Strategien in Schwellenländern Unternehmensanleihen übernehmen neue Rolle

Straßenszene in Guwahati, Hauptstadt des indischen Bundesstaats Assam: Der Internationale Währungsfonds kategorisiert 150 Länder als Schwellenländer (emerging and developing economies), darunter Brasilien, Pakistan, die Volksrepublik China und Indien.

Straßenszene in Guwahati, Hauptstadt des indischen Bundesstaats Assam: Der Internationale Währungsfonds kategorisiert 150 Länder als Schwellenländer (emerging and developing economies), darunter Brasilien, Pakistan, die Volksrepublik China und Indien. Foto: imago images / Friedrich Stark

Die Entwicklungsgeschichte der Märkte für Schwellenländeranleihen (Emerging Market Debt, EMD) begann vor fast 40 Jahren. Nach dem Ende der lateinamerikanischen Schuldenkrise von 1982 begannen US-amerikanische Geschäftsbanken mit dem Handel notleidender Staatskrediten der Region. Sie haben damit einen Sekundärmarkt für die Schulden geschaffen.

Der Handel nahm während der gesamten 1980er-Jahre zu. Zwar verbesserte sich die Liquidität des Marktes und damit auch die Handelbarkeit der Anleihen, gleichwohl gelang es den Schwellenländern nicht, Zugang zu internationalen Finanzierungen zu erhalten. Dies führte zu einer wirtschaftlichen Stagnation. Rückblickend sind die 1980er-Jahre daher ein „verlorenes Jahrzehnt“ für Lateinamerika.

1989 führte der damalige US-Finanzminister Nicholas Brady einen Plan zur Bewältigung dieser Schuldenkrise ein. Brady versuchte, die Bedenken von Schuldnern und Gläubigern zu zerstreuen, indem er den betroffenen Ländern einen Schuldenerlass gewährte. Im Gegenzug erwartete er unter anderem Wirtschaftsreformen und größere Sicherheiten für die Gläubiger. Der sogenannte Brady-Plan sah vor, dass die Schuldner ihre Kredite entweder in fest oder variabel verzinsliche 30-jährige Anleihen in US-Dollar umtauschen konnten, deren Kapital durch US-Staatsanleihen gesichert war. Dadurch wurden mehr handelbare Wertpapiere – die sogenannten Brady-Bonds – geschaffen. Diese Anleihen ermöglichten es den Gläubigern, ihr Risiko zu diversifizieren. Gleichzeitig entstand die Anlageklasse der Schwellenländeranleihen, wie wir sie heute kennen.

Die wachsende Breite des Marktes und die robuste Nachfrage mündeten 1992 in der Schaffung des J.P. Morgan Emerging Market Bond Index (EMBI). Der Index bestand ausschließlich aus Brady-Anleihen und wurde 1995 durch den EMBI-Plus-Index ersetzt. Letzterer umfasste auch die aufstrebenden Euro-Anleihenmarkt. Zwölf Jahre später brachte J.P. Morgan schließlich auch einen Index für Unternehmensanleihen auf den Markt: den Corporate Emerging Market Bond Index (CEMBI).

Aktuell sind die weltweit gegenüber externen Indizes für Staatsanleihen gemanagten Vermögenswerte fünfmal so groß im Vergleich mit Unternehmensindizes: 440 Milliarden US-Dollar stehen 85 Milliarden US-Dollar gegenüber. Zuletzt hat sich das Volumen der Zuflüsse in den Schwellenländermärkten verlagert. Nach Angaben des Analyseunternehmens Evestment flossen im vergangenen Jahr (bis zum Stichtag 30. September) 6,5 Milliarden US-Dollar in Anlagestrategien, die gegenüber Unternehmensindizes gemanagt werden, verglichen mit 980 Millionen US-Dollar für Staatsanleihen.

Bis zur Einführung des Corporate Emerging Market Bond Index im Jahr 2007 war der Markt für Unternehmensanleihen auf über 500 Milliarden US-Dollar angewachsen. Gleichwohl war er nur halb so groß wie der Gesamtmarkt für ausländische Staatsanleihen. Vor diesem Hintergrund wurden Unternehmensanleihen aus Schwellenländern als Ergänzung zu den Kernportfolios der Emerging Market Bonds betrachtet.

Heute ist der Markt für Unternehmensanleihen der Schwellenländer auf über 2,3 Billionen US-Dollar angewachsen (siehe Abbildung). Das entspricht etwa dem Doppelten der Größe des Marktes für ausländische Staatsanleihen abseits der Emerging Markets. Der Markt ist damit auch größer als der US-High-Yield-Markt. Diese Verschiebung ist nach unserer Einschätzung ein überzeugendes Argument für den Unternehmensmarkt: Er ist heute in einem Stadium, in dem er den Markt für ausländische Staatsanleihen als zentrale Benchmark für die Allokation von Kern-Schwellenländeranleihen ersetzen kann.

Die Abbildung zeigt die Marktentwicklung von Unternehmensanleihen aus Schwellenländern seit 2007

IG: Investmentgrade-Unternehmensanleihen, HY: Hochzinsunternehmensanleihen und nichtgeratete Anleihen. Nur zur Veranschaulichung.Quelle: J.P. Morgan und Pinebridge Investments, Stand 31. Dezember 2019. 

Die Expansion des Marktes für Unternehmensanleihen in den Schwellenländern erfolgte auf breiter Basis. Im Jahr 2007 bestand der CEMBI Broad Diversified Index aus 32 Ländern, wobei die vier führenden Länder fast die Hälfte des Indexes ausmachten. Heute umfasst der Index 55 Länder, wobei die vier führenden Nationen weniger als ein Viertel des Indexes ausmachen. Die Breite des Unternehmensmarktes ist auch sehr nützlich für ein aktives Management und eine aktive Diversifizierung, da 14 dieser 56 Länderwertpapiere von mehr als 20 verschiedenen Emittenten stammen.

Das Risiko ist sicherlich ein Faktor, den es zu berücksichtigen gilt, aber, wenn man den Unterschied zwischen dem Risiko von Unternehmensanleihen und Staatsanleihen in den Schwellenländern in den letzten fünf Jahren untersucht, so haben die Unternehmensanleihen der Schwellenländer unter allen wichtigen Anleihenmärkten die besten risikobereinigten Renditen erzielt (siehe Abbildung). 

Unternehmensanleihen der Schwellenländer haben die Staatsanleihen der Schwellenländer übertroffen

Der J.P. Morgan CEMBI Broad Diversified zeigt die Entwicklung der Unternehmensanleihen. Der J.P. Morgan EMBI Global Diversified Index spiegelt die Staatsanleihen wider. Nur zur Veranschaulichung.
Quelle: J.P. Morgan und Pinebridge Investments, Stand 31. Dezember 2019. 

Das Risiko und die Risikoquellen werden im Jahr 2020 im Mittelpunkt stehen, wenn Investoren nach Möglichkeiten suchen, in einem Umfeld mit niedrigen Renditen Erträge zu erzielen. Hier finden wir weitere Unterstützung für den Unternehmensmarkt, da dieser die gleiche Rendite bis zur Fälligkeit (etwa 5 Prozent) bietet wie der Markt für Staatsanleihen, wenn auch mit einer um etwa drei Jahre kürzeren Laufzeit (4,4 Jahre gegenüber 7,5 Jahren). 

Die Fundamentaldaten unterstützen auch die Ansicht, dass Unternehmen im Jahr 2020 ihren Platz im Rampenlicht einnehmen werden, da Gesellschaften aus Schwellenländern in der Regel einen geringeren Fremdkapitalanteil aufweisen als ähnlich eingestufte Unternehmen aus den entwickelten Ländern und in der Vergangenheit seltener ausgefallen sind als ihre Gegenstücke aus den Industrieländern. Gleichzeitig profitieren Neuemissionen von der großen Nachfrage und zwar ebenso lokal wie global.

Anleger sollten heute eine Strategie in Betracht ziehen, die sich an Unternehmensanleihen orientiert und Positionen mit Staatsanleihen außerhalb der Benchmark zulässt, anstatt den traditionelleren Weg zu beschreiten, eine Benchmark für Staatsanleihen zu verwenden und Unternehmen außerhalb des Indexes aufzunehmen.


Über die Autoren:
Steve Cook arbeitet für den Asset Manager Pinebridge Investments. Am Standort London leitet er als Co-Chef den Bereich Emerging Markets Fixed Income.

Jonathan Davis ist Portfoliomanager bei Pinebridge Investments in der Abteilung Emerging Markets Fixed Income. Sein Dienstsitz ist New York.