Rentenstrategie im Stagflationsumfeld Duration – Einsatzgröße statt Richtungswette

Matthias Beil von der Sutor Bank

Mathias Beil von der Sutor Bank: „Niemand muss den exakten Wendepunkt am Rentenmarkt treffen.“ Bildquelle: Sutor Bank

Stagflation ist die denkbar schwierigste Konstellation für eine Notenbank. Steigende Preise verlangen straffere Zinsen, eine schwache Konjunktur fordert das Gegenteil – bedienen lässt sich kurzfristig nur eines von beiden. Genau in diesem Dilemma befindet sich der Euroraum.

Für professionelle Kapitalgeber von Versorgungswerken und Pensionskassen über Versicherungen bis hin zu großen Family Offices entsteht aus dieser Gemengelage eine konkrete Handlungsnotwendigkeit: Nach einer jahrelangen Phase des Zinsverfalls und der extremen Laufzeitenverkürzung bieten die Anleihemärkte wieder Renditen, die eine langfristige Bindung rechtfertigen. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen bewegt sich mit über 3,2 Prozent auf dem höchsten Niveau seit Mai 2011, dreißigjährige Papiere rentieren laut der Deutschen Bundesbank bei knapp 3,8 Prozent. Zum Vergleich: Zu Jahresbeginn lagen zehnjährige Titel noch bei 2,8 Prozent, im Jahr 2021 bei minus 0,5 Prozent.

Damit stellt sich in nahezu jedem Anlagegremium die strategische Frage: Ist der Zeitpunkt gekommen, die Duration im Gesamtportfolio wieder schrittweise zu erhöhen?

 

Das Notenbank-Dilemma: Datenabhängigkeit statt Punktprognosen

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Juni ihre Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben und den Einlagesatz auf 2,25 Prozent gestellt – die erste Erhöhung seit September 2023. Im Juli pausierte die EZB und verwies auf die anhaltende Volatilität der Energiepreise. Am Markt wird derzeit mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 70 Prozent ein weiterer Schritt im September auf 2,50 Prozent eingepreist, wobei Markterwartungen den Einlagesatz bis Anfang 2027 bei etwa 2,75 Prozent sehen.

Die makroökonomischen Rahmendaten verdeutlichen das Spannungsfeld: Die Inflation im Euroraum lag im Juli bei 2,9 Prozent (nach 2,8 Prozent im Juni und 3,2 Prozent im Mai), die Kernrate laut Eurostat bei 2,5 Prozent. Während sich die Teuerung seit Mai leicht abgeschwächt hat, wirkt der Energiesektor (Brent-Öl stieg zeitweise über 90 US-Dollar) weiterhin als Unsicherheitsfaktor. Gleichzeitig stagniert das Wachstum: Die aktuellen Projektionen des Eurosystems sehen für 2026 ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von lediglich 0,8 Prozent bei einer Gesamtinflation von 3,0 Prozent (Projektionen des Eurosystems, Juni 2026).

Die Notenbank strafft somit in eine schwache Konjunktur hinein. Der datenabhängige Ansatz von Sitzung zu Sitzung ist in diesem Umfeld folgerichtig. Das größte geldpolitische Risiko besteht derzeit darin, die Zinsentscheidungen zu überziehen und eine Rezession zu verschärfen.

Für Anleiheinvestoren folgt daraus: Weder die Wette auf rasch verfallende Renditen noch das Schielen auf dauerhaft steigende Zinsen ist eine tragfähige Strategie. Die Durationsentscheidung muss ergebnisoffen als Abwägung unter Unsicherheit strukturiert werden.

Die Mechanik der Duration: Einsatzgröße statt Richtungswette

Ein Blick auf die mathematische Mechanik hilft bei der Einordnung: Steigt das Zinsniveau um einen Prozentpunkt, verliert ein Anleiheportfolio mit einer Duration von 8 rund 8 Prozent an Marktwert. Bei einer Duration von 12 beträgt der Kursverlust 12 Prozent. Bei Zinsrückgängen gilt die Rechnung spiegelbildlich: Sinken die Renditen um einen Prozentpunkt, gewinnt das Portfolio entsprechend an Wert.

Die Stellschraube der Duration ist somit keine Wette auf die Zinsrichtung, sondern die Festlegung der Risikotragfähigkeit des Portfolios. Wesentlich dabei: Die Duration ist das einzige Kernrisiko im Rentenportfolio, das sich nicht über die Bonität steuern lässt. Auch eine Bundesanleihe mit Höchstrating unterliegt bei einem Zinsanstieg vollen Kursschwankungen.

Wie belastbar die Unterscheidung zwischen Buchverlusten und tatsächlicher Kapitalvernichtung ist, zeigt der Blick auf das historische Stressjahr 1994: Damals stiegen die US-Renditen im Zehnjahresbereich von 5,6 Prozent im Januar auf 8,0 Prozent im November. Der globale Staatsanleiheindex verlor 3,1 Prozent – der bis dahin schwerste gemessene Jahresverlust am globalen Anleihemarkt, mit weltweiten Buchverlusten von rund 1,5 Billionen US-Dollar. Buy-and-Hold-Kapitalgeber, die ihre Titel bis Fälligkeit hielten, hatten den Rückschlag nach wenigen Jahren vollständig aufgeholt. Wer hingegen unter Liquiditätsdruck verkaufen musste, realisierte die Verluste.

Laufzeiten- und Bonitätsmix: Wo sich Verlängerung lohnt

Für die konkrete Portfolioarchitektur erscheint eine Differenzierung nach Laufzeitensegmenten und Risikoklassen sinnvoll, ganz ohne starre schematische Vorgaben.

Mittleres Segment (7 bis 12 Jahre): Für klassische Buy-and-Hold-Anleger ist eine moderate Durationsverlängerung in diesem Bereich gut begründbar. Die Renditen erstklassiger Staatsanleihen bieten ein attraktives Realeinkommen, um Verpflichtungen langfristig abzusichern.

 

Langläufer (20 bis 30 Jahre): Die Zinskurve zeigt sich wieder steiler: Zweijährige Bundesanleihen rentieren aktuell mit 2,8 Prozent, fünfjährige mit 2,9 Prozent, zehnjährige mit 3,2 Prozent und dreißigjährige mit 3,8 Prozent. Trotz des wieder vorhandenen Aufschlags am langen Ende mahnen strukturelle Inflationsrisiken über Zeiträume von drei Jahrzehnten zur Zurückhaltung. Sehr lange Laufzeiten sollten nur dosiert eingesetzt werden.

Geldmarkt: Gegenüber dem Einlagesatz von 2,25 Prozent zahlt eine zehnjährige Bindung derzeit einen Aufschlag von rund 1,0 Prozentpunkt. Diese Prämie rechtfertigt die schrittweise Reinvestition von Liquidität.