Update WSH-Brief Die Corona-Krise bietet gesellschaftspolitische Chancen

Einkaufshilfe-Angebot in Bad Cannstatt, Wilhelmsplatz: In der Corona-Krise bieten Freiwilige in der Stadt Stuttgart und Region Nachbarschaftshilfe für Personen, die zur Risikogruppe gehören. | © imago images / Lichtgut

Einkaufshilfe-Angebot in Bad Cannstatt, Wilhelmsplatz: In der Corona-Krise bieten Freiwilige in der Stadt Stuttgart und Region Nachbarschaftshilfe für Personen, die zur Risikogruppe gehören. Foto: imago images / Lichtgut

Die neue Woche begann mit weiteren Maßnahmen und Beschränkungen. Noch weiß keiner, wie sie enden wird. Es hilft im Moment auch nicht weiter, sich den zahlreichen Spekulationen hinzugeben, wie tief die Aktienkurse, Währungen und das Bruttoinlandsprodukt sinken werden. Halten wir uns lieber an die gegenwärtigen Fakten.

Die Politik hat beschlossen, dem Gesundheitsschutz die höchste Priorität einzuräumen. Ökonomische und auch soziale Aspekte spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Ökonomisch betrachtet, werden marktliche Aktivitäten in wesentlichen Bereichen unterbunden und an dessen Stelle treten staatliche Entscheidungen. Steuermittel und Verschuldungsfinanzierungen sollen helfen, ökonomische und soziale Härten abzumildern. Für diese Vorgehensweise gibt es gute Gründe und dies soll auch an dieser Stelle nicht kritisiert werden.

Gleichzeitig sei jedoch der ehrliche Hinweis erlaubt, dass es sich hierbei um ein einmaliges Experiment handelt, es gibt keine Erfahrungen oder bisher theoretisch fundierte Erkenntnisse darüber, wie sich diese Maßnahmen auf die Ökonomie und die Gesellschaft selbst auswirken werden, insbesondere, wenn sie längerfristiger Natur sind. Auch die Erfahrungen aus bisherigen Rezessionen und konjunkturellen Krisen lässt sich hier nur sehr schwer übertragen. Auch diese Erkenntnis muss als Faktum hingenommen werden.

Welche Effekte sind nun zu erwarten?

Grundsätzlich gilt, dass die nun nicht mehr aufzuhaltende Rezession sich nicht wie im Lehrbuch mit den Instrumenten der Geld- und Fiskalpolitik bekämpfen lässt. Die bisherigen Maßnahmen sind vor allem vor dem Hintergrund der Beruhigung der Märkte zu sehen. Lösen können sie aber die grundsätzlichen Probleme nicht, als da wären eine weitgehende Unterbindung der ökonomischen Aktivitäten und damit der Generierung von Einkommen. Je länger die Präventionsmaßnahmen anhalten, desto schwieriger wird es auch, die Einkommensausfälle durch Bürgschaften und Kredite sowie anderen Einkommenssubventionen auszugleichen.

Die Weltwirtschaft wird daher eine der tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg durchlaufen. Die öffentlichen Mittel werden zunächst dafür sorgen, dass ein Großteil – aber nicht alle – der Unternehmen, die sehr schnell ihre Geschäftsmodelle an die neue Situation anpassen können, überleben werden. Diejenigen Unternehmen, die bereits im Vorfeld der Krise mit ihren Geschäftsmodellen nur eingeschränkt wettbewerbsfähig waren, werden diese Krise nicht überleben.

Gleichzeitig ist auch davon auszugehen, dass die Staatsverschuldungen zur Abfederung ökonomischer und sozialer Härten extrem ansteigen werden. Die Kapitalnachfrage der Staaten kann jedoch angesichts der großen Unsicherheit nicht von den Kapitalmärkten aufgebracht werden. Daher wird vermehrt zur notenbankfinanzierten Verschuldung übergegangen werden, was zu einer Verschmelzung der Geld- und Fiskalpolitik führt. Die Zinsen werden daher auch in Zukunft im negativen Bereich verharren.

Für die Finanzmärkte müssen wir – solange die Unsicherheit über die Ansteckungsraten anhält – weiterhin mit hohen Volatilitäten rechnen. Die wahren Gefahren werden aber erst nach der Bewältigung der Pandemie auftreten. Anders als nach der Finanzkrise 2008/09 wird die durch die Notenbanken geschaffene Liquidität nicht in der Hauptsache in die Vermögensmärkte fließen, sondern aufgrund erforderlicher Nachholeffekte für die Konsum- und Investitionsgüternachfrage direkt nachfragewirksam in die Gütermärkte fließen. Schafft es das Angebot dann nicht schnell genug, die Nachfragelücke zu schließen, so kann das lange totgeglaubte Inflationsgespenst wieder auftreten. Daher sind es insbesondere die langfristigen Effekte, mit denen wir uns vermehrt in unserer Anlagestrategie auseinandersetzen werden.

Thomas Mayer, Chefvolkswirt von Flossbach von Storch, äußert sich im übrigen ähnlich. Er prognostiziert zudem große Strukturveränderungen in der Wirtschaft, dass alte Kapazitäten verschwinden und neue entstehen werden. Globale Produktionsketten werden überprüft und neu aufgesetzt: Wieder mehr lokale Erzeugnisse, Just-in-time-Produktion werden weniger und weitere Effekte.

Grundsätzliche Schlussbetrachtung

Die Corona-Krise ist eine für viele Menschen gesundheitlich und wirtschaftlich belastende Zeit. Ihnen allen gehört unser ganzen Mitgefühl und unsere Solidarität. Es ist aber auch eine Zeit, die uns allen Chancen bietet, insbesondere gesellschaftspolitisch. Natürlich auch ökonomisch. Aber ich glaube, Sie alle stimmen mit uns überein, wenn wir jetzt nicht gierig darauf schauen sollten, wie wir von dem Wiederaufbau des entstandenen Scherbenhaufens möglichst schnell und umfangreich profitieren können – was im Zweifel wieder zu Lasten der ohnehin stark von der Krise Getroffenen gehen würde.

Wir alle sollten unseren Beitrag dazu leisten, die Chance, neue Strukturen aufzubauen, die von Nachhaltigkeit, Ethik, Kooperation und Solidarität geprägt sind. Sie hierbei bei der Verwaltung und Sicherung Ihres Vermögens zu unterstützen sehen wir als eine unserer Hauptaufgaben in den nächsten Monaten  - vielleicht sogar Jahren.



Dieser Text wurde dem private banking magazin freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Düsseldorfer Multi Family Office WSH, das sich mit dem Format WSH-Brief in unregelmäßigen Abständen bei besonderen Ereignissen oder Themen an die betreuten Familien wendet.