Übermäßig viele Initiativen und Clubs Profianleger beklagen hohe Zahl an Nachhaltigkeitsinitiativen

Henrik Pontzen, Chef der Abteilung ESG im Portfoliomanagement der Fondsgesellschaft Union Investment, leitet die Expertengruppe „Sustainable Investing“ der DVFA. | © Union Investment

Henrik Pontzen, Chef der Abteilung ESG im Portfoliomanagement der Fondsgesellschaft Union Investment, leitet die Expertengruppe „Sustainable Investing“ der DVFA. Foto: Union Investment

Die im vergangenen Jahr von der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management, kurz DVFA, gegründete Expertenkommission für nachhaltige Kapitalanlage (Sustainable Investing (SI)) hat sich unter Profianlegern in Deutschland umgehört, um die herrschende Stimmung zur Thematik nachhaltigen Investierens zu erfassen und Meinungen zu verschiedenen Aspekten zu bündeln.

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen laut dem Analystenverband mit Sitz in Frankfurt am Main, das nachhaltiges Investieren immer wichtiger wird. So nehmen fast alle (98,1 Prozent) der befragten Investment Professionals eine verstärkte Relevanz des Themas bei ihren Tätigkeiten wahr. Zudem bestätigt die Mehrheit (58,8 Prozent) der Experten, dass ihre Kunden immer häufiger nach nachhaltigen Anlagen fragen – 31,4 Prozent antworteten mit „manchmal“ und lediglich 9,8 Prozent verneinten dies.

37,5 Prozent der Befragten teilten ferner die Auffassung, dass die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien den wirtschaftlichen Erfolg und den finanziellen Ertrag von Investitionen nicht beeinträchtigt. 16,3 Prozent waren der gegenteiligen Ansicht, 46,2 Prozent antworteten mit „fallweise“.

Noch deutlicher war die Reaktion auf die Behauptung, dass ESG-Faktoren bei Investmententscheidungen stärker berücksichtigt würden. Hier stimmten 68,6 Prozent zu, 25,5 Prozent antworteten mit „manchmal“, und nur 5,9 Prozent verneinten.

Die DVFA beleuchtet auch die Rolle von ESG-Kriterien in einzelnen Anlageklassen. Die Befragung ergab, dass die Profianleger ESG-Kriterien vor allem bei Aktien anwenden. Hier liegt der Anteil mit 34,7 Prozent höher als bei Anleihen (28,7 Prozent), Immobilien (14,9 Prozent) und Infrastruktur (12,3 Prozent). Bei Rohstoffen und Hedgefonds sind Nachhaltigkeitsgesichtspunkte aus Sicht der Umfrageteilnehmer mit einem Anteil von 7,5 beziehungsweise 1,9 Prozent kaum ein Thema.

Reform des Finanzsystems

Auf die Frage, ob es richtig sei, wenn institutionelle Investoren und Asset Manager darauf verpflichtet würden, transparent über die Berücksichtigung von ESG-Faktoren bei der Auswahl ihrer Anlagen gegenüber ihren Endanlegern zu berichten, antworten 61,5 Prozent mit ja, 21,2 mit „fallweise“, und 17,3 Prozent mit nein. 

Darüber hinaus halten es 46,2 Prozent der Befragten für richtig, das Finanzsystem so zu reformieren, dass privates Kapital in nachhaltiges Wirtschaften umgelenkt wird und das Finanzsystem so Teil der Lösung für eine umweltverträglichere und nachhaltigere Wirtschaft wird. 37,5 antworteten mit „fallweise“, 16,3 Prozent lehnten das ab.

81,7 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass die Anwendung der EU-Taxonomie die grundsätzliche Entscheidungsfreiheit des Anlegers nicht einschränken dürfe. Ebenso müsse eine EU-weit harmonisierte Taxonomie nach Ansicht von 53,8 Prozent der Investment Professionals die Vielfalt von Ansätzen berücksichtigen. Andere Nachhaltigkeitsauslegungen müssten möglich bleiben.

Ebenso sollte nach Ansicht von 68,3 Prozent der Befragten die Klassifizierung nicht dazu führen, dass ganze Wirtschaftsbranchen, Unternehmen oder einzelne Wertschöpfungsglieder pauschal als nicht nachhaltig eingestuft werden, wenn Teile der Wertschöpfungs- oder Lieferkette nicht der Nachhaltigkeitsdefinition entsprechen.

Ferner betrachten 69,2 Prozent es als unbedingt notwendig, dass Unternehmen, Projektentwickler und weitere Stakeholder entsprechende Daten gemäß der Taxonomie bereitstellen, damit Investoren ihre Anlageobjekte nach der EU-Taxonomie beurteilen und darüber berichten können. Nur 6,7 Prozent halten das für verzichtbar.

Befragt, wo sie Hindernisse auf dem Weg zu einer nachhaltigen Ausrichtung der Finanzindustrie sehen, antworten die Investment Professionals so:

  • Mangel an einheitlichen Standards und Definitionen (76,2 Prozent)
  • Fehlende Integration in herkömmlichen Analyse- und Bewertungsmodelle (60,6 Prozent)
  • Wissens- und Erfahrungsdefizit vieler Akteure in der Finanzindustrie (59,6 Prozent)
  • Übermäßig viele Initiativen und Clubs, die zu Verwirrung führen (51,9 Prozent)
  • Ungenügende Unternehmensberichterstattung zu Nachhaltigkeitskriterien, die Auswirkung auf Geschäftsmodelle / Finanzkennzahlen haben (47,1 Prozent)
  • Mangelnde Vertrautheit vieler Vorstände und Aufsichtsräte mit Nachhaltigkeitsanforderungen (46,2 Prozent)