Stuart Dunbar von Baillie Gifford „Die Obsession der Verlustvermeidung lenkt schnell vom Wesentlichen ab“

Markt unter Strom: Durch die Zinswende kam es zu heftigen Abwertungen vonUnternehmen –ungeachtet der operativen Fortschritte.

Stuart Dunbar von Baillie Gifford: „Amazon hat uns in den 18 Jahren, die wir das Unternehmen schon als Investor begleiten, über 4.000 Prozent Rendite gebracht, allerdings haben wir auch fünfmal einen Drawdown von über 30 Prozent hinnehmen müssen.“ Foto: Baillie Gifford

Investoren haben in den vergangenen Jahren einen ziemlich wilden Ritt mitgemacht. Die Covid-Pandemie hat die Märkte erst abstürzen und dann neue Gewinner entstehen lassen. Anschließend haben eine galoppierende Inflation und ein heftiger Zinsanstieg die Vorlieben der Märkte von rechts auf links gedreht. Der schreckliche Krieg vor der Haustüre Europas hat sein Übriges getan. Und heute? Sind die Märkte elektrisiert vom Anbruch einer neuen Ära der Künstlichen Intelligenz, die in der Lage ist, aus existierendem Wissen neue Inhalte zu erschaffen.

Man schaue sich nur Recursion Pharmaceuticals an, ein Unternehmen, das mittels Künstlicher Intelligenz die Entwicklung von Medikamenten dramatisch vereinfachen und beschleunigen will. Als bekannt wurde, dass das Unternehmen 50 Millionen US-Dollar an Wachstumskapital von Nvidia bekommt, hat sich der Börsenwert von Recursion an einem Tag beinahe verdoppelt.

Wenn wir eine Sache über Wachstumsunternehmen gelernt haben, dann ist es diese: Die Märkte können für einzelne Themen und Unternehmen eine große Begeisterung entwickeln und schon im nächsten Moment umschalten auf Untergangsfantasien. Mit entsprechend dramatischen Folgen für die Aktienkurse. Und das oft genug, obwohl sich die fundamentale Entwicklung eines Unternehmens gar nicht verändert hat. 

Eine Ursache dafür ist, dass wir Menschen in Phasen des Umbruchs und der Unsicherheit, der Innovation und der Weiterentwicklung, dazu neigen, in bekannten Kategorien zu denken. Das gilt auch für Investoren. Wenn sie Aktien in Schubladen wie „Growth“ oder „Value“ stecken oder bestimmten Sektoren zuordnen, dann haben sie vertraute Kategorien und damit auch Daten aus der Vergangenheit zur Hand, die ein trügerisches Gefühl der Sicherheit geben.

 

Für viele, die in unserer Industrie tätig sind und sich ihre Meriten durch CFA-Abschlüsse erworben haben, ist es eine einfache Wahrheit, dass in einer Welt höherer Zinsen künftige Cashflows heute weniger wert sind, sodass Wachstumstitel mit einem entsprechenden Abschlag zu bepreisen sind. Seit sich die Zinswende abzeichnete, wurde diese Theorie eine Zeit lang geradezu wahllos auf eine Vielzahl von Wachstumsunternehmen angewandt. In einigen Fällen mag diese Betrachtung auch gerechtfertigt gewesen sein, da die Unternehmen ihr Wachstum nur auf Basis einer Versorgung mit billigem Geld generieren konnten. Aber in vielen anderen Fällen kam es zu heftigen Abwertungen, ungeachtet der operativen Fortschritte.

Fehler gehören dazu

Kursverluste wollen die meisten Investoren möglichst vermeiden – einige sogar beinahe um jeden Preis. Dafür gibt es unterschiedliche Motive, die allesamt gut erforscht sind, psychologische ebenso wie strukturelle, wenn wir beispielsweise an die Bilanzierungsregeln bei Stiftungen oder Pensionskassen denken, die dem Portfoliomanagement einen klaren Anreiz geben, Kursschwankungen so gering wie möglich zu halten. Die Devise lautet: Bloß nichts falsch machen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man kein guter Investor sein kann, wenn man sich bei Entscheidungen primär von der Sorge leiten lässt, etwas falsch zu machen. Die Obsession der Verlustvermeidung lenkt schnell vom Wesentlichen ab: großartige Unternehmen zu finden, die ihren Eigentümern auf lange Sicht eine herausragende Wertentwicklung bieten, weil sie für die Welt, in der sie agieren, einen echten Unterschied machen – und diese Unternehmen dann auch langfristig zu begleiten, ungeachtet des „Lärms“ an den Märkten.

Welche Fehlentscheidungen die Angst vor Verlusten nach sich ziehen kann, zeigen einige besonders prominente Beispiele: Amazon beispielsweise hat uns in den 18 Jahren, die wir das Unternehmen schon als Investor begleiten, über 4.000 Prozent Rendite gebracht, allerdings auch fünfmal einen Drawdown von über 30 Prozent hinnehmen müssen. Nvidia, die wir seit sechs Jahren halten, hat in dieser Zeit mehr als 900 Prozent Rendite eingebracht, allerdings auch dreimal über 30 Prozent verloren; und Atlas Copco, um ein vermeintlich langweiligeres Beispiel zu wählen, steht seit 14 Jahren in unseren Büchern, hat sich seither verzehnfacht und musste auf diesem Weg fünfmal über 30 Prozent Drawdown wegstecken.

Wenn wir Verluste konsequent vermieden hätten, dann hätten wir keinen dieser großen Gewinner über diese lange Zeit in unseren Portfolios gehalten – und hätten damit signifikant schlechtere Anlageergebnisse für unsere Kunden erzielt. Die Vermeidung von Verlusten ist eben oft gleichbedeutend mit der Vermeidung von Gewinnen. Was wir also tun müssen, ist im Prinzip einfach: den Blick unbeirrt auf die Unternehmen richten, optimistisch nach neuen Chancen Ausschau halten und stets darauf fokussiert bleiben, das Kapital unserer Kunden dort zu allokieren, wo es in der Realwirtschaft langfristig am produktivsten arbeitet.

Kursverluste muss man aushalten

Wo also sind sie zu finden, diese aussichtsreichen Unternehmen? Während die Wachstumsmotoren des letzten Jahrzehnts das Internet, mobile Geräte und Software waren, werden die Wachstumsmotoren des nächsten Jahrzehnts sehr wahrscheinlich die intelligente Nutzung von Daten sowie Künstliche Intelligenz sein. Einige der neuen Technologien, die uns im Moment am meisten interessieren, sind diejenigen, die unsere Welt zu einem besseren Ort machen können: neue Therapie- und Versorgungsansätze im Gesundheitsbereich oder auch Technologien zur Dekarbonisierung der Wirtschaft. Viele von ihnen haben gemeinsam, dass sie recht kapitalintensiv sind.

 

Man kann beispielsweise nicht überall auf der Welt Gigafabriken für Batterien bauen, ohne dafür viel Kapital zu beschaffen. Wachstumsinvestoren werden deswegen mehr Geduld brauchen, denn in der neuen Generation der Wachstumschampions wird es nur wenige geben, die schon innerhalb von drei Jahren nach ihrer Gründung Geld verdienen.

Neben der Batterietechnologie, die für eine grünere Wirtschaft unerlässlich ist, finden wir auch die Entwicklung und Produktion hochwertiger neuer Kabel spannend, die den Strom von Offshore-Windturbinen an Land bringen. Weitere Beispiele sind Technologieanbieter, die die Effizienz von Solarpaneelen verbessern oder KI-gestützte Software entwickeln, die erforderlich ist, damit wir in Richtung eines intelligenten Stromnetzes gelangen.

Im Gesundheitssystem sehen wir ebenfalls enorme Wachstumspotenziale – nicht auf Sektorebene, sondern bei einzelnen Unternehmen, die das System insgesamt besser, effizienter und kostengünstiger machen. Moderna, in die wir lange vor der Covid-Pandemie investiert haben, verfügt beispielsweise über eine Technologieplattform, auf der weitere Medikamente oder Impfstoffe entwickelt werden können, die den menschlichen Körper gegen Viren, aber auch gegen viele Formen von Krebs schützen.

Egal, ob Energie oder Gesundheit oder ein anderer Sektor: Große Gewinner wird es immer geben. Es werden andere sein als in der Vergangenheit. Aber eins bleibt: Wollen Investoren bei den großen Gewinnern dabei sein, müssen sie auch Kursverluste aushalten können.


Über den Autor:

Stuart Dunbar kam 2003 zu Baillie Gifford. 2014 wurde er Partner des Unternehmens. Er leitet die UK Business Group und koordiniert das globale Marketing und die Produktentwicklung. Dunbar ist Mitglied verschiedener Führungsgremien innerhalb von Baillie Gifford. Bevor er zu Baillie Gifford kam, arbeitete Dunbar bei Dresdner RCM in Hongkong und Aberdeen Asset Management in Großbritannien.

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