Unzeitgemäße Wirtschaftsstruktur Der Sommer der Staatsbankrotte

Karl-Heinz Thielmann, Vorstand von Long-Term Investing Research - Institut für die langfristige Kapitalanlage

Karl-Heinz Thielmann, Vorstand von Long-Term Investing Research - Institut für die langfristige Kapitalanlage

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Aktuell wird bei uns in den Medien das Thema Griechenland-Bankrott exzessiv behandelt. Dabei wird vernachlässigt, dass derzeit noch zwei weitere Staatspleiten unmittelbar drohen: in Puerto Rico und der Ukraine. Diese könnten für Weltwirtschaft und -politik weit bedeutender sein: In Puerto Rico sind US-Anleger in vielfacher und undurchschaubarer Weise engagiert, sodass die Auswirkungen im US-Finanzsystem wenig kalkulierbar scheinen. Die Ukraine ist viel größer als die beiden anderen Länder und spielt eine zentrale Rolle im Ost-West-Konflikt.

Zum Thema Griechenland ist schon so viel gesagt und geschrieben worden, dass es schwerfällt, noch etwas Neues zu finden. Ich möchte trotzdem auf Ricardo Hausmann und Francesco Giavazzi hinweisen. Die Analysen dieser beiden Ökonomen haben in der Flut von Medienberichten leider zu wenig Beachtung gefunden.

Sie haben für Griechenland zwei wesentliche Punkte beleuchtet, die auch eine Gemeinsamkeit mit den anderen potenziellen Bankrottnationen bilden: eine unzeitgemäße Wirtschaftsstruktur sowie eine Verweigerungshaltung gegenüber notwendigen Änderungen. Der Entwicklungsökonom Ricardo Hausmann hat kürzlich in einem Beitrag für das „Project-Syndicate“ die grundsätzlichen Schwierigkeiten Griechenlands anschaulich erläutert:

„Das Problem ist, dass Griechenland sehr wenig von dem produziert, was die Welt konsumieren will. Die Exporte umfassen im Wesentlichen Obst, Olivenöl, Baumwolle, Tabak und einige Mineralölerzeugnisse. … Tourismus ist eine reife Industrie mit vielen Wettbewerbern. Das Land produziert keine Maschinen, Elektronik, oder Chemikalien. Von zehn US-Dollar, des Welthandels in der Informationstechnologie macht der Anteil Griechenlands 0,01 US-Dollar aus. Griechenland hatte nie die Produktionsstruktur, um so reich zu sein, wie es erschien: Sein Einkommen wurde durch massive Mengen von Geld aufgeblasen, das nicht verwendet wurde, um die Industrie zu erneuern.“

Veraltete Strukturen werden dann zum gravierenden Problem, wenn ihre Modernisierung komplett verweigert wird. Anfang Juni hat der italienische Ökonom Francesco Giavazzi in der Financial Times einen Kommentar veröffentlicht mit dem Titel „Greeks chose poverty, let them have their way“ – „Die Griechen haben die Armut gewählt – lasst sie gewähren“.

Laut Giavazzi kann der Euro nur überleben, wenn die europäische Integration weitergeht. Griechenland steht dem im Wege, weil sich es mit der Wahl von Syriza als Regierungspartei der Moderne verweigert hat. Er machte klar, dass es nicht Aufgabe des übrigen Europa sein kann, notwendige Reformen in Griechenland durchzusetzen. Wenn die Griechen sich nicht ändern wollen, müssen sie aber auch die Konsequenzen tragen.

Griechenland: gefangen in einer fatalen Hassliebe zur Staatswirtschaft

Mit dem Hinweis auf die weitverbreitete Modernitätsverweigerung in Griechenland hat Giavazzi einen wesentlichen Punkt angesprochen, der bisher in der Diskussion kaum Berücksichtigung fand: Hinter der allgemeinen Reformablehnung stehen nicht Sorgen um nationale Interessen oder soziale Fragen. Sie wird aus einer geistigen Grundhaltung gespeist, die der Marktwirtschaft und Wettbewerbsdruck skeptisch gegenübersteht. Eine Staatswirtschaft mit vermeintlich sicheren Arbeitsplätzen wird bevorzugt. Gleichzeitig haben die Bürger aber aufgrund der Ineffizienz des Staates kein Vertrauen in ihn. Deswegen fehlt auch das Verständnis, dass er durch Steuern finanziert werden muss.

Im Sozialismus gibt es eine klare Präferenz für Staatsunternehmen. Insofern ist auch klar, warum die von kommunistischer Ideologie durchdrungene Syriza als erste Regierungsmaßnahme Staatsdiener wieder eingestellt hat und eine Stärkung der Privatwirtschaft mittels Reformen blockierte. Alexis Tsipras und seine Mitstreiter glauben gemäß ihrer Ideologie wirklich, dass sie damit das Beste für ihr Land erreichen. Insofern sind sie gerade auf ihre längst überkommenen Ideen besonders stolz.

In der Praxis ist sozialistische Staatswirtschaft bisher immer kläglich gescheitert: Ineffiziente Planung, Korruptionsanfälligkeit sowie insbesondere die fehlende Adaptionsfähigkeit an Innovationen haben in den vergangenen Jahrzehnten eine sozialistische Ökonomie nach der anderen zugrunde gehen lassen. Die wenigen noch existierenden leben entweder wie Venezuela vom Ölreichtum, haben sich verbarrikadiert wie Nordkorea oder versuchen eine zaghafte Öffnung wie Kuba.

Nichtsdestotrotz verfolgt Syriza unbeirrt weiter den Kurs, Griechenlands Wirtschaft in das nächste sozialistische Experimentierfeld zu verwandeln. Die Starrsinnigkeit bei der Realitätsverweigerung wird durch ein weiteres Element ideologiebestimmten Geistes begünstigt, der im zweiten Satz des Kommunistischen Manifests von Karl Marx und Friedrich Engels zum Ausdruck kommt: „Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd (…) verbündet …“

Damit lieferten sie ein universell einsetzbares Erklärungsmuster, falls die eigenen Pläne nicht aufgehen: niemals sind die Absurdität der eigenen Visionen oder selbst gemachte Fehler schuld, sondern immer eine Verschwörung finsterer reaktionärer Mächte. Für Marx und Engels waren „der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten“ die Bösewichte. Für Tsipras und seine Verbündeten heißen sie heutzutage Merkel, Schäuble, Dijsselbloem, Troika und Neoliberale.

Zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme des aktuellen Scherbenhaufens gehört aber nicht nur der Verweis auf die zweifelhaften Motive und Methoden der aktuellen Machthaber in Athen. Wenn ein Volk sich in demokratischen Wahlen mehrheitlich für populistische Verführer entscheidet, so wie die Griechen am Sonntag, hat dies viel mit Verzweiflung zu tun.

Ihr Aufstieg wurde erst durch eine konsequent an den Bedürfnissen des Landes vorbei agierende Politik der Troika ermöglicht. Deren Maßnahmen hatten Griechenlands Grundübel nie konsequent angepackt. Die Verschleppung oder Sabotage von echten Reformen wurde toleriert und damit den Niedergang der Nation beschleunigt.

Die Sparauflagen der Troika ohne gleichzeitige ernsthafte Bemühungen zur Effizienzsteigerung der Wirtschaft waren als Therapie genauso effektiv wie die Aderlässe, mit denen mittelalterliche Ärzte gerne ihre Patienten behandelten: Sie schwächten den angeschlagenen Organismus, ohne der Krankheitsursache auf den Grund zu gehen. Es war früher schon ein Erfolg, solch eine Behandlung zu überleben, weil der Körper anfällig wurde für andere Krankheitserreger.