Asset-Allokation „Anlageentscheidungen werden häufig noch mit PDF-Berichten getroffen“

Sebastian Geissel ist Professor für Finanzierung an der Hochschule Trier und Gründer von Combin Tech, einer Finanzsoftware-Firma für die Analyse von Anlageallokation.

Sebastian Geissel ist Professor für Finanzierung an der Hochschule Trier und Gründer von Combin Tech, einer Finanzsoftware-Firma für die Analyse von Anlageallokation. Bildquelle: Combin Tech

private banking magazin: Herr Geissel, Sie lehren an der Hochschule Trier und sind zugleich Unternehmer. Wie hat sich Ihr fachlicher Fokus auf strategische Asset-Allokation entwickelt?

Ich komme aus der Finanzmathematik und habe mich in der Forschung intensiv mit Risikomaßen, Multi-Asset-Analysen und stochastischen Prozessen beschäftigt. In der strategischen Asset-Allokation laufen all diese Methoden zusammen und genau dort sollten sie für die Praxis wirksam werden.

Mir fiel allerdings auf, dass Entscheidungen in der Finanzindustrie häufig noch mit Excel-Modellen und statischen PDF-Berichten getroffen werden. Zur strategischen Asset Allokation (SAA) gehört für mich zwingend ein sauberer Umgang mit Daten und mehrdimensionale Rendite- und Risikoanalysen. Finanzmathematik gehört deshalb in die SAA. 

 

Was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich so intensiv mit der Systematisierung institutioneller Asset-Allokation zu beschäftigen?

Die Idee, eine SAA-Software zu entwickeln, entstand in Gesprächen mit institutionellen Investoren. Die haben mir SAA-Analysen als wenig transparenten Prozess beschrieben. Häufig wurden Annahmen von Dienstleistern im Hintergrund getroffen und finanzmathematische Analysen durchgeführt, deren Ergebnisse den Investoren erst nachgelagert zugeschickt oder präsentiert wurden.

Wie definieren Sie strategische Asset-Allokation im institutionellen Kontext – und warum ist sie aus Ihrer Sicht der zentrale Hebel für langfristigen Anlageerfolg?

Für mich ist SAA ein klar strukturierter Prozess. Zunächst werden relevante Asset-Klassen festgelegt und vergleichbare Benchmarks definiert. Dann werden historische Kennzahlen betrachtet, Expertenschätzungen eingeholt und eigene Erwartungen ausgebildet. Schließlich werden Allokationen über simulierte Zukunftspfade mehrdimensional analysiert.

Was ist die häufigste Schwäche institutioneller Investoren bei der strategischen Allokation?

Institutionelle Investoren können Fehlannahmen oft nicht verändern.

 

Wie unterscheiden sich Anforderungen an die Allokation bei Banken, Versicherungen, Pensionskassen, Stiftungen oder Family Offices?

Versicherer und einige Pensionskassen sind reguliert und müssen sich an vielfältige Grenzen in der SAA halten. Stiftungen legen sich oft freiwillige Limitationen auf. Family Offices und wohlhabende Kunden von Privatbanken sind oft weniger restriktiv, dafür aber breit gefächert in ihren individuellen Interessen und Vorlieben für Asset-Klassen. Auch regelmäßige Cashflows führen zu Unterschieden zwischen diesen Investorengruppen.

Sind 65 Asset-Klassen aus Ihrer Sicht notwendig, um institutionelle Portfolios realistisch abzubilden – oder ließe sich der Ansatz auch mit deutlich weniger Klassen stabil umsetzen?

Ich denke, dass rund 20 Asset-Klassen in den meisten Fällen ausreichen, um eine SAA zu analysieren. Im Onboarding machen wir Nutzern einen Vorschlag für ein Anlageuniversum bestehend aus 25 Asset-Klassen. 

Wie vergleichen Sie unterschiedliche Asset-Klassen?

Asset-Klassen müssen vergleichbar abgebildet sein, sonst funktioniert die SAA nicht. Wir betrachten durchgängig Indizes nach Kosten, reinvestierten Ausschüttungen und in Euro oder Euro-hedged.