Untergangspropheten auf dem Vormarsch Die irreführende Suche nach der nächsten Krise

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Verglichen mit den vergangenen Bullen-Märkten macht der aktuelle Börsenaufschwung noch keinen vollendeten Eindruck. Gerade wenn man bedenkt, dass der Trend zu Aktienrückkäufen den aktuellen Kursaufschwung etwas überzeichnet, erscheint das Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Weiterhin ist die operative Rentabilität börsennotierter Unternehmen hoch wie noch nie: In den USA sind die Nettomargen im Schnitt schon fast bei 12 Prozent – weit mehr als die 6 bis 9 Prozent, die in früheren Börsenzyklen üblich waren. In Japan schwankten die Bruttomargen von 1954 bis 2015 zwischen 1 und 4,5 Prozent, sind aber inzwischen auf 7,7 Prozent gestiegen. Europäische Unternehmen – deren Profitabilität laut Berechnungen von Ernst & Young im Schnitt um rund ein Drittel geringer ist als bei US-amerikanischen, sind hier zwar noch Nachzügler, stehen jedoch zumindest im Vergleich zu der eigenen Historie gut da.

Für eine Fortsetzung des Aufschwungs spricht insbesondere das in Folge der allgemeinen Krisenangst nach wie vor sehr negative Sentiment für Aktien. Es steht im auffälligen Gegensatz zur sehr optimistischen Marktstimmung, die für alle Endphasen der bisherigen Bullen-Märkte dokumentiert ist. IPOs finden derzeit kaum noch Abnehmer. Skeptische Privatanleger sind weltweit seit zehn Jahren Nettoverkäufer von Aktien. Im Gegenzug sammeln Staatsfonds und Unternehmen auf Akquisitionskurs die Titel auf. Einige Finanz-Kommentatoren sprechen deshalb vom meistgehassten Bullen-Markt aller Zeiten, wobei sie sich allerdings genauso wenig wie ich an das Sentiment in den 1950ern erinnern können. Hingegen kann ich mich noch gut an die Euphorie 2000 und die Risikoignoranz 2007 erinnern. Beide Stimmungslagen unterscheiden sich deutlich von der ausgeprägten Negativität der meisten heutigen Anleger und Marktkommentatoren.

Warum eine Krise nicht zur Katastrophe führen muss

„Seit einigen Monaten, Wochen, und speziell die letzten Tage wird nur von einer Sache gesprochen: Dass wir in einer Situation, einer Lage sind, die sehr nahe steht dem berühmten 29er Krach-Crash. Also ich möchte sagen: Das ist der größte Unsinn! Und jeder Nationalökonom, Journalist eventuell, oder Industrielle, Geschäftsmann, der davon spricht, der weiß nicht, was 1929 war. Den Vergleich zu machen mit 1929 und der Krise von damals in Deutschland und speziell in Amerika ist ein purer Unsinn.“ Mit diesen Worten regte sich Andre Kostolany in dem bereits erwähnten Fernsehinterview von 1982 über die vielen Krisenpropheten auf, die damals den allgemeinen Niedergang beschworen.

Die Krise in den 70er Jahren war weniger schlimm als die mit anhaltender Massenarmut verbundene Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren. Die Finanzkrise ab 2008 war weniger schlimm als die von Inflation, Massenarbeitslosigkeit und Industriesterben geplagte Ölkrisenzeit. Die nächste Krise wird zwar auch schlimm, aber vermutlich erneut wieder weniger als in den zurückliegenden Perioden.

Allerdings empfinden wir dies aktuell aufgrund der zeitlichen Nähe der jüngsten Krisen-Ereignisse nicht so – ein Phänomen, das die Verhaltensökonomie als Gegenwarts-Bias bezeichnet. Zudem ist es für oberflächliche Publizisten sehr einfach, die Finanzkrise als „Universal-Sündenbock“ für ihr jeweiliges Thema zu präsentieren – so spart man sich eine gründliche und aufwendige Analyse.

Politiker, Regulatoren, Wissenschaftler und Manager haben trotz aller ihrer Fehlleistungen in Hinblick auf die Bewältigung bisheriger Krisen jeweils zumindest ein bisschen was gelernt – auch deswegen wurde die jüngste Finanzkrise besser bewältigt als vorherige Wirtschaftseinbrüche. Viele grobe Politikfehler der 30er Jahre (prozyklische Geldpolitik, hohe Handelsschranken) oder 70er Jahre (Verstaatlichungen, Inflationierung) wurden vor zehn Jahren nicht oder zumindest nicht so gravierend) wiederholt – und werden dies auch in Zukunft sehr wahrscheinlich nicht. Und das Finanzsystem wurde aufgrund der unlängst erhöhten Kapitalanforderungen für den Finanzsektor viel widerstandsfähiger gemacht, was zumindest die negativen Folgen der nächsten Krise deutlich mindern wird.

Zudem gibt es in der Marktwirtschaft Selbststabilisierungs- und Selbstheilungskräfte, die gerade in einer Krisensituation einen Wiederaufschwung einleiten und Neues schaffen. Nassim Taleb hat in seinem in Reaktion auf die Finanzkrise entstandenen Buch „Antifragilität“ beschrieben, dass sich gerade aus Situationen von Unbeständigkeit und Unsicherheit produktive und positive Konsequenzen ergeben. Der von ihm geprägte Begriff Antifragilität beschreibt hierbei die Eigenschaft oder Fähigkeit, sich unter Unsicherheit, Volatilität, Störungen und Stress zu verbessern. Im Gegensatz dazu verbreiten Katastrophenwarner den Eindruck, dass es immer nur negative und destruktive Folgen gibt.

Gerade die letzte Krise hat einige kreative Kräfte freigesetzt, die sich im aktuellen Technologie-Boom und Börsenaufschwung widerspiegeln. Die Antifragilität des heutigen Kapitalismus hat sich gegenüber früheren Krisenphasen deutlich verbessert. Sie wird mit zunehmender Digitalisierung und Globalisierung weiter steigen, da beide Entwicklungen Entstehung sowie die schnelle und breite Verbreitung guter Ideen stark begünstigen – und damit Gegengift zu einer Krisendynamik verbreiten.

Dies ist nicht selbstverständlich, wie die Forschungen des aktuellen Wirtschaftsnobelpreisträgers Paul Romer gezeigt haben: Nur wenn die rechtlichen und institutionellen Voraussetzungen stimmen, kann ein Marktplatz von Ideen entstehen, der Innovationen voranbringt. Diese Voraussetzungen haben sich in den vergangenen Jahren eher noch weiter verbessert als verschlechtert. Silicon Valley hat sich nicht nur als Fortschrittsmotor etabliert, sondern ist weltweit Vorbild für viele andere Innovationszentren geworden. Vor allem aber in Süd-Ost-Asien wurde diese Botschaft begriffen: China hat sich vom Kopisten westlicher Technik zu einer aus sich selbst heraus innovativen Nation gewandelt. Südkorea hat in den vergangenen Jahrzehnten den Sprung vom Schwellenland zur technologiegetriebenen Industrienation geschafft.