häufig blieb der Markt bis kurz vor dem Wahltag seitwärts.
Über das gesamte Jahr waren Zwischenwahljahre im Durchschnitt schwächer als andere Jahre, mit 4,7 Prozent gegenüber 9,5 Prozent in Nicht-Zwischenwahljahren. Gleichzeitig ist die Schwankungsintensität höher. Seit 1970 lag die mediane Standardabweichung der Renditen in Zwischenwahljahren bei knapp 16 Prozent, in anderen Jahren bei rund 13 Prozent. Besonders in den Wochen vor dem Wahltag nimmt die Volatilität typischerweise zu. Historisch folgte anschließend oft eine Erholung, vielfach schon vor der Wahl und dann weiter nach Schließung der Wahllokale.
Nach der Wahl rücken Fundamentaldaten wieder in den Vordergrund
Die gute Nachricht lautet: Nach dem Wahltag war die Entwicklung historisch häufig erfreulich. Seit 1950 lag die durchschnittliche Einjahresrendite des S&P 500 nach Zwischenwahlen bei 15,4 Prozent. In dieser Zeitspanne gab es nach keinem Zwischenwahltermin ein negatives Einjahresergebnis. Vergangene Wertentwicklungen sind keine Garantie für die Zukunft. Dennoch spricht vieles dafür, dass Märkte nach mehr Klarheit wieder stärker auf Fundamentaldaten reagieren. Wer in Phasen hoher Nervosität an der Seitenlinie steht, zahlt häufig einen Preis, weil starke Börsentage oft gebündelt auftreten und sich kaum vorhersagen lassen.
Warum Mehrheiten selten über Renditen entscheiden
Auch das größere Bild relativiert die Bedeutung einzelner Wahlausgänge. Seit 1933 erzielten Aktienmärkte in sehr unterschiedlichen Konstellationen zweistellige Durchschnittsrenditen, egal ob eine Partei Weißes Haus und Kongress kontrollierte oder ob die Macht geteilt war. Für global diversifizierte Portfolios ist das ein wichtiger Hinweis: Politik erzeugt Lärm, aber sie ersetzt keine langfristige Anlagestrategie. Das gilt umso mehr, weil Renditen nicht nur von den USA kommen. 2025 stieg der S&P 500 um fast 18 Prozent, während während der MSCI Europe Index um mehr als 35 Prozent zulegte, der MSCI Japan Index 24 Prozent gewann und der MSCI Emerging Markets Index knapp 34 Prozent im Plus lag.
Implikationen für Anleger: Plan schlägt Prognose
Für viele Privatanleger ist die wichtigste Entscheidung nicht, wer gewinnt, sondern, ob man investiert bleibt. Wer in Wahljahren aussteigt, riskiert, die Erholungsphase zu verpassen. Ein Sparplan, eine klare Zielallokation und diszipliniertes Rebalancing sind oft wirksamer als kurzfristige Prognosen.
Institutionelle Anleger, etwa Stiftungen, Pensionskassen oder Versicherer, sollten Liquiditätsbedarfe und Risikobudgets so strukturieren, dass temporäre Volatilität nicht zu erzwungenen Verkäufen führt. Wer taktische Anpassungen plant, kann erhöhte Schwankungen nutzen, um Positionen zu attraktiveren Bewertungen auf oder abzubauen. Sinnvoll ist zudem ein Blick auf Klumpenrisiken, denn Wahlprogramme adressieren häufig einzelne Branchen besonders stark.
Fazit: Disziplin vor Schlagzeilen
Entscheidend ist, den Blick nicht zu eng auf die Wahl zu richten. Inflation, Zinsniveau, Handelspolitik und geopolitische Konflikte bleiben zentrale Treiber. Langfristige Aktienrenditen entstehen vor allem aus Gewinnen und der Bewertung einzelner Unternehmen. In diesem Umfeld kann aktive Titelselektion helfen, Qualitätsunternehmen mit Preissetzungsmacht, soliden Bilanzen und verlässlichen Cashflows zu identifizieren. Ergänzt um Anleihen mit passender Duration und Bonität entsteht ein Portfolio, das auch dann tragfähig bleibt, wenn der politische Nachrichtenfluss an Strömung gewinnt.
Zwischenwahlen erzeugen viel Lärm. Für Anlegerinnen und Anleger lohnt es sich, die Lautstärke zu senken und den Prozess zu stärken. Wer diversifiziert investiert, Risiken bewusst steuert und an einem langfristigen Plan festhält, muss die US Zwischenwahlen nicht fürchten, sondern kann sie als Erinnerung nutzen: Nicht Politik allein bestimmt den Anlageerfolg, sondern Disziplin, Zeit und die Fundamentaldaten der Unternehmen.
Über den Autor:
Arne Tölsner ist seit 2023 Leiter der Kundenbeziehungen (Head of Client Group) für Deutschland, Schweiz und Österreich bei der Capital Group, Asset Manager mit einem verwalteten Vermögen von rund 2 Billionen Euro. Zuvor war Tölsner seit 2001 bei Allianz Global Investors.
