Als Zwischenergebnis kann also festgehalten werden, dass die momentane Situation durchaus gute Voraussetzungen für praktische Konzepte bietet. Im Wesentlichen mangelt es an konsensualer Übersetzung „vom Investment bis zum Kunden“, auch weil Partikularinteressen und wettbewerbliche Aspekte im Wege stehen. Analog zu anderen aktuellen Fragestellungen muss sich die Finanzindustrie jedoch fragen, ob eine Branchen- und marktübergreifende Zusammenarbeit nicht die effizienteste Handlungsalternative ist. Denn wenn das bestehende regulatorische Framework substanziell verändert wird respektive werden muss, weil kein Konsens möglich ist, drohen totale Konfusion und erhebliche Kosten.
Jedenfalls kann die intelligente Verbindung von EET, ESG-Produktinformationen und Beratungsprozess schon heute dazu beitragen, viele Probleme zu lösen. Konkret ist eine standardisierte Zuordnung von bestehenden EET-Feldangaben zur Befüllung der Produktinformationen sinnvoll – und möglich –, um die erste Hürde zu nehmen.
In zweiter Ableitung muss das Mapping der denkbaren Nachhaltigkeitspräferenzen normiert werden. Das heißt, es muss Einigkeit dazu hergestellt werden, welche Produkte bei welchen Kundenwünschen als geeignet empfohlen werden dürfen. Flankierend ist die Vereinfachung der Nachhaltigkeitswirkung von Produkten anzustreben. Das heißt, die konzeptionellen Ausprägungen der Nachhaltigkeitsmerkmale müssen mithilfe einfacher Visualisierung deutlich werden.
Die Schwierigkeit eines ESG-Etiketts
Hierzu gibt es bereits erste Marktforschung. Im Übrigen ist der Aspekt Gegenstand der zu überarbeitenden PRIIP-Verordnung. Auch Brüssel hat(te) ihn bedacht, nämlich mit der Ankündigung des EU Eco-Labels, das als kundenfreundlicher Ausweis des Nachhaltigkeitsgrades von Anlageprodukten gelten sollte. Allerding sind die Ausarbeitungen noch nicht final – es gibt schlicht noch kein solches Label.
Die Schwierigkeit eines ESG-Etiketts ist vor allem in der Komplexität der Möglichkeiten und Ausprägungen „von Nachhaltigkeit“ zu sehen. Ihr gegenüber steht die Sachkunde des Anwenders, der mehr oder weniger aufklärungsbedürftig ist. Den meisten Kunden ist schließlich zu unterstellen, dass sie nicht im Detail über Mindestanteile an taxonomiekonformen oder nachhaltigen Investitionen gemäß der Offenlegungsverordnung sprechen möchten; ob, und wenn ja, inwieweit PAIs berücksichtigt werden sollen, erweist sich ebenfalls als Expertenfrage.
Lösungsorientiert liegt die Aufgabe damit in der Übersetzung von Ambitionsniveaus der Nachhaltigkeit in eine laienverständliche Skala, die zumindest einen Anfang auf dem langen Weg zur Perfektion markiert. Hierzu ist zunächst „common sense“ zum Mindestanforderungsniveau solcher Produkte, die als nachhaltig beworben und dem durchschnittlichen Kunden ohne schlechtes Gewissen oder Haftungsrisiko empfohlen werden dürfen, notwendig.
Konzepte, die mit heutigen Möglichkeiten zurechtkommen, sind denkbar
Im Weiteren muss sich explizit auf die Normierung der informativen Übersetzung (per EET) geeinigt werden. Schließlich muss die multi-dimensionale Nachhaltigkeit in eine linear skalierte Visualisierung überführt werden, die nicht den Ersatz der detaillierten ESG-Produktinformationen anstreben darf. Jedoch muss eine erste Einordnung für Kunden, Berater, Verbraucherschützer, Juristen, etc. möglich sein.
Das Deutsche Institut für Normung (DIN) hat nun hier einen Vorstoß gewagt: mittels Festlegung von Schwellenwerten in einer begrenzten Anzahl von Feldern im EET, die die Taxonomiequoten, generelle Umwelt- und soziale Aspekte sowie die Principal Adverse Indicators umfassen, können Finanzprodukte in einer Skala von A (sehr nachhaltig) bis F (nicht nachhaltig) gekennzeichnet werden. Der Nutzer kann hier entweder den Angaben seiner Vertragspartner (beispielsweise Asset Manager) vertrauen (unzertifizierte Nutzung) oder sie durch einen Drittanbieter verifizieren lassen (zertifizierte Nutzung). Insbesondere durch die zertifizierte Nutzung wird den verschiedenen Stakeholdern und EET-Produzenten eine Orientierung zur Harmonisierung des ESG-Front- und -Back-Ends geboten.
Zusammenfassend sind alle Finanzmarktteilnehmer und Finanzberater (weiterhin) aufgerufen, an einer Konsenslösung zu arbeiten. Konzepte, die mit heutigen Möglichkeiten zurechtkommen, sind durchaus denkbar. Allerdings müssen Standardisierung und Normierung hierzu forciert werden. Nicht zu kooperieren, dürfte die volks- und betriebswirtschaftlich ineffizienteste Strategie sein.
Über die Autoren
Timo Biskop ist seit 2021 Fokusbereichsleiter des German Sustainability Network. Dort beschäftigt er sich insbesondere mit Fragestellungen zur Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage und im Vertrieb. Ab Januar 2024 wird Biskop als ESG-Koordinator bei der Prismalife, einer liechtensteinischen Lebensversicherungsgesellschaft, tätig sein.
Carsten Zielke ist Gründer von Zielke Research Consult. Zudem ist er Mitglied des Beratungsgremiums für Konnektivität des Vereins European Financial Reporting Advisory Group (Efrag), Berater des Umweltbundesamts, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Bochumer Versicherungsvereins und Beiratsmitglied der Société Générale.
