Marktkommentar

Die Rückkehr der Unternehmensgewinne

Die europäischen Aktienmärkte hängen dem US-Markt deutlich hinterher. Jetzt deutet sich eine Aufholjagd an, meint Ken Hsia, Fondsmanager des Investec European Equity Fund.


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rst die Schuldenkrise mit einer quälend langsamen Erholung, dann die politischen Unsicherheiten durch das Brexit-Votum und den Ruck Richtung Populismus – Europa hat Aktieninvestoren in den vergangenen Jahren nicht gerade begeistert. Zwar hat die Europäische Zentralbank mit ihrer Geldpolitik die Aktienmärkte gestützt, dennoch hängen sie dem US-Bullenmarkt deutlich hinterher. „Mittlerweile handeln europäische Aktien (MSCI Europe) relativ zu US-Aktien (S&P 500) auf einem 30-Jahres-Tief“, sagt Ken Hsia, Portfoliomanager des European Equity Fund von Investec Asset Management.

Den Hauptgrund hierfür sieht er in der holprigen Erholung der Unternehmensgewinne. Die Eigenkapitalrenditen liegen noch unter früheren Niveaus und unter US-Niveau. Hsia sieht hier aber gute Aufholchancen. „Europäische Unternehmen haben im Gegensatz zu amerikanischen Gesellschaften noch ausreichend Spielraum, um ihre Margen zu erhöhen“, so der Fondsmanager. Das gelte umso mehr vor dem Hintergrund einer sich erholenden Konjunktur. Die Unternehmen haben die vergangenen Jahre genutzt, um ihre Bilanzen zu stärken. Vor dem Brexit fürchtet sich Hsia als Fondsmanager nicht: „Einigen Sektoren wird der Wind entgegen wehen, andere werden ihn im Rücken haben und von besseren Bedingungen profitieren, etwa dem schwachen Pfund Sterling.“

Sektoren haben sich unterschiedlich entwickelt

„Insgesamt liegen die Unternehmensgewinne in Europa immer noch rund 30 Prozent unter dem Hoch im vergangenen Zyklus. Diese Durchschnittszahl verschleiert jedoch, dass in einigen Sektoren diese Spitzenwerte schon wieder erreicht und zum Teil deutlich überschritten sind“, so Hsia. Das betrifft vor allem Sektoren mit sehr stabilen Abnehmermärkten wie Tabak und Pharma, oder mit starken Wachstumstrends, zum Beispiel Software.

Und der Automobilsektor hat von einer starken zyklischen Nachfrage profitiert. Seine Aufmerksamkeit widmet Hsia jedoch lieber anderen Sektoren, und zwar denen, die bislang zu den Verlierern zählten. „Vor allem Roh- und Grundstoffe sowie Finanzen weisen noch eine große Lücke zum letzten Gewinnhoch auf“, erläutert der Fondsmanager. Gleichzeitig punkten diese Sektoren aber aktuell mit den meisten positiven Gewinnrevisionen.

Banken mit innovativem Ansatz bevorzugt

Der Finanzsektor bekam seit der Schuldenkrise Druck von vielen Seiten, sei es durch die Regulierung oder durch die Geldpolitik der Notenbanken mit Niedrigzinsumfeld und flacher Zinskurve als Folge. „Banken können aber durchaus Maßnahmen ergreifen, um ihre Umsätze und Gewinnmargen zu erhalten oder gar zu steigern“, meint Hsia. In seinem Portfolio konzentriert er sich auf Banken, die zur Selbsthilfe greifen und sich auf renditestärkere und weniger kapitalintensive Geschäftsbereiche konzentrieren, oder auf Finanzinstitute, die von speziellen Marktdynamiken profitieren. Ebenfalls mag er die sogenannten „Challenger Banks“, das sind kleinere Banken, die durch Innovationen und Kundennähe die Großbanken herausfordern. Zum Beispiel hat Hsia die britische Shawbrook Bank im Portfolio: „Ihr Geschäftsmodell ist in der Lage, Marktanteile in den profitableren Bereichen des Bankensektors zu erobern.“

Auch im Rohstoff-Sektor sieht er zum Teil die Chance, die langfristigen Gewinne wieder auf alte Niveaus zu hieven. Das gelte vor allem für Unternehmen, die aus dem letzten Zyklus gelernt haben und die aktuell starken Cashflows durch die höheren Rohstoffpreise besser aufteilen auf Wachstumsinvestitionen und Ausschüttungen an die Aktionäre. Im Portfolio hat Hsia die an der Londoner Börse gelistete australische Minengesellschaft South32, den norwegischen Aluminiumproduzenten Norsk Hydro sowie die deutschen Spezialchemie-Unternehmen Wacker Chemie und Covestro.


Interview

„Wir meiden Aktien, die ein besseres Umfeld benötigen“

Ein ausgeklügelter 4-Faktoren-Ansatz liefert Ken Hsia Ideen für seinen Investec European Equity Fund. Aktuell drängt es den Fondsmanager vor allem in den Finanz- und Technologiebereich.

Seit 2012 managen Sie den europäischen Aktienfonds Investec European Equity Fund. Was ist der Kern Ihrer Strategie?

Ken Hsia, Fondsmanager des Investec European Equity Fund

Der Fonds wird mithilfe unseres 4-Faktoren-Investmentprozesses gemanagt. Dazu zählen die beiden traditionellen Faktoren Qualität und Bewertung, sowie zwei Faktoren, die auf das Anlegerverhalten abzielen. Ein vierstufiger Prozess, der unter anderem ein quantitatives Screening und eine umfassende fundamentale Analyse umfasst, soll es ermöglichen, die besten Ideen in unserem Anlageuniversum zu finden. Durch die disziplinierte Umsetzung des Prozesses ist der Fonds völlig unabhängig von einer Benchmark oder von Vorgaben zu Anlagestil und Unternehmensgröße.

Sie investieren sowohl in europäische Unternehmen, die global führend sind, als auch in Unternehmen, die sich vornehmlich auf den europäischen Markt fokussieren. Welche mögen Sie lieber?

Wir investieren in Qualitätsunternehmen mit einem ausgeprägten Wettbewerbsvorteil. Ob der Zielmarkt global oder regional ist, hängt von den einzelnen Unternehmen ab und zeigt wie anpassungsfähig unser Portfolio ist. Ein Beispiel für einen globalen Gewinner ist der deutsche Software-Anbieter SAP. Das Unternehmen sollte in der Lage sein, seine operative Marge zu erhöhen, was – basierend auf unseren Zahlen – zu einem zweistelligen Gewinnwachstum führen sollte. Ein attraktives Unternehmen, das sich eher auf den europäischen Markt konzentriert, ist Maisons du Monde. Das französische Einrichtungshaus ist schon 2016 stark gewachsen und sollte eine ansprechende Rendite auf das eingesetzte Kapital erzielen. Das wiederum dürfte aus unserer Sicht zu einer höheren Bewertung führen.

Wo sind Sie vorsichtig?

Wir meiden Unternehmen, bei denen sich die operativen Fundamentaldaten verschlechtern. Das kann strukturelle oder zyklische Gründe haben. Allerdings: Wenn sich dieser Negativtrend dreht, haben Sie eine sehr günstig bewertete Aktie. Nehmen wir Banken und Versicherungen. Dort drehte in der zweiten Jahreshälfte 2016 der bis dahin herrschende Gegenwind mit der Versteilerung der Zinskurve in Rückenwind. Günstig bewertete Aktien aus diesen Sektoren in unserem Portfolio haben eine starke Performance hingelegt.

Welche Sektoren mögen Sie zurzeit?

Unser 4-Faktoren-Prozess gibt Länder- und Sektorsignale. Ich finde die Hinweise zu Sektoren nützlicher. Zurzeit sehen wir im Modell einen starken Trend zu Finanzen und Technologie. Beide Sektoren haben wir im Fonds übergewichtet. Bei Finanztiteln fokussieren wir uns vor allem auf strukturelle Gewinner mit zusätzlichen Reizen. Das Übergewicht im Technologiesektor ist konstanter. Diese Unternehmen punkten mit einer hohen Kapitalrendite, und die meisten weisen ein strukturelles Wachstum auf, das künftige Gewinne noch steigert.

Gab es in den vergangenen zwölf Monaten größere Veränderungen im Portfolio?

Größere Veränderungen gab es vor allem zu Anfang 2016. Damals traten Rohstoffe in den Vordergrund. In den vergangenen sechs Monaten sind viele Aktien vor dem Hintergrund der besseren Aussichten für das globale Wirtschaftswachstum neu bewertet worden. Wir waren daher sehr vorsichtig, nur die Aktien zu wählen, bei denen wir unserer Ansicht nach noch fürs eingegangene Risiko bezahlt werden. Wir verzichten auf Aktien, die ein deutlich besseres Umfeld benötigen, als wir es jetzt haben.

Europäische Aktien waren 2016 bei Investoren eher unbeliebt. Dreht die Stimmung 2017?

Uns interessiert weniger, welche Assetklasse gerade am beliebtesten ist. Ohne einen langfristigen Anlagehorizont können wir keinen nachhaltigen Anlageerfolg erzielen. Nichtsdestotrotz stellen wir fest, dass sich die Unternehmensgewinne in Europa erholen. Dies sollte für bessere Kapital- und Cashflow-Renditen sorgen, was wiederum Innovationen und Investitionen antreibt, wovon alle profitieren können.

Fondsporträt Investec European Equity Fund

Vier Faktoren für Europas beste Ideen

Egal ob globale Gewinner oder auf Europa fokussierte Unternehmen, Fondsmanager Ken Hsia von Investec Asset Management ist für seinen European Equity Fund auf der Jagd nach den besten Ideen – mit Erfolg.



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ier Faktoren sollen Ken Hsia helfen, die besten Ideen für seinen European Equity Fund zu finden. Mithilfe einer quantitativen Analyse werden aus dem europäischen Universum von rund 1000 Aktien die Unternehmen ausgewählt, die eine hohe Qualität aufweisen und in der Vergangenheit ihren Aktionären Wert geliefert haben. Außerdem filtert die Analyse nach verschiedenen Kennziffern günstig bewertete Unternehmen heraus. Neben diesen beiden traditionellen Faktoren wird das Universum auf zwei verhaltenstheoretische Kriterien hin untersucht: Zum einen nach Unternehmen, deren Gewinnaussichten von möglichst vielen Analysten möglichst stark positiv revidiert werden. Zum anderen nach Aktien, die bereits im Aufwärtstrend sind.

„Jeder einzelne dieser vier Faktoren kann Aktienkurse nach oben treiben. In Kombination können sie zu einer langfristigen Outperformance verhelfen“, erläutert Hsia die Vorgehensweise. Unternehmen, die in allen vier Feldern gut abschneiden, sind daher Hsias „gute Ideen“. Mit einer fundamentalen Analyse sucht er dann im zweiten Schritt des Investmentprozesses aus den guten die besten Ideen heraus. Nach einer Risikooptimierung ergibt sich seine Aktienauswahl. Sie umfasst bis zu 70 Titel, in den vergangenen Jahren waren stets 55 bis 60 Aktien im Portfolio.

Anpassungsfähige Portfolios mit hohem Active Share

Der bottom-up-getriebene Investmentprozess führt dazu, dass das Portfolio Benchmark-unabhängig ist, der Active Share liegt bei über 80 Prozent. Auch wird kein bestimmter Anlagestil bevorzugt. Und in Sachen Größe ist Hsia ebenfalls flexibel. Zum Beispiel hatten Small und Mid Caps 2013 und 2014 einen hohen Portfolioanteil von zwei Dritteln und mehr. In den vergangenen beiden Jahren machten Large Caps, also Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 10 Milliarden Dollar, über 50 Prozent aus.

Drei Anlagethemen sind zentral für das Portfolio und sollen zu einer Outperformance gegenüber dem MSCI Europe beitragen. Hsia setzt erstens auf globale Gewinner. Das sind Unternehmen, die einen Wettbewerbsvorteil weltweit haben. Dazu zählt er zum Beispiel SAP, Siemens oder Pernod Ricard. „In Reaktion auf den leichten Aufwärtstrend der globalen Konjunktur ist über die Hälfte des Portfolios in europäischen Unternehmen mit globaler Ausrichtung investiert“, so Hsia. Ein zweites Thema sind auf Europa fokussierte Unternehmen wie der Online-Lieferservice Just Eat oder Scandic Hotels. Hier mag er zurzeit zum Beispiel Unternehmen mit starkem strukturellen Wachstum in Europa. Drittens meidet er Unternehmen aus Sektoren, die aktuell unter Druck stehen. Versorger beispielsweise machen nur knapp 3 Prozent des Portfolios aus. Allerdings beobachtet Hsia die Entwicklung genau. Denn Aktien, die jetzt noch abgestraft werden, können bald wieder von einem Ausgangspunkt mit günstiger Bewertung nach oben durchstarten.

Beeindruckender Track-Record

Ken Hsia hat den Fonds 2012 übernommen, im gleichen Jahr wurde das bis dahin kontinentaleuropäische Anlageuniversum auf britische Aktien ausgeweitet. Rund ein Viertel des Portfolios ist zurzeit in Großbritannien investiert. Weitere große Länderpositionen sind Frankreich (18 Prozent) und Deutschland (14 Prozent). Bei den Sektoren überwiegen Finanzen, Grundstoffe und IT. Bislang ist Hsias Track Record beeindruckend. In jedem Kalenderjahr hat er den MSCI Europe NR deutlich geschlagen, nur 2016 ist er knapp gescheitert. In den vergangenen drei Jahren hat er im Schnitt eine Rendite von 7,5 Prozent erzielt (Stichtag 28. Februar 2017).

Unternehmensporträt

Südafrikanische Wurzeln

In Afrika gestartet, heute in der ganzen Welt aktiv: Investec Asset Management bietet Fonds für alle relevanten Anlageklassen

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nvestec Asset Management ist ein spezialisierter Anbieter für Vermögensverwaltung mit einer Palette erstklassiger Produkte in allen relevanten Anlageklassen für institutionelle Kunden und Privatanleger. Zu den Flaggschiffprodukten gehören der Investec Global Franchise Fund, der Investec European Equity Fund, der Investec Emerging Markets Corporate Debt Fund und mehrere Multi-Asset-Lösungen.

Führende Mitarbeiter sind gleichzeitig Aktionäre des Unternehmens, womit größtmögliche Interessengleichheit angestrebt wird. In den 26 Jahren seit Gründung 1991 hat sich Investec Asset Management zu einem etablierten und internationalen Asset Manager mit rund 114 Milliarden US-Dollar (per Ende 2016) Assets under Management entwickelt. Gegründet in Südafrika, und anschließend nach Großbritannien expandiert, betreut das Unternehmen heute einen stetig wachsenden Kundenstamm auf allen Kontinenten. Investec Asset Management möchte eine gewinnbringende Beziehung zwischen Kunden, Aktionären und Angestellten pflegen und dabei die Erwartungen im Bereich Kundenservice und Leistung übertreffen.

Daten & Fakten



Name ISIN Auflegung d. Anteilsklasse Volumen in Mio. Perf. 3 Jahre
Investec GSF European Eq A EUR Acc LU0440694585 29.10.2009 € 1.500 10,79% Info

Factsheet

Investec GSF European Eq A EUR Acc

Rendite-Matrix

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