Portfoliomanagement Taiwan – Der unechte Black Swan: Reisebericht eines Fondsberaters

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Ein Besuch vor Ort festigt den positiven Eindruck vom Unternehmen

TSMC fokussiert sich seit jeher vollständig auf die Auftragsfertigung. Das Unternehmen entwickelt selber keine Chips und Chip-Designs sondern fertigt für Unternehmen wie Nvidia und Apple, die selber über keine Fertigungskapazität verfügen, genau nach deren Bauplänen. Im Gegensatz dazu entwickelt Intel beispielsweise eigene Chips und fertigt diese auch. Intel ist damit ein vollintegrierter Entwickler und Hersteller. Die hohen Fixkosten zwingen Intel jedoch dazu, die eigene Fertigungskapazität auch Dritten als Auftragsfertiger anzubieten, was zu Interessenskonflikten führt.

Bei TSMC dagegen steht der Kunde im Mittelpunkt und das merkt man im Gespräch mit dem Unternehmen deutlich. Das Unternehmen, das den Umsatz in Höhe von 76 Milliarden US-Dollar im Wesentlichen mit vier verschiedenen Kundengruppen erwirtschaftet, verfügt intern über eine einzige Gewinn- und Verlustrechnung – ein Wettbewerb um Ressourcen innerhalb des Unternehmens soll so vermieden werden. Der Kunde steht ganz im Fokus. Angesichts der dominierenden Marktposition und Qualität des Unternehmens wundert es nicht, dass Berkshire Hathaway im Jahr 2022 zeitweise nennenswert in TSMC investiert war. 

Was wäre, wenn? 

Die Abhängigkeit von den in Taiwan produzierten Computer-Chips ist groß. Zwar versuchen die USA inzwischen durch die „Chips and Science Act“ genannten Subventionen die Abhängigkeit zu reduzieren, das wird auf absehbare Zeit jedoch nicht gelingen. Das im Bau befindliche TSMC-Werk in Arizona beispielsweise wird erst frühestens im Jahr 2024 mit der Produktion beginnen können und dann auch nur 5-nm-Chips fertigen. In Taiwan werden diese Chips bereits seit 2020 produziert. Auch mit diesem neuen Werk wird der technologische Rückstand also mindestens vier Jahre betragen. Das Problem ist aber nicht nur die Leistungsfähigkeit der im Westen hergestellten Chips, sondern auch die schiere Menge. Auch bei Chips für einfachere Anwendungen sind Europa und die USA überwiegend auf die Produktion aus China und Taiwan angewiesen und an dieser Abhängigkeit wird sich in diesem Jahrzehnt nichts nennenswert ändern.

In einem Ein-China Szenario würde das Land fast zwei Drittel der weltweiten 20- bis 45-nm-Kapazität kontrollieren (9–16 Jahre alte Technologie).
In einem Ein-China Szenario würde das Land fast zwei Drittel der weltweiten 20- bis 45-nm-Kapazität kontrollieren (9–16 Jahre alte Technologie). © Rhodium Group

Fiele die Produktionskapazität Taiwans in chinesische Hände, würde China seine Macht und seinen Einfluss weltweit deutlich ausbauen. Dieses Szenario ist eher unwahrscheinlich. Taiwan bereitet sich mit Unterstützung der USA seit Jahren auf eine mögliche militärische Auseinandersetzung vor. Dass die empfindliche, hochkomplexe und auf Importe angewiesene Chip-Produktion einen Krieg intakt überstehen würde, gilt allerdings als kaum denkbar. Aus diesem Grund bezeichnet der Gründer von TSMC, Morris Chang, die Technologie-Kompetenz des Landes auch als „Silicon Shield“.

Halbleiter als Schutzschirm vor einem Krieg

Eigentlich kann an diesem Szenario, das mit Sicherheit eine andauernde weltweite Abkühlung der Wirtschaft zur Folge hätte, keine der beteiligten Parteien Interesse haben. Dennoch hat das Säbelrasseln im Rahmen der Militärmanöver Chinas im April 2023 weiter zugenommen. Wenn aber der gegenwärtige Status des China-Taiwan-Verhältnisses nun seit etwa 70 Jahren unverändert ist, warum spitzt sich die Lage gerade jetzt zu?

Offensichtlich tragen die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China dazu bei, dass der Konflikt hochkocht – Taiwan gerät zwischen die Fronten der beiden Weltmächte. Weniger Beachtung findet die Tatsache, dass die derzeit regierende Demokratisch Progressive Partei (DPP) Taiwans die offizielle Anerkennung und Unabhängigkeit des Landes sowie engere Beziehungen zu Japan und den USA anstrebt. Auch die Politik Taiwans hat zuletzt die Spannungen verstärkt. Die im Januar 2024 anstehenden Wahlen im Land könnten die Situation beruhigen, falls die Kuomintang Partei (KMT) an Einfluss gewinnt. Diese Partei strebt eher freundschaftliche Beziehungen zu China und eine Wahrung des Status quo an.

„If China wants economic well-being it will not invade Taiwan.“
Morris Chang 

Schlussfolgerung für das Portfoliomanagement

Der Taiwan-Konflikt ist ein unechter schwarzer Schwan: Die Auswirkungen einer „heißen“ Auseinandersetzung wären für die Wirtschaft verheerend. Dass dies ein denkbares Szenario ist, erkennen auch Laien und Generalisten. Wie geht man mit dieser Situation am besten um?

  1. Investitionen in China begrenzen: Am naheliegendsten erscheint es, die direkten Investitionen in China zu begrenzen. In unserem Profitlich Schmidlin Fonds sind wir in keinem chinesischen oder taiwanesischen Unternehmen investiert. 
  2. Fragile Geschäftsmodelle meiden: Apple ist mit einem Umsatzanteil von etwa einem Viertel der größte Kunde von TSMC. Daneben ist das Unternehmen stark von der Auftragsfertigung durch Foxconn in China abhängig. Das Geschäftsmodell erscheint aus diesem Grund entsprechend fragil und exponiert. Aber auch französische Luxusgüterunternehmen und die deutschen Automobilunternehmen sind aufgrund ihrer Abhängigkeit von China eher als fragil einzustufen.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass die Lieferketten durch die Globalisierung zum Teil (zu) komplex geworden sind. Dezentrale Geschäftsmodelle, die überwiegend nah am Kunden produzieren, sind grundsätzlich weniger anfällig für eine Disruption der weltweiten Lieferketten, was eine Folge eines solchen Konflikts wäre. Unternehmen wie Holcim oder Sika fertigen ihre Produkte an hunderten Standorten weltweit und sind kaum von den Lieferketten Ostasiens abhängig. Profitieren könnten daneben andere Emerging Markets wie etwa Mexiko, die dabei helfen, die Abhängigkeit von der Fertigung in Ostasien zu reduzieren und die Produktion näher zum Verbraucher zu bringen. Grundsätzlich gilt, dass man sich bei jedem Unternehmen individuell mit der Abhängigkeit und Exponiertheit zu einem solchen Konflikt auseinandersetzen sollte. Vollständig lässt sich das beschriebene Risiko allerdings nicht vermeiden.


Über den Autor:

Im Jahr 2013 gründete Marc Profitlich mit Nicolas Schmidlin den Fondsberater Profitlich Schmidlin AG. Die Gesellschaft mit Sitz in Köln legte im Januar 2014 den flexiblen Mischfonds Profitlich Schmidlin Fonds auf.

 

 

 

 

 

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