Steigt die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen, ist an den Märkten schnell von Gegenwind die Rede. Die Argumentation: Höhere Zinsen verteuern Kredite, drücken auf die Bewertungen und machen Anleihen zur ernsthaften Konkurrenz. Kurz gesagt gelten steigende Zinsen als Gift für Aktien. Das klingt plausibel, hält einem Blick in die Historie aber kaum stand.
Zu diesem Ergebnis kommt Sebastian Dörr, Kapitalmarktstratege beim Multi Family Office HQ Trust. Er vergleicht die annualisierte Wertentwicklung des US-Aktienmarkts in Phasen steigender Zehnjahreszinsen mit der im Gesamtzeitraum von Januar 1978 bis September 2026. Zudem wertet er aus, wie sich die elf Datastream-US-Sektorindizes in zehn historischen Zinsanstiegsphasen entwickelt haben.
Dörr misst dabei nicht, wie viel die einzelnen Sektoren absolut verdienen, sondern wie sie gegenüber dem breiten US-Markt abschneiden. In einem weiteren Schritt prüft er, wie sich dieselben Sektoren in den drei Monaten nach dem Zinsgipfel entwickelt haben.
Neun von zehn Phasen mit Gewinnen
Das Ergebnis widerspricht der gängigen Marktweisheit. „Steigende Zinsen bedeuten nicht automatisch Gegenwind für Aktien. Das Gegenteil ist der Fall: In neun von zehn untersuchten Zinsanstiegsphasen erzielte der US-Markt positive Renditen“, stellt der Kapitalmarktstratege fest.
Im Schnitt lag die annualisierte Wertentwicklung in diesen Phasen bei 18,3 Prozent und damit deutlich über dem langfristigen Mittel von 12,2 Prozent.
Technologie vorn, Versorger hinten
Am stärksten profitierten Technologiewerte. Der Sektor schlug den Gesamtmarkt in acht von zehn Zinsanstiegsphasen und erzielte im Schnitt eine Mehrrendite von 13,2 Prozent. Auch Industrieaktien schnitten in acht von zehn Phasen besser ab als der US-Markt. Ihre relative Mehrrendite betrug durchschnittlich 3,8 Prozent.
Am anderen Ende der Skala stehen die Versorger. Steigende Zinsen haben sie laut Dörr besonders hart getroffen. In neun von zehn Phasen blieb der Sektor hinter dem Gesamtmarkt zurück, im Schnitt um 10,7 Prozent.
Am Zinsgipfel dreht sich das Bild
Nach dem Höhepunkt der Zinsen zeigt die Analyse ein umgekehrtes Muster. In den drei Monaten danach gehörten ausgerechnet die Versorger in acht von zehn Fällen zu den Gewinnern. Ihre durchschnittliche Mehrrendite lag bei 4,5 Prozent.
Rohstoffnahe Werte wie Energie- oder Materialaktien zählten nun dagegen zu den Verlierern. Auch Technologieaktien taten sich schwerer: Vier Phasen mit Mehrrendite standen sechs Phasen mit Minderrendite gegenüber.
Die Position im Zinszyklus entscheidet
„Wie immer gilt: Die Vergangenheit ist keine Garantie für die Zukunft. Aber steigende Zinsen sind kein Grund, sich pauschal aus Aktien zurückzuziehen“, betont Dörr. Entscheidend sei vielmehr, wo man im Zinszyklus steht.
In der Anstiegsphase habe es sich häufig gelohnt, auf wachstumsstarke, zyklische Sektoren wie Technologie oder Industrie zu setzen. Nach dem Zinsgipfel hätten dagegen defensivere, zinssensitive Sektoren wie Versorger, Immobilien- oder Finanzwerte klar besser abgeschnitten.