private banking magazin: Ihre Studie zeigt, dass geopolitische Unsicherheit inzwischen als größtes Risiko für Wertsteigerung und Renditen gilt. Wie beeinflusst dieser Faktor Ihre Investment- und Exit-Entscheidungen?
Steffen Kroner: Die Geopolitik hat sich von einem eher latenten Hintergrundrisiko zu der prägenden Herausforderung für Private-Equity-Investoren entwickelt. Fast zwei Drittel der Befragten in unserer jüngsten Value Creation Study nennen geopolitische Instabilität als größte Hürde für die Wertschöpfung – noch vor Zollvolatilität und Inflation.
Der Konflikt im Iran hat die Energiepreise steigen lassen, Lieferketten beeinträchtigt und Folgewirkungen auf Branchen von der Automobilindustrie bis zur Unterhaltungselektronik ausgelöst. Der Energiepreisschock wirkt sich zeitverzögert auf fast alle Bereiche unserer Volkswirtschaft aus. All das hat die Erholung der Investitionsaktivität, die sich 2025 bereits abzuzeichnen begann, spürbar gedämpft.
Die praktische Antwort, die wir derzeit marktweit beobachten und auch selbst empfehlen, besteht darin, operative und finanzielle Resilienz gezielt zu stärken – etwa durch Dual Sourcing, Nearshoring, eine breitere Diversifizierung der Lieferantenbasis und klare Notfallpläne. Für uns ist sehr deutlich: Es reicht nicht mehr aus, allein auf Kostenoptimierung zu setzen. Entscheidend ist, Strukturen aufzubauen, die externe Schocks absorbieren können, ohne die Wertschöpfung zu beeinträchtigen.
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private banking magazin: Ihre Studie zeigt, dass geopolitische Unsicherheit inzwischen als größtes Risiko für Wertsteigerung und Renditen gilt. Wie beeinflusst dieser Faktor Ihre Investment- und Exit-Entscheidungen?
Steffen Kroner: Die Geopolitik hat sich von einem eher latenten Hintergrundrisiko zu der prägenden Herausforderung für Private-Equity-Investoren entwickelt. Fast zwei Drittel der Befragten in unserer jüngsten Value Creation Study nennen geopolitische Instabilität als größte Hürde für die Wertschöpfung – noch vor Zollvolatilität und Inflation.
Der Konflikt im Iran hat die Energiepreise steigen lassen, Lieferketten beeinträchtigt und Folgewirkungen auf Branchen von der Automobilindustrie bis zur Unterhaltungselektronik ausgelöst. Der Energiepreisschock wirkt sich zeitverzögert auf fast alle Bereiche unserer Volkswirtschaft aus. All das hat die Erholung der Investitionsaktivität, die sich 2025 bereits abzuzeichnen begann, spürbar gedämpft.
Die praktische Antwort, die wir derzeit marktweit beobachten und auch selbst empfehlen, besteht darin, operative und finanzielle Resilienz gezielt zu stärken – etwa durch Dual Sourcing, Nearshoring, eine breitere Diversifizierung der Lieferantenbasis und klare Notfallpläne. Für uns ist sehr deutlich: Es reicht nicht mehr aus, allein auf Kostenoptimierung zu setzen. Entscheidend ist, Strukturen aufzubauen, die externe Schocks absorbieren können, ohne die Wertschöpfung zu beeinträchtigen.
Operative Verbesserungen tragen laut Studie inzwischen stärker zum EBITDA-Wachstum bei als Umsatzwachstum. Was bedeutet das für Financial Engineering im Private Equity?
Kroner: Die positiven Effekte günstiger Fremdfinanzierung und steigender Multiples liegen hinter uns; dadurch verliert Financial Engineering als zentraler Renditetreiber im Private Equity deutlich an Bedeutung. Unsere Analyse von 239 europäischen PE-Exits zeigt: Vor 2023 erzielten Portfoliounternehmen den Großteil ihres EBITDA-Wachstums vor allem durch Top-Line-Expansion.
Bis 2025 war hingegen operative Exzellenz mit 51 Prozent der wichtigste Beitrag zum EBITDA-Wachstum. Um heute vergleichbare Renditen wie früher zu erzielen – und das in einem deutlich selektiveren Exit-Markt –, müssen PE-Investoren Value Creation im Underwriting wie in der Umsetzung grundlegend neu denken: Operative Transformation muss zum zentralen Hebel werden, anstatt sich primär auf Leverage und Multiple-Expansion zu verlassen.
Was bedeutet diese Entwicklung für Family Offices und institutionelle Investoren, die in Private Equity allokieren? Müssen Anleger künftig stärker auf operative Stärke statt auf Track Records achten?
Kroner: Absolut. Ein starker Track Record, der in einem deutlich günstigeren Marktumfeld aufgebaut wurde, ist heute nicht zwangsläufig ein verlässlicher Indikator für künftige Performance. PE-Häuser agieren zunehmend operativer und greifen deutlich früher sowie nachhaltiger über die gesamte Haltedauer hinweg in die Wertschöpfung ein.
Unsere Studie zeigt, dass sich der Anteil der Fonds, die ihre Value-Creation-Ressourcen überwiegend in den ersten 100 Tagen einsetzen, innerhalb eines Jahres auf 58 Prozent verdoppelt hat – ein signifikanter Wandel in der Arbeitsweise der Manager. Für Family Offices und institutionelle Investoren sollte diese operative Intensität daher zu einem zentralen Kriterium bei der Managerauswahl werden.
Welche Branchen oder Geschäftsmodelle profitieren Ihrer Ansicht nach aktuell besonders von diesem Wandel hin zu operativer Wertsteigerung?
Kroner: Früher setzten viele typischerweise auf einen einzelnen Hebel; inzwischen wird mehrdimensionale Wertschöpfung zum neuen Standard. Besonders profitieren diejenigen, die sich vom traditionellen Playbook aus reiner Kostenreduktion und Buy-and-Build-Strategien lösen und stattdessen profitables organisches Wachstum, strukturelle Kostenoptimierung, operativen Leverage und aktives Cash und Working Capital Management miteinander verbinden – vielfach unterstützt durch konkreten KI-Einsatz in der operativen Umsetzung.
Sektorenseitig verlagert sich der Underwriting-Fokus zunehmend weg von capital-light Businesses hin zu sogenannten Heavy Assets wie Fertigung, industriellen Anlagen und anderen sachgüterorientierten Geschäftsmodellen, die weniger anfällig für KI-bedingte Disruption sind. Zugleich positionieren sich einige Investoren für tiefgreifende industriepolitische Veränderungen, während Europa versucht, kritische Abhängigkeiten insbesondere in Bereichen wie Infrastruktur, Technologie und Verteidigung zu reduzieren.
Viele Fonds verlängern ihre Haltedauern und verschieben Exits. Ist der Markt aktuell in einem Exit-Stau gefangen?
Kroner: Der Exit-Engpass ist zweifellos ein andauerndes Thema, wenngleich ich ihn nicht als strukturell bezeichnen würde, da sich die Rahmenbedingungen schnell verändern können, sobald das Marktvertrauen zurückkehrt. In der zweiten Jahreshälfte 2025 haben wir einen deutlichen Anstieg der Exit-Aktivität gesehen, bevor diese Dynamik wegen der Sorgen im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt wieder unterbrochen wurde.
Strukturell verändert hat sich jedoch die Natur der Exits. Selbst wenn sich die Auswirkungen des Konflikts als vorübergehend erweisen sollten, ist kaum davon auszugehen, dass wir zu den überhitzten Marktbedingungen der frühen 2020er-Jahre zurückkehren. Käufer agieren inzwischen deutlich selektiver; sie erwarten eine überzeugende Equity-Story und eine belastbare langfristige Wachstumsstrategie. Die Hürden für erfolgreiche Exits sind damit klar gestiegen. Zugleich sind IPOs nicht länger der primäre Exit-Kanal, Sponsor-to-Sponsor-Transaktionen und strategische Verkäufe haben diese Rolle inzwischen übernommen.
Continuation Funds und Secondaries gewinnen schon länger an Bedeutung. Sind diese Instrumente ein strategischer Bestandteil moderner Private-Equity-Portfolios – oder eher ein Symptom schwieriger Marktbedingungen?
Kroner: Ich würde sagen: von beidem etwas. Secondary-Transaktionen etablieren sich zunehmend als gängige Liquiditätslösung für LP-Anteile. Der strategische Wert von Continuation Vehicles liegt darin, dass sie in einem herausfordernden Marktumfeld zusätzliche Optionalität für GPs und LPs schaffen können. 42 Prozent der Befragten in unserer Studie beschreiben die Assets, die in Continuation Funds überführt werden, als besonders attraktive Beteiligungen, deren Exit vor allem durch ungünstiges Markt-Timing erschwert wird.
Diese Vehikel geben bestehenden LPs die Möglichkeit zum Trading ihrer Investments, während neue Investoren frisches Kapital für die nächste Phase der Wertschöpfung bereitstellen können. Klar ist aber auch: Wenn ein Asset in ein Continuation Vehicle übergeht, steigt der Druck auf das Management und den Sponsor, die zusätzliche Zeit für operative Verbesserungen und eine stärkere Umsetzung konsequent zu nutzen.
Die Studie legt nahe, dass viele hochwertige Assets derzeit schlicht auf bessere Marktfenster warten. Wie schwierig ist aktuell die Preisfindung zwischen Käufern und Verkäufern?
Kroner: Sie ist derzeit einer der größten Reibungspunkte im Markt. Käufer agieren hochselektiv und konzentrieren sich fast ausschließlich auf Assets mit starken Fundamentaldaten und resilienten Geschäftsmodellen, während Verkäufer vielfach noch Bewertungen anstreben, wie sie im Umfeld günstiger Fremdfinanzierung und hoher Multiples erzielbar waren. Daraus ist eine breite Bid-Ask-Lücke entstanden.
Nur 7 Prozent der Fonds in unserer Studie sind derzeit bereit, Exits zu niedrigeren Bewertungen zu akzeptieren – nach 29 Prozent im Jahr 2025. Die Preisfindung wird sich verbessern, sobald die Exit-Aktivität wieder zunimmt und mehr aktuelle Transaktionsdaten vorliegen, jedoch wird dies noch mehrere Quartale in Anspruch nehmen
Künstliche Intelligenz wird laut der Analyse zunehmend direkt zur EBITDA-Verbesserung eingesetzt – etwa bei Pricing, Einkauf oder Forecasting. Wo sehen Sie aktuell die größten praktischen Hebel für KI in Portfoliounternehmen?
Kroner: Der Einsatz von KI in der Value Creation reift spürbar. 39 Prozent der Befragten in unserer Studie setzen KI inzwischen funktionsübergreifend ein, weitere 38 Prozent in gezielten Anwendungsfeldern. Nur eine Minderheit befindet sich noch in einer reinen Experimentierphase. Über Tracking und Dokumentation hinaus entstehen täglich neue, praxisnahe Use Cases – insbesondere in Entscheidungsbereichen, die früher stark von Erfahrung und Intuition geprägt waren.
So ermöglicht KI etwa dynamische, datenbasierte Pricing-Modelle, die Profitabilität absichern und ausbauen können. Im Procurement wird KI genutzt, um Einsparpotenziale zu identifizieren und zuvor manuelle oder reaktive Prozesse zu automatisieren. Und im Demand Forecasting verbessern KI-gestützte Modelle die Präzision der Bestandsplanung und ermöglichen eine schnellere Reaktion auf Nachfrageschwankungen weil mehr Datenpunkte ausgewertet werden können.
Gleichzeitig nennen viele Investoren hohe Kosten und unklare Renditen als Hindernis für den Einsatz von KI. Wird die Technologie im PE-Markt überschätzt?
Kroner: Es gibt sicherlich eine gewisse Lücke zwischen der Berichterstattung über die Möglichkeiten von KI und der Realität dessen, was die meisten Portfoliounternehmen bislang tatsächlich umgesetzt haben. Hohe Kosten und ein unsicherer Return on Investment (ROI) sind tatsächlich die am häufigsten genannten Hürden und werden von 60 Prozent der Befragten angeführt. Rund 45 Prozent nennen zudem Datenqualität und Datenverfügbarkeit als limitierende Faktoren.
KI ist transformativ – allerdings nur unter den richtigen Voraussetzungen. Wer technologische Plattformen einführt, ohne zuvor in saubere Daten, klare Use Cases und eine disziplinierte Implementierung zu investieren, wird nur oberflächliche und enttäuschende Ergebnisse erzielen. Die Fonds, die mit KI bereits einen realen EBITDA-Effekt erzielen, schaffen zunächst die Grundlage in Form einer belastbaren Datenarchitektur und konzentrieren den Einsatz dann auf Anwendungsfälle mit hohem Return und messbarer Wirkung.
Fonds beginnen bereits innerhalb der ersten 100 Tage mit operativen Eingriffen. Wie stark hat die Geschwindigkeit in den vergangenen Jahren zugenommen?
Kroner: Der Wandel ist erheblich. Der Anteil der Befragten, die ihre Value-Creation-Ressourcen überwiegend innerhalb der ersten 100 Tage einsetzen, hat sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt, während der Anteil jener, die ihre Schwerpunkte erst später in der Haltedauer setzen, von 47 Prozent auf nur noch 7 Prozent gesunken ist. Der Fokus auf Umsetzung beginnt heute früher und geht tiefer, weil Programme zur operativen Verbesserung komplexer, funktionsübergreifender und langfristiger geworden sind als die schnell realisierbaren Maßnahmen früherer Ansätze.
Trotz des früheren Eingreifens sagen 65 Prozent der Befragten, dass sie weniger als die Hälfte ihrer Wertsteigerungsziele erreichen. Sind die Erwartungen inzwischen schlicht zu ambitioniert?
Kroner: Es handelt sich nicht einfach nur um überzogene Erwartungen. Die Diskrepanz zwischen Umsetzung und Zielerreichung weist vielmehr auf zwei Probleme hin. Zum einen stehen Unternehmen unter realen Restriktionen – etwa in Bezug auf Kapazitäten, Talente oder spezialisierte Expertise und Tools. Zum anderen beruhen die in der Pre-Deal-Phase gesetzten Value-Creation-Annahmen oft auf der Erwartung, dass operative Verbesserungsprogramme hochpräzise und nahezu fehlerfrei umgesetzt werden, um die angestrebten Renditen zu erzielen.
Solche Ziele lassen nur wenig Spielraum für Abweichungen. Frühzeitig in den Due-Diligence-Prozess eingebundene operative Manager (sogenannte Operating Partners) können jedoch einen wesentlichen Unterschied für ein erfolgreiches Ergebnis machen, da sie Implementierungserfahrung mitbringen, die Wertsteigerungspläne realistischer machen.
Wenn Sie auf die kommenden zwei bis drei Jahre blicken: Wo werden regional und thematisch die entscheidenden Renditequellen im Private-Equity-Markt liegen?
Kroner: Europa befindet sich in einer Phase tiefgreifender industriepolitischer Neuausrichtung, und mehrere PE-Häuser positionieren sich bereits, um vom Bestreben der Region zu profitieren, kritische Abhängigkeiten zu reduzieren und in Bereichen wie Infrastruktur, Technologie und Verteidigung heimische Champions mit globaler Wettbewerbsfähigkeit aufzubauen.
Auch Unternehmen, die die sich beschleunigenden Fähigkeiten von KI nutzen oder ihre Geschäftsmodelle gegen KI-bedingte Disruption absichern können, werden klar im Vorteil sein. Wir beobachten bereits heute, dass einige Sponsoren ihren Underwriting-Fokus von capital-light Businesses auf sogenannte „Heavy Assets“ wie Hersteller oder industrielle Zulieferer verlagern, die weniger anfällig für technologische Obsoleszenz sind.
Ganz allgemein wird sich die Renditedispersion zwischen Managern mit echter operativer Kompetenz und jenen ohne diese Fähigkeiten weiter vergrößern. In den von uns analysierten Transaktionen entwickeln sich PE-geführte Unternehmen besser als ihre börsennotierten Vergleichsunternehmen und wachsen beim Umsatz 2,6-mal sowie beim EBITDA 3-mal schneller. Für uns erklärt sich dieser Vorsprung zunehmend durch tiefgreifende operative Fähigkeiten und eine deutlich geschärfte Umsetzungskraft.
Ist der europäische Private-Equity-Markt widerstandsfähiger als in früheren Krisen – oder im Gegenteil anfälliger für Probleme wie geopolitische Schocks oder mangelnde Liquidität?
Kroner: Ich würde sagen, dass die PE-Industrie aus den aufeinanderfolgenden Schocks der vergangenen Jahre gelernt hat und heute anpassungsfähiger und resilienter ist – vom Post-Covid-Umfeld mit steigenden Zinsen und Inflation bis hin zu Zollunsicherheit und geopolitischer Instabilität. Natürlich bleiben Herausforderungen bestehen.
Die Haltedauern sind länger, der Exit-Markt ist selektiver geworden, und Fundraising konzentriert sich zunehmend auf etablierte Investment-Manager. Dennoch bewegt sich die Branche in die richtige Richtung. Die Verschiebung der Wertschöpfungshebel hin zu größerer operativer Tiefe, einem früheren Ressourceneinsatz sowie einem anspruchsvolleren Umgang mit Daten und KI zeigt, wie schnell sich Fonds an die veränderten Marktdynamiken anpassen.
Zum Interviewten:
Steffen Kroner ist Management Director Deutschland beim Beratungsunternehmen Alvarez & Marsal.