Außerhalb dieser Modelle wird der Strom auf dem freien Markt verkauft, der von den zukünftigen Strompreisen abhängig ist. Aufgrund der Kopplung der Energiepreise an die Inflation bleibt ein impliziter Zusammenhang bestehen, welcher sich im vergangenen Jahr besonders deutlich zeigte, als Energiepreise Haupttreiber der Inflation waren.
Je nach Umsatzstruktur kann sich für Investoren ein Aufwärtspotenzial ergeben, bei dem Vermögenswerte von einem inflationären Umfeld profitieren. Bestehende Verträge mit Festpreisregelungen ohne Inflationsschutz sind dann hingegen weniger attraktiv, etwa vergleichbar mit einer Anleihe. Dieses Risiko fließt jedoch sowohl in die Preisgestaltung als auch in die Vertragsdauer mit ein.
Überdies werden Anlagen zur Produktion erneuerbarer Energien oft für den über ihre Lebensdauer erwirtschafteten Cashflow gehalten (Buy-and-Hold). Der Zeitraum kann hierbei zwischen 30 und 40 Jahren liegen. Die kurzfristige Volatilität der Bewertungen hat, auch in einem steigenden Zinsumfeld, weniger Einfluss auf die langfristigen Renditen der Investoren.
Zu guter Letzt sollte man den „First-Mover-Vorteil“ nicht unterschätzen. So ist es ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Investitionen in „neue" Bereiche des Infrastrukturmarktes wesentlich riskanter sind als Investitionen in bewährte und erprobte Bereiche. Dies kann zwar durchaus zutreffen, jedoch sind im Infrastrukturbereich viele „neue" Bereiche eher ungewohnt als riskant. Oft handelt es sich um bewährte Technologien, die entweder auf neue Art und Weise oder in einem bisher nicht kommerzialisierten Umfang eingesetzt werden.
Für längerfristig orientierte Investoren kann dies ein profitables Missverständnis sein. Neuere Technologien können neue Risiken und vertragliche/regulatorische Strukturen bedeuten. Für viele Investoren reicht das aus, um die Finger davonzulassen. Diejenigen, die über die richtigen technischen Kenntnisse verfügen und in der Lage sind, die mit der Technologie und den vertraglichen/regulatorischen Strukturen verbundenen Risiken sachkundig einzuschätzen, können sich einen Vorsprung verschaffen und damit gleichzeitig zum Klimaschutz beitragen.
Wie sich Investoren positionieren sollten
Mittlerweile kann man in verschiedene Regionen und Unterbereiche des Universums für erneuerbare Energien investieren. Tatsächlich sind die Chancen sowohl in Kontinentaleuropa als auch in den USA und Großbritannien gewachsen. In Europa ist laut Aurora Energy Research Deutschland einer der wichtigsten und auch attraktivsten Märkte für erneuerbare Energien, was sowohl für On- und Offshore-Wind als auch für Solarenergie gilt. Ebenso ist zu beobachten, dass in Europa der Fokus zusehends auf Wasserstoff ausgerichtet wird. Es gibt Bereiche, in denen grüner Wasserstoff eine Rolle spielen wird. Wie sich allerdings die Einsatzmöglichkeiten in den nächsten Jahren entwickeln, wird von der Politik und der relativen Wirtschaftlichkeit der verschiedenen technologischen Ansätze abhängen.
Die europäischen Regierungen bemühen sich um die Gründung und Ansiedlung von Unternehmen, die in der Wasserstoff-Technologie führend sind, um sicherzustellen, dass sie bei der Umstellung auf grüne Energie nicht ins Hintertreffen geraten. Dies wird ein Schlüsselelement des Narrativs des „gerechten Übergangs“ und der „grünen Arbeitsplätze“ sein. Diese „Vorzeige“-Investitionen werden wahrscheinlich interessante Investitionsmöglichkeiten in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro bieten, aber noch nicht die Größenordnung der Solar- und Windkraftanlagen erreichen, bei denen Investitionspotenzial von mehreren hundert Milliarden Euro vorhanden ist. In der Automobilindustrie ist unserer Ansicht nach das Rennen bereits gelaufen und Elektrofahrzeuge sind als klarer Gewinner hervorgegangen.
In Bezug auf die USA ist zu bedenken, dass die Windenergie dort noch in den Kinderschuhen steckt und im Vergleich zu Europa hinterherhinkt. Der US Inflation Reduction Act ist aber ein Schritt in die richtige Richtung, da er den Bau neuer Kraftwerke für erneuerbare Energien unterstützt, die vor der Verabschiedung vielleicht nur marginal realisierbar gewesen wären. Gleichzeitig ist das Gesetz auch ein politisches Signal, dass es eine breite Unterstützung für mehr erneuerbare Energien gibt, was indirekt bei der Genehmigung und dem Ausbau neuer Übertragungsnetze hilft und die Entscheidungen über den Strombezug beeinflusst. Somit könnten sich für Investor:innen, die über ein entsprechendes Fachwissen verfügen, durchaus Gelegenheiten ergeben.
Die Auswahl der Energieart und Region ist das eine, aber es gilt, noch weitere Aspekte zu betrachten. Bei nachhaltigen Infrastrukturinvestments kommt es noch mehr als bei anderen Bereichen des Segments auf ein umfassendes Detailwissen an. Daher ist bei der Wahl des passenden Infrastrukturmanagers darauf zu achten, dass dieser möglichst auf erneuerbare Energien spezialisiert ist und er sie nicht nur neben anderen Bereichen mitverwaltet. Ebenso ist eine hohe technische Kompetenz förderlich.
Ebenso sollte man laufende Projekte den Entwicklungsprojekten vorziehen, weil letztere komplexer und mit einem höheren Investitionsrisiko verbunden sind. Hier gibt es vier wichtige Faktoren, von denen jeder einzelne schief gehen kann. Ein Entwickler braucht
- Land
- eine Baugenehmigung,
- einen Netzanschluss
- einen Energieliefervertrag.
Dies sind vier große Risiken. Wenn auch nur eines davon scheitert, kann das gesamte Projekt scheitern. Es ist sehr wichtig, dass die Kapitalerträge bei solchen Entwicklungen die damit verbundenen Risiken rechtfertigen.
Investoren sollten darüber hinaus die regulatorischen Rahmenbedingungen im Blick haben, die sich schnell ändern könnten. Letztes Jahr kündigte die EU-Kommission zunächst strengere Regeln für Artikel-9-Fonds an, sodass viele Asset Manager präventiv entsprechende Produkte auf Artikel 8 herunterstuften. Im April veröffentlichte die Kommission nun Leitlinien, die doch nicht so streng wie erwartet ausfielen, sodass Fonds womöglich jetzt wieder hochgestuft werden. Doch auch innerhalb einzelner SFDR-Klassifizierungen gibt es Unterschiede, zum Beispiel im Bereich EU-Taxonomie oder Reporting. Es wäre wünschenswert, wenn perspektivisch mehr Transparenz einkehrt, ohne die Regulatorik dabei immer weiter zu verkomplizieren. Bis dahin wird es für Investoren essenziell sein, bei der Auswahl entsprechender Produkte genau hinzuschauen, inwieweit diese bestimmte Nachhaltigkeitsziele verfolgen.
Über die Autorin:
Karin Kaiser ist seit fast zehn Jahren in verantwortungsvoller Position bei der Schroders-Tochter Schroders Greencoat. Mit einem verwalteten Vermögen von gut 10 Milliarden Euro ist das Unternehmen einer der größten Asset Manager im Bereich erneuerbare Infrastrukturlösungen in Europa. Vor dieser Zeit war Kaiser unter anderem bei
