Tenbaggers im Fokus Europäischen Kursraketen auf der Spur

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Wie nicht anders zu erwarten, spielt ein starkes Absatzwachstum eine zentrale Rolle. Zugleich sollte man dieses jedoch nicht überbewerten: Bei zwei Dritteln der Unternehmen lag es in einem Bereich zwischen fünf und 15 Prozent. Bei manchen Gewinneraktien lag das Absatzwachstum sogar lediglich bei fünf Prozent oder darunter. Insgesamt bedeutet dies, dass die Steigerung des Börsenwertes lediglich für rund 30 Prozent der Börsenstars mit einem sehr hohen Absatzwachstum einherging. Also können weitere Faktoren wichtig sein, die das Gewinnwachstum von Unternehmen und deren Position im Wettbewerb beflügeln können. So lassen sich Gewinnmargen etwa durch ökonomische Skaleneffekte, Innovationen oder die Fähigkeit zur Preisdurchsetzung am Markt erhöhen.

Unsere Untersuchung zeigt, dass diese und gegebenenfalls weitere Faktoren nicht unerheblich am Erfolg von Börsengewinnern beteiligt sein dürften. Verfügen Unternehmen über entsprechende Möglichkeiten, sind sie oftmals in der Lage, das Gewinnwachstum gegenüber dem Anstieg der Verkaufszahlen insgesamt schneller in die Höhe zu treiben.

Size matters – aber anders als gedacht

Dass schiere Größe allein kein Erfolgsfaktor ist, zeigt sich auch beim Blick auf die Tenbaggers in Europa. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle handelt es sich bei ihnen nämlich eher um Unternehmen mit geringer Marktkapitalisierung. Dieser Befund lässt sich vor allem dadurch erklären, dass gerade in Europa viele mittelständisch geprägte Firmen zu finden sind,  die im Gegensatz zu großen Unternehmen am Markt unternehmerischer und wendiger agieren können. Das macht sie auch innovativer. Unterstützt wird dieser strukturelle Vorteil durch die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren die Eintrittsbarrieren nicht zuletzt aufgrund der Digitalisierung in vielen Sektoren gesunken sind. Das eröffnet kleinen und agilen Unternehmen große Wachstumschancen.

Schaut man auf die Verteilung der europäischen Tenbaggers über verschiedene Sektoren hinweg, so zeigt sich, dass sich die mit Abstand meisten im Industriebereich befinden. Deutlich unterrepräsentiert sind sie hingegen etwa im Gesundheits- oder Energiesektor. Gerade der Industriesektor aber verdeutlicht, dass bei der Suche nach Gewinnerunternehmen der vorschnelle Blick auf die üblichen Verdächtigen nicht immer weiterhilft. Denn bei vielen der Tenbaggers handelt es sich um sogenannte „Hidden Champions“. Häufig betreiben diese im B2B-Bereich eher ein Nischengeschäft, können dabei jedoch eine sehr starke Marktstellung aufweisen. Aufgrund hoher Produktqualität und Innovation glänzen diese und ähnliche Unternehmen mit hoher Kundenzufriedenheit, was sich in einem loyalen Kaufverhalten widerspiegelt. Nicht selten sind es auch „Hidden Champions“, die in besonderem Maße in der Lage sind, von der Konsolidierung fragmentierter Märkte zu profitieren.

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Als Ergebnis unserer Untersuchung kann festgehalten werden, dass sich auch am europäischen Aktienmarkt vielversprechende Unternehmen mit überdurchschnittlichem Wachstum finden lassen. Die Identifizierung der Tenbaggers ist trotz vorliegender Erfolgskriterien nicht immer eindeutig. Investoren sollten sich daher nicht allein auf ein quantitatives Research verlassen, sondern den qualitativen Dialog mit den Unternehmen suchen. Ohne ein genaues Verständnis davon, was Unternehmen wirklich antreibt, welche Ideen sie verfolgen und wie sie ihre Zukunft sehen, werden sich die Tenbaggers von morgen nicht ermitteln lassen. Der Gedanke an exponentielles Wachstum und sich schnell verändernde Märkte erfordert nicht nur Optimismus, sondern auch Phantasie.


Über den Autor:

Stephen Paice ist Leiter des European-Equity-Teams und Mitglied der Global Stewardship Portfolio Construction Group bei Baillie Gifford. Er ist Co-Manager des European Fund und des European Growth Trust des Fondsanbieters.