Im Übernahmepoker um die Commerzbank wählt Unicredit die Offensive. Kurz vor Börseneröffnung am 20. April veröffentlichte das Mailänder Institut eine 34-seitige Präsentation, in der es die Commerzbank frontal attackiert – und die Frankfurter dabei als überbewertet und strategisch schwach bezeichnet. Unicredit-Chef Andrea Orcel erläuterte die Pläne anschließend in einer Telefonkonferenz.
Scharfe Kritik an der Strategie
Den schärfsten Vorwurf stellt Unicredit gleich voran: Die Commerzbank sei an der Börse höher bewertet als ihre Fundamentaldaten rechtfertigten. Das Institut leide unter anhaltender operativer Underperformance, besonders im deutschen Kerngeschäft, und bleibe bei zentralen Kennzahlen wie der Eigenkapitalrendite und dem Kosten-Ertrags-Verhältnis sowohl hinter Unicredit/HVB als auch hinter dem Branchendurchschnitt zurück. Strukturelle Schwächen kaschiere die Commerzbank nur dank eines günstigen Marktumfelds. Das aber könne nicht dauerhaft als Ersatz für echte Transformation herhalten.
Zwei Szenarien, eine Botschaft
Unicredit arbeitet in der Präsentation mit zwei Szenarien: einer weiterhin eigenständigen Commerzbank, die dann aber tiefgreifend sparen und sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren müsste – und einem Zusammenschluss mit Unicredit beziehungsweise deren deutscher Tochter HVB. Das Kalkül dahinter ist offensichtlich: Unicredit will Aktionäre und Stakeholder von den Vorteilen einer Fusion überzeugen und gleichzeitig aufzeigen, was droht, sollte die Commerzbank eigenständig bleiben und Unicredit als 30-Prozent-Großaktionär auf einen schmerzhaften Umbau pochen.
Die vor einem Jahr vorgestellte „Momentum“-Strategie der Commerzbank treibe keine echte Transformation voran, sondern setze weiter darauf, von günstigen Rahmenbedingungen zu profitieren – etwa bei Zinsen, Risikoaufwendungen und dem Wachstum außerhalb der Kernmärkte Deutschland und Polen. Zudem konzentriere sich die Commerzbank zu stark auf kurzfristige Ergebnisse, statt in nachhaltiges Wachstum zu investieren. Im Wettbewerb mit US-Banken und Fintechs sehe Unicredit die Frankfurter ebenfalls schlecht aufgestellt.
Für den Fall, dass die Commerzbank allein weitermacht, hat Unicredit unter dem Titel „Commerzbank Unlocked“ ein eigenes Zielbild formuliert, und das fällt deutlich ambitionierter aus als die eigenen Pläne der Frankfurter. So soll die Eigenkapitalrendite bis 2030 auf 23 Prozent steigen – die Commerzbank selbst peilt für 2028 lediglich 15 Prozent an. Noch drastischer fällt der Unterschied beim Kosten-Ertrags-Verhältnis aus: Unicredit fordert bis 2030 eine Quote von 37 Prozent, die Commerzbank plant intern mit 47 Prozent für 2028. Kurz gesagt: Unicredit traut der Commerzbank deutlich mehr zu, als diese sich selbst zugesteht – oder verlangt schlicht das Unmögliche, um die Eigenständigkeit unattraktiv erscheinen zu lassen.
Beim Stellenabbau versucht Unicredit zugleich zu beruhigen: Zwar würde auch das eigenständige Szenario rund 7.000 Stellen kosten – die zuletzt auf Arbeitnehmerseite kursierenden Befürchtungen von bis zu 15.000 Streichungen weist Unicredit jedoch zurück.
Das Versprechen der Fusion
Für einen Zusammenschluss zeichnet Unicredit ein deutlich rosigeres Bild: Beide Institute würden gemeinsam einen deutschen Marktführer mit mehr als 600 Filialen, rund acht Prozent Marktanteil und europaweit über 35 Millionen Kunden formen. Die kombinierten deutschen Einheiten könnten bis 2030 eine Eigenkapitalrendite von über 30 Prozent bei einer Aufwandsquote von nur 32 Prozent erzielen und einen Nettogewinn von 8,5 Milliarden Euro erwirtschaften – ungefähr das, was Deutsche Bank und Commerzbank 2025 zusammen verdienten. Auf Konzernebene peilt Unicredit für 2030 einen gemeinsamen Nettogewinn von 21 Milliarden Euro an.
Stand der Übernahme
Unicredit stieg im Herbst 2024 mit neun Prozent bei der Commerzbank ein und hält mittlerweile knapp 30 Prozent der Aktien. Im März legte das Institut ein Übernahmeangebot von rund 35 Milliarden Euro vor – mit dem Ziel, die 30-Prozent-Schwelle zu überschreiten, ohne ein Pflichtangebot auslösen zu müssen. Das Angebot enthält keine nennenswerte Prämie. Orcel nutzt es vor allem als Hebel, um Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp an den Verhandlungstisch zu bringen.
Das gelang zumindest teilweise: Nach der Ankündigung führten beide Seiten erstmals Spitzengespräche. Die dort skizzierten Eckpunkte überzeugten Orlopp und Finanzchef Carsten Schmitt jedoch nicht. Anfang April erklärte die Commerzbank, die genannten Transaktionsparameter böten den eigenen Aktionären keinen ausreichenden Mehrwert gegenüber der Eigenständigkeit. Die Commerzbank-Führung bekräftigte ihre Ablehnung und kündigte an, am 8. Mai neue Finanzziele als eigenständiges Institut vorzustellen.