Patrick Sobotta und Michael Jäger im Gespräch „Wir brauchen striktere Kriterien, um Greenwashing vorzubeugen“

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Was muss die Regulierung leisten, damit es nicht zu solchen Verwerfungen kommen?

Jäger: Um dem Risiko von Greenwashing vorzubeugen, müssten in Bezug auf Green Bonds striktere Kriterien definiert werden. Letztlich muss ein einheitlicher Rahmen geschaffen und ein „Standard“ für Green Bonds definiert werden. Die EU-Kommission ist sich dieser Problematik bewusst und hier werden wir in den nächsten Monaten noch Nachbesserungen in der Regulatorik auf uns zukommen sehen. In Bezug auf Green Bonds gehen wir derzeit davon aus, dass Emittenten ab 2023 verpflichtet sind, fest definierte Kriterien bei der Emission von Green Bonds einzuhalten. Bis es soweit ist, müssen Investoren und Manager entscheiden, welche Green Bonds nun tatsächlich grün sind.  

 

 

 

Es fehlt an Standards, wie damals in den 80ern als S&P, Moodies und Co. mit den Ratings begonnen haben. Wann werden wir einen einheitlichen Maßstab in der Analyse bekommen?

Jäger: Durch die ESG-Regulatorik sind an allen Ecken neue Maßstäbe und Herangehensweisen auf den Markt gekommen, die aber weit von einem einheitlichen Standard entfernt sind. Ein Beispiel hierfür sind die ESG-Daten Provider wie MSCI oder Morningstar. Sie haben derzeit die Situation, dass teilweise ein Fonds bei einem Datenprovider als nachhaltig klassifiziert wird und bei einem anderen Anbieter der identische Fonds als „negativ“ eingestuft wird. Ähnliche Abweichungen beobachten wir bei den zahlreichen ESG-Siegeln, die wir in Europa haben, wie beispielsweise das FNG-Siegel in Deutschland oder das SRI-Label in Frankreich.

Diese Siegel basieren auf sehr unterschiedlichen Bewertungsansätzen und waren sicherlich aufgrund der zuweilen unklaren ESG-Anforderungen sehr hilfreich, längerfristig wird es jedoch auch hier zu einem Angleichungsprozess kommen. Mit der geplanten Einführung des Ecolables wird die EU bereits aktiv und will ein einheitliches europäisches Nachhaltigkeits-Gütesiegel für Finanzprodukte schaffen. Trotzdem befürchte ich, dass wir auf Sicht der nächsten Jahre keine einheitlichen ESG-Maßstäbe sehen werden, insbesondere vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Auffassung von Nachhaltigkeit innerhalb der EU-Staaten, Stichwort Kernenergie.  

Die Finanzbranche ist zahlengetrieben: Vola, Sharpe Ration, Max Drawdown und so weiter. Wie messen wir künftig Impact pro Euro?

Jäger: Die Finanzindustrie ist in der Tat sehr zahlengetrieben und wir sehen bereits, dass auch der Nachhaltigkeitsbereich hier keine Ausnahme darstellt. Diese Quantifizierung ist wichtig, um die einzelnen ESG-Kriterien insgesamt etwas greifbarer zu machen. Derzeit kalkulieren viele Manager bereits den konkreten CO2-Ausstoß ihres Portfolios. Sie messen die CO2-Emissionen in Tonnen pro Millionen Euro Firmenwert. Diese Quantifizierung ist wertvoll, um letztlich auch die richtigen Anreize schaffen zu können. Dies gilt wohlgemerkt nicht nur für die investierten Unternehmen, sondern auch für uns als Vermögensverwalter.

Unsere Investmentgesellschaft MV Credit, unser Spezialist im Segment Private Corporate Debt, hat als erste Gesellschaft in diesem Segment einen „ESG-Linked Carry“ eingeführt. Vereinfacht ausgedrückt muss der Manager auf bis zu 50 Prozent seiner Performance bezogenen Leistungsvergütung (Carry) verzichten, sollten bestimmte ESG-Kriterien am Ende des Tages nicht erfüllt sein. Durch solche Innovationen können neue Anreize geschaffen werden und die Branche steht hier sicherlich noch am Anfang. Hier können wir uns in den nächsten Jahren auf weitere Innovationen freuen.

Über die Interviewten:

Patrick Sobotta ist als Vertriebsleiter für Deutschland, Österreich & Zentralosteuropa bei Natixis IM tätig. Zuvor arbeitete Sobotta im Bereich Kundenbeziehungsmanagement bei Amundi. Michael Jäger ist Senior Vertriebsleiter bei Natixis IM. Jäger kam von Golman Sachs, wo er eine ähnliche Position innehatte.