Berlin, Anfang Juni. Im Inter Continental am Tiergarten drängen sich wieder die Entscheidungsträger der globalen Private-Markets-Industrie – Fondsmanager, institutionelle Investoren, Berater. Fünf Tage lang, von Montag bis Freitag, bestimmen Eins-zu-eins-Gespräche, Podiumsdiskussionen und informelle Begegnungen den Takt.
Rund 6.000 leitende Entscheidungsträger aus über 80 Ländern kamen zur Super Return International 2026, darunter rund 2.000 Kapitalgeber, die gemeinsam ein verwaltetes Vermögen von 50 Billionen US-Dollar repräsentieren, sowie mehr als 3.000 Fondsmanager.
Künstliche Intelligenz dominierte die Agenda wie kein zweites Thema, während Fragen rund um Liquidität, Bewertungen und Zweitmarkttransaktionen die Gespräche zwischen Kapitalgebern und Fondsmanagern prägten. Sieben Anlagestrategen berichten, welche Themen die Branche in Berlin bewegten.
Julien Zornig, Managing Partner bei Astorius
Die Super Return 2026 hat ein strukturelles Problem der Branche schärfer konturiert: Wachstum macht Private Equity sichtbarer – und angreifbarer. Außerhalb des Inter Continental versammelte sich ein organisiertes Protestbündnis. Die gestiegene öffentliche Aufmerksamkeit ist kein Betriebsunfall, sondern Folge einer bewussten Öffnung in Richtung Retailmarkt und breiterer Investorenbasis.
Auf der Hauptbühne fiel der Satz „Large Cap Private Equity is just Beta". Niemand widersprach. Größe wird in Teilen des Marktes zum Renditeproblem. Für viele Marktteilnehmer unterstreicht das die strukturellen Vorteile des Small-Cap-Segments. Auch bei KI gilt: Nicht Größe, sondern Spezialisierung scheint der entscheidende Erfolgsfaktor zu sein.
Ronny Gwerder, Managing Director bei Wellington Management
Private Equity spielt zunehmend eine zentrale Rolle für Investitionen in die nationale Sicherheit. Eine breitere Käuferbasis treibt die Nachfrage in Bereichen wie KI-Infrastruktur, Halbleiter und Energiesicherheit an.
Fortschritte im KI-Bereich beflügeln Innovationen, die längst nicht mehr auf den Technologiesektor beschränkt sind – sie greifen auf Konsumgüter, Gesundheitswesen und Finanzwesen über. Dort trifft steigende Produktivität auf aus Sicht von Wellington attraktive Bewertungen.
Zudem verbessert sich die Stimmung im Biotech-Sektor, insbesondere in der Immunologie-, Onkologie- und Alzheimer-Forschung – gestützt durch ein konstruktives Umfeld bei Börsengängen sowie Fusionen und Übernahmen und eine ausreichende Verfügbarkeit investierbaren Kapitals.
Das Produktdesign von Private-Equity-Fonds entwickelt sich unterdessen weiter in Richtung Evergreen-Vehikel, die eine breitere Diversifizierung von Private-Markets-Portfolios erleichtern und die Cashflow-Planung vereinfachen sollen.
Stuart Mathieson, Leiter European Private Finance Barings
Der Markt für direktes Kreditgeschäft bleibt strukturell stabil – vorrangige Besicherung, laufende Erträge und Abwärtsschutz bilden weiterhin das Fundament. Doch innerhalb dieser Grundstruktur verschiebt sich das Gefüge spürbar.
Kapital und Transaktionsfluss konzentrieren sich zunehmend auf eine kleinere Gruppe etablierter Plattformen; die Kreditvergabe wird häufig durch bestehende Beziehungen und wiederkehrende Transaktionen getrieben, weniger durch offene Ausschreibungen.
Nachfrage nach Private Credit hält an
Hintergrund ist eine anhaltende strukturelle Nachfrage nach privatem Kredit – getragen von Private-Equity-Aktivitäten und dem fortgesetzten Rückzug der Banken aus der Unternehmensfinanzierung.
Je stärker sich der Zugang konzentriert, desto mehr kommt es auf Zeichnungsdisziplin, Portfoliokonstruktion und die Fähigkeit an, in einem selektiveren Markt die richtigen Chancen zu identifizieren. Größe allein schützt nicht mehr – gefragt ist konsequente Umsetzung über den gesamten Zyklus.
Thomas Weinmann, Geschäftsführer von Reia, einem Dachfondsmanager für Private-Equity
Die Stimmung war besser als im Vorjahr – aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass geopolitische Unsicherheiten und Inflationsgefahren weiterhin als reale Bremse wirken, für Unternehmen wie für Transaktionen, und damit direkt auf das Fundraising durchschlagen.
Geopolitik, Inflation und Fundraising im Fokus
Das inhaltlich beherrschende Thema war die künstliche Intelligenz. Vor einem Jahr galt sie im Private-Equity-Umfeld noch als Venture-Capital-Thema. Inzwischen muss sich jeder Fondsmanager klar positionieren: Wie wird KI im eigenen Haus eingesetzt, wie bei den Portfoliounternehmen?
Jenseits der KI-Debatte bleibt die Ausschüttungsfrage drängend. Reine Bewertungsanstiege und Verkäufe über Continuation Vehicles reichen Investoren nicht. Wer jedoch genauer hinschaut, erkennt: Die aktuellen Jahrgänge bieten reale Renditechancen, weil Bewertungen wieder auf einem angemessenen Niveau liegen. Gefragt ist Auswahlexpertise.
Small-Cap-Buyout-Fonds bieten dabei das direkteste Hebelwerk für operative Wertsteigerung – Effizienzgewinne, organisches Wachstum und Buy-and-Build-Strategien lassen sich hier unabhängig vom allgemeinen Bewertungsniveau umsetzen. Für viele Investoren bleibt dieser Markt jedoch schwer zugänglich, weil die nötige Transparenz fehlt und die besten Fondsmanager ihre Investoren selbst auswählen.
Künstliche Intelligenz verändert Private Equity
Inhaltlich war die Konferenz ermutigend – mehr Chancendenken, weniger Krisenrhetorik. Organisatorisch hingegen wächst die Frustration in der Community offen. Ticketpreise auf kaum rechtfertigbarem Niveau, knappe Meetingkapazitäten, überbordende Kommerzialisierung.
Die Folgen sind im Stadtbild sichtbar: Polizeisperren, die den Dialog – und nebenbei den Zugang zu einem Krankenhaus – blockieren, und Fondsmanager, die Busse chartern oder Container aufstellen lassen, um Investorengespräche außerhalb des offiziellen Rahmens führen zu können. Der Ruf einer Anlageklasse, die Pensionskassen und Stiftungen seit Jahrzehnten verlässlich Überrenditen geliefert hat, leidet darunter.
Jan Verstraete, Managing Director von Hamilton Lane
Eines der deutlichsten Signale aus Berlin: Zweitmarkttransaktionen sind längst kein Notfallwerkzeug mehr, sondern ein fester Bestandteil aktiver Portfoliosteuerung. Die Anlageklasse profitiert von strukturellen Rückenwinden.
Dazu zählen wachsende NAVs in den privaten Märkten und einem Angebot, das die verfügbare Nachfragekapazität weiterhin übersteigt. Zweitmarkttransaktionen bieten Zugang zu reiferen Portfolios, bessere Transparenz der zugrunde liegenden Vermögenswerte und eine abgeschwächte J-Kurve.
Gleichzeitig rückt die Managerselektion stärker in den Vordergrund. In einem makroökonomisch schwer vorhersehbaren Umfeld achten Investoren zunehmend auf Sourcing-Kompetenz, Portfoliodisziplin und die nachgewiesene Fähigkeit, über verschiedene Marktzyklen hinweg Liquidität zu schaffen.
Besonders im Mittelstandssegment, wo das Universum mittelständischer Unternehmen ein tiefes Chancenspektrum bietet, können starke Manager weiterhin Zugang zu weniger intermediierten und attraktiver bewerteten Transaktionen erhalten.
Im Wagniskapitalbereich lag der Fokus weniger auf kurzfristigen Veräußerungsmöglichkeiten als auf dem Thema Zugang – sei es über limitierte Fondsmandate oder über Zweitmarkttransaktionen in Unternehmen, die länger privat bleiben und vor einem Börsengang deutlich größere Dimensionen erreichen.
Christian Puschmann, Leiter Deutschland und Österreich bei Neuberger Berman
Zwei Themen bestimmten die Gespräche: Die Unsicherheit rund um Unternehmensverkäufe bleibt hoch, und Fondsmanager, die Exits proaktiv steuern – etwa durch Capital Solutions oder fondsmanagergeführte Transaktionen –, sind entsprechend gefragt.
Gleichzeitig gilt: Wer den Markt zu timen versucht, verpasst Renditen. Investoren sollten über den gesamten Zyklus hinweg allokieren. Die Branche blickt optimistisch auf Europa. Künstliche Intelligenz wird die Arbeitsweise von Unternehmen verändern und sich positiv auf die Ertragskraft auswirken – nicht kurzfristig, aber verlässlich.
Luft- und Raumfahrt, Raumfahrtwirtschaft, Energie und Verteidigung werden langfristig zu den attraktivsten Segmenten zählen. Und: Die Inflation verdient in den kommenden fünf Jahren besondere Aufmerksamkeit – getrieben von demografischem Wandel, steigenden Gesundheitskosten und höheren Energiepreisen.
Manuel Kalbreier, Leiter Institutionelle in EMEA bei Neuberger Berman
Die Diskussion rund um künstliche Intelligenz hat sich seit Jahresbeginn verschoben. Stand früher die Frage im Mittelpunkt, wie KI den Bereich Private Credit – insbesondere im Softwaresegment – verändert, dreht sich die Debatte inzwischen stärker darum, welche Private-Equity-Portfoliounternehmen von KI profitieren und welche unter Druck geraten.
Bewertungsmodelle sind in Bewegung, weil Exit-Szenarien schwerer kalkulierbar werden. Eng damit verbunden ist die anhaltende Liquiditätsknappheit. Die Ausschüttungen, die 2022 deutlich zurückgingen, haben sich bislang nicht erholt.
Doch nach vier Jahren zurückhaltender Kapitalzusagen normalisieren sich Portfolios allmählich – und Investoren können wieder selektiver prüfen, wo sich opportunistische Positionierungen lohnen. Zweitmarkttransaktionen, Capital Solutions und Co-Investments stehen dabei ganz oben auf der Prioritätenliste.
Die Stimmung gegenüber privatem Kredit hat sich seit Jahresbeginn verbessert: Direktkreditportfolios bleiben robust, Ausfälle steigen nicht nennenswert, und die relative Attraktivität gegenüber syndizierten Kreditmärkten bleibt bestehen. Investoren bauen ihre Allokationen in opportunistische Strategien wie Capital Solutions sowie in Asset-Based-Lending-Strukturen weiter aus.
Erkenntnisse der Super Return 2026
Die Super Return 2026 hat gezeigt: Die Private-Equity-Branche hat die Schockstarre der vergangenen Jahre hinter sich gelassen. Künstliche Intelligenz ist keine Zukunftsdebatte mehr, sondern operative Gegenwart – für Portfoliounternehmen wie für Fondsmanager selbst.
Zugleich bleibt der Druck auf Liquidität und Ausschüttungen real. Wer in diesem Umfeld bestehen will, braucht Auswahlexpertise, Zyklusdisziplin und den Mut, abseits der ausgetretenen Pfade zu investieren.
Julien Zornig ist Managing Partner bei Astorius. Zuvor war er bei M. M. Warburg und bei der Berenberg Bank.
Ronny Gwerder ist als Managing Director bei Wellington Management tätig. Seine frühere Karrierestation war Julius Bär, wo er zuletzt als Investmentspezialist arbeitete.
Stuart Mathieson leitet für Barings das Private Finance in Europa. Er verantwortete Unternehmenssanierungen, Restrukturierungen und Insolvenzberatung für Price Waterhouse Coopers.
Thomas Weinmann ist Geschäftsführer von Reia, einem Dachfondsmanager für Private-Equity. Davor gründete er den Dachfondsanbieter Astorius und führte diesen als Geschäftsführer und war Private Equity-Fondsmanager bei BC Partners.
Jan Verstraete bekleidet die Position des Managing Director bei Hamilton Lane. Seinen beruflichen Einstieg fand er bei dem Wirtschaftsprüfer BDO, wo er im Bereich Mergers & Acquisitions als Assistant Manager tätig war.
Christian Puschmann leitet für Neuberger Berman die Märkte Deutschland und Österreich. Zuvor war er bei Invesco als Managing Director aktiv.
Manuel Kalbreier ist Leiter Alternatives für Institutionelle in EMEA bei Neuberger Berman. Bevor er zu Neuberger Berman kam, war Manuel Kalbreier Managing Director bei Wellington Management.