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Welche Folgen Führungsinkompetenz und mangelndes Risikobewusstsein im Vorstand von Versicherern und Finanzdienstleistern haben, welche Erleichterungen die Finanzaufsicht bei Solvency II plant und wie es um die finanzielle Stabilität der Versicherungsbranche steht – das waren nur einige der Themen, die Bafin-Präsident Mark Branson in seiner Rede auf der Jahrespressekonferenz der Aufsichtsbehörde am Mittwoch erläutert hat.
Für Versicherungsunternehmen könnte es demnach in Zukunft wieder schwieriger werden, ausreichend hohe Renditen aus ihren Kapitalanlagen zu erzielen, erklärte der Bafin-Präsident. Vor diesem Hintergrund sollten sie „vorsichtig agieren und ihre Widerstandsfähigkeit stärken“.
Führungsinkompetenz wirke sich im Finanzsektor verheerend aus, betonte Branson. Er verwies auf mehrere Fälle, in denen kleine Banken, Versicherer oder Fondsgesellschaften in jüngster Zeit in Schieflage geraten sind. „Die Ursache der Probleme lag weniger im allgemeinen wirtschaftlichen Umfeld, mit dem wir zurzeit umgehen müssen. Diese Unternehmen haben Geschäfte gemacht, deren Risiken sie nicht verstanden“, so der Bafin-Chef.
Die Warnung vor mangelnder Risikokompetenz könnte bedeuten, dass die Bafin künftig noch genauer auf die Qualifikation des Managements und dessen Verständnis komplexer Finanzprodukte achten dürfte.
Vereinfachungen für risikoarme Versicherer
Doch es gibt auch gute Nachrichten: Versicherer, die ihre Risiken gut im Griff haben, könnten regulatorische Erleichterungen seitens der Aufsicht bekommen. Denn laut Branson will die Bafin zwar die grundlegenden Kapital- und Liquiditätsanforderungen nach Solvency II beibehalten. Diese hätten sich bewährt und zur Stabilität in turbulenten Zeiten beigetragen, so der Bafin-Chef.
Gleichzeitig setze sich die Bafin aber im Rahmen des Solvency-II-Reviews stark für mehr Proportionalität in der Versicherungsaufsicht ein. Dies bedeutet konkret: Risikoarme Versicherungsunternehmen werden künftig von zahlreichen Vereinfachungen profitieren können.
Diese Erleichterungen sind geplant
Zu den geplanten Erleichterungen gehören:
- Eine Person wird mehrere Schlüsselfunktionen übernehmen können
- Unternehmen werden bestimmte Berichte in größeren Zeitabständen an die Aufsicht übermitteln dürfen
Die entsprechende EU-Richtlinie muss noch in ein nationales Gesetz umgesetzt werden.
Regulierung soll streng bleiben, dabei aber weniger komplex
Branson betonte zudem, dass es bei den weiteren Arbeiten am Solvency-II-Review auf den Ebenen zwei und drei viele Möglichkeiten gebe, den bürokratischen Aufwand deutlich zu senken. Besonders im Fokus steht dabei ein schlankeres Berichtswesen. Die Bafin hat hierzu nach eigenen Angaben bereits konkrete Vorschläge in die Diskussion eingebracht. Er betonte aber auch: „Die Kalibrierung unserer Regulierung ist richtig. Sie hat uns Stabilität in turbulenten Zeiten gewährt.“. Kapital- und Liquiditätsanforderungen wie Basel III und Solvency II hätten Banken, Wertpapierhäuser und Versicherer krisenfest gemacht. Wer hier die Axt anlege, bereite der nächsten Finanzkrise den Weg. Regulierung sollte gleich streng bleiben und zugleich weniger komplex.
Zinswende bringt Entlastung für Lebensversicherer
Die Branche der Lebensversicherer profitiert von der veränderten Zinssituation. „Die Bafin hatte die Lage der Lebensversicherer – trotz des Niedrigzinsumfelds der vergangenen Jahre – bereits schon früher als robust eingeschätzt. Durch den Zinsanstieg im Jahr 2022 haben sich die wirtschaftlichen Kennzahlen der Unternehmen und ihre Risikotragfähigkeit nach Solvency II weiter verbessert“, so die Behörde.
Alle 78 von der Bafin kontrollierten Lebensversicherer erfüllten 2024 die gesetzlichen Kapitalanforderungen vollständig. Jedoch änderte sich die Art, wie diese Anforderungen berechnet werden: Die Bafin passte eine Sonderregel an, die ursprünglich den Übergang zum Aufsichtssystem Solvency II erleichtern sollte. Durch diese technische Anpassung sank der auf dem Papier ausgewiesene Deckungsgrad. Die tatsächliche wirtschaftliche Substanz der Versicherer – also die „echte“ Kapitalsituation ohne rechnerische Erleichterungen – blieb dagegen unverändert gut.
Mit anderen Worten: Die Unternehmen sind finanziell solide aufgestellt, auch wenn die offiziellen Kennzahlen durch die Neuberechnung niedriger ausfallen.
