Sekundärmarkt Haupteingang statt Hintertürchen

Nico Rosberg, Formel-1-Star und Venture-Capital-Investor

Formel-1-Star und Venture-Capital-Investor Nico Rosberg auf der PE-Konferenz Super Return in Berlin Bildquelle: Imago Images / TheNews2

Eine Switch 2 für 1.000 Euro gefällig? Nur wenige Tage nach dem Release schießen die Preise für die Konsole auf der Plattform „Kleinanzeigen“ nach oben. Angebote für 800 Euro sind häufig, einige Verkäufer verlangen sogar 1.000 Euro. Das ist mehr als doppelt sie viel wie die unverbindliche Preisempfehlung: Beim Hersteller kostet die neue Switch nur 470 Euro.

Dabei ist die Idee der Gebrauchtwaren-Plattform eigentlich eine andere. Wer Geld für unerfüllte Wünsche oder einfach nur Platz braucht, verkauft das eingestaubte Peloton. Und wer keine 2.000 Euro für einen Heimtrainer ausgeben will, der kann es auf Kleinanzeigen für 1.000 Euro kaufen; wer länger sucht, noch günstiger. Verkäufer bekommen Liquidität, müssen dafür aber manchmal unter Wert verkaufen. Käufer verzichten auf Neuwaren und Garantien und bekommen dafür teilweise deutliche Abschläge auf den eigentlichen Warenwert. Je seltener ein Produkt gehandelt wird, je kleiner also der Markt ist, desto größer sind die Preisspannen.

Ähnlich funktioniert der Sekundärmarkt für Private Equity. Wer Liquidität braucht, holt sie sich hier. 2023 fiel das globale Exit-Volumen des Primärmarkts auf ein Zehnjahrestief, wie aus dem Bain Global Private Equity Report 2025 hervorgeht. Das ist deutlich weniger als die Hälfte des Volumens des Rekordjahres 2021. Weil der Handel auf dem Primärmarkt stockte, flüchteten sich viele Akteure auf den Sekundärmarkt.

Und der Trend hält an, denn der Primärmarkt kommt unter Donald Trumps erratischem Regierungsstil, inklusive der von ihm angezettelten Zollkonflikte sowie der zögerlichen Zinsschritte der Zentralbanken, nicht in Schwung. 2024 ist das Exit-Volumen im Vergleich zum Vorjahr zwar um ein Drittel gestiegen, liegt damit aber immer noch unter den Volumina von 2021 und 2022. Ob der Markt dieses Jahr wieder Fahrt aufnimmt, ist Bain zufolge fraglich. Das gefürchtete U-Wort „Uncertainty“ hält die Märkte weiterhin in Atem.

Gelähmter Primärmarkt

Lorenz Jüngling, Co-Vorstandsvorsitzender und geschäftsführender Direktor der Private-Equity-Plattform Moonfare, sagt über die Situation am Private-Equity-Primärmarkt und Trumps Zollpolitik: „Die Euphorie vom Januar hat sicherlich nachgelassen – und die anhaltende Unsicherheit ist schädlicher als die Zölle selbst.“

Fondsmanager (General Partners, kurz GPs) warten auf bessere Gelegenheiten für Exits durch Verkäufe oder Initial Public Offerings. Investoren (Limited Partners, kurz LPs) brauchen aber dennoch Liquidität.

 

Die Folge: Der Sekundärmarkt floriert, weil er als Notausgang dient. Jüngling: „Die Unsicherheit erhöht die Chancen für den Sekundärmarkt. LPs brauchen Liquidität. Und technische Faktoren – wie etwa der Denominator-Effekt oder gar politische Faktoren wie die Drohung, das Endowment Funding zu streichen – veranlassen Manager, einen Teil ihres Portfolios zu verkaufen, was attraktive Chancen schafft.“

In den vergangenen Jahren haben die gesunkenen Bewertungen an den öffentlichen Märkten den Gesamtwert vieler Portfolios gedrückt und damit den Denominator reduziert. Im gleichen Zeitraum haben die Private-Equity-Investments, also der Zähler, aber nicht oder weniger an Wert verloren. Das hat dazu geführt, dass ihr relativer Anteil am Portfolio gestiegen ist. Dieser Effekt hat die Private-Equity-Quoten von institutionellen Investoren häufig über ihre Zielmarken getrieben und so zusätzlichen Verkaufsdruck erzeugt.

Dieser Druck und die Nachfrage nach Liquidität treffen auf den Flaschenhals des Private-Equity-Markts, den gelähmten Primärmarkt. GPs warten auf bessere Exit-Möglichkeiten. Die durchschnittliche Haltedauer von Buy-out-Exits hat laut der Datenplattform Pitchbook 2023 sechs Jahre überschritten und damit einen neuen Rekord erreicht. Kapitalrückflüsse an Investoren verzögern sich immer stärker.

„Viele institutionelle Investoren leiden seit drei oder vier Jahren an mangelnder Liquidität“, sagt Édouard Boscher, Leiter Private Equity bei Carmignac. Einer Umfrage von Coller Capital zufolge ist die Generierung von Liquidität für vier Fünftel der LPs die Hauptmotivation für den Verkauf von Private-Equity-Anteilen auf dem Sekundärmarkt.

Längst mehr als ein Notausgang

Gute Nachrichten für Käufer wie Boscher: „Für uns sind die Marktbedingungen von Vorteil. Viele Investoren wollen aufgrund von Liquiditätsdruck verkaufen, sodass wir hochqualitative Assets, die von sehr guten Managern verwaltet werden, zu äußert attraktiven Preisen kaufen können.“

Die Beliebtheit des Sekundärmarkts spiegelt sich auch in den Zahlen wider. Während das Handelsvolumen auf dem Private-Equity-Markt 2024 leicht zurückging, verzeichnete der Sekundärmarkt laut Jefferies mit einem Transaktionsvolumen von 162 Milliarden US-Dollar sein bisher stärkstes Jahr. Das ist ein Plus von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert von 112 Milliarden US-Dollar. Und das Beratungsunternehmen erwartet, dass der Sekundärmarkt noch wachsen wird: Die Schätzung für 2025 liegt bei mehr als 185 Milliarden US-Dollar.

Ein weiteres Reifemerkmal des Sekundärmarkts ist der wachsende Anteil der von Managern (GPs) initiierten Transaktionen, der sich Jefferies zufolge ab 2020 bei über 45 Prozent eingependelt hat. Im ersten Halbjahr 2025 lag er laut Preqin bei 43 Prozent. Haupttreiber sei der Wunsch der GPs, ihre hochwertigsten Assets länger halten zu können, während sie gleichzeitig den ursprünglichen Investoren (LPs) Liquidität bieten könnten.

Für zwei Drittel der Private-Equity-Manager sei die Nachfrage nach flexibleren Haltedauern der Haupttreiber für GP-initiierte Transaktionen. Jüngling sagt dazu: „Auf der Verkäuferseite sind Sekundärtransaktionen zu einer akzeptierten Exit-Strategie geworden. Investoren können durch einen vorzeitigen Ausstieg aus Investitionen Liquidität schaffen, ihre Portfolios neu ausrichten oder ihre Bestände diversifizieren.“

 

Jefferies beobachtet zudem, dass Käufer bereit sind, größere Deals abzuschließen. Die durchschnittliche Größe der LP-geführten Transaktionen sei auf 425 Millionen US-Dollar gestiegen, 2023 habe sie noch bei 375 Millionen US-Dollar gelegen. Gleichzeitig bleibe der Sekundärmarkt zugänglich. Zwei Drittel aller LP-Deals lagen 2024 unter der Grenze von 250 Millionen US-Dollar.

Hinzu kommt die hohe Nachfrage nach Sekundärmarkt-Strategien, wie dem neunten Sekundärmarktfonds von Ardian, der 2023 mit einem Fundraising-Volumen von 30 Milliarden US-Dollar schloss. Laut Jefferies lag das verfügbare Kapital (Dry Powder) aller Sekundärmarktfonds Ende 2024 bei rund 288 Milliarden US-Dollar – bereit für den Einsatz.

Und aufgrund des hohen Verkaufsdrucks gibt es genügend Möglichkeiten, dieses Pulver auch zu verschießen. Der durchschnittliche Preis für LP-Anteile liegt fast immer unter ihrem Nettowert (Net Asset Value, NAV). Das bedeutet, dass Käufer von Abschlägen, also günstigen Preisen, profitieren. Die Bandbreite dabei ist jedoch enorm. Während hochwertige Buy-outs 2024 laut Jefferies nur mit durchschnittlichen Abschlägen von 6 Prozent gehandelt werden, lagen sie bei Venture-Transaktionen bei 75 Prozent.

Jüngling von Moonfare sagt dazu: „Abschläge für Sekundärtransaktionen in den Segmenten Growth, Venture Capital, Credit oder Infrastruktur sind tendenziell höher als im Buy-out-Bereich.“ Auch die Abschläge zeigen, dass der Sekundärmarkt längst mehr als nur ein Notausgang ist. Sinkende Abschläge spiegeln wachsendes Vertrauen. 2023 lagen die Abschläge für Buy-outs noch bei 9 Prozent, Venture-Anteile bekam man im Schnitt für 32 Prozent unter ihrem Nettowert.

Die Preise werden dabei von vielen Faktoren beeinflusst, wie der Qualität des Managers, dem Sektor, der Geografie, dem Auflegungsjahr und der Portfolioreife. „Im aktuellen Umfeld werden jedoch die zugrunde liegende Qualität der Vermögenswerte und das potenzielle Risiko durch Zölle maßgebliche Faktoren für die Preisfindung sein“, so Jüngling.

Die attraktiven Preise durch die Abschläge auf die NAVs und die Suche nach höherer Liquidität sind nicht die einzigen Argumente, die den Sekundärmarkt für Private Equities so beliebt machen. Auch wenn sie für viele Akteure ausschlaggebend sein dürften. „Der Sekundärmarkt bringt Liquidität und Flexibilität in typischerweise illiquide Private-Equity-Investments. Auf der Käuferseite können institutionelle und semiprofessionelle Anleger Vermögenswerte zu potenziell reduzierten Preisen erwerben und gleichzeitig ihr Risiko verringern“, fasst Jüngling zusammen.

Und nennt in diesem Atemzug gleich einen weiteren Vorteil: „Da das Kapital viel schneller eingesetzt wird, können Anleger von einer Verkürzung der J-Kurve für ihre Private-Equity-Investments profitieren.“ Investitionen in reifere Portfolios führen per Definition zu schnelleren Kapitalrückflüssen, Sekundärmarktfonds erreichen den Break Even Point dadurch schon nach zwei bis drei Jahren, während Primärmarktfonds diesen erst nach vier bis sechs Jahren erreichen.

 

Ein weiterer Vorteil ist, dass Sekundärmärkte das „Blind-Pool-Risiko“ reduzieren. Denn anders als bei Primärfonds sind die zugrundeliegenden Unternehmen zum Zeitpunkt des Kaufs eines Sekundärmarktfonds schon bekannt und können daher analysiert werden. Zumindest in der Rückschau, über ihren Track Record. Damit ist der Sekundärmarkt zumindest etwas transparenter als der Primärmarkt. „Darüber hinaus ermöglicht der Sekundärmarkt eine größere Diversifizierung, auch über verschiedene Auflegungsjahre, sogenannte Vintages, hinweg – was Anlegern dabei helfen kann, Risiken zu streuen und von unterschiedlichen Marktbedingungen zu profitieren“, nennt Jüngling einen zusätzlichen Vorteil des Sekundärmarkts.

All diese Eigenschaften des Sekundärmarkts ermöglichen es Investoren, mit geringeren Mindestinvestitionssummen und zu kürzeren Laufzeiten in Private-Equity-Investments einzusteigen, die gleichzeitig deutlich diversifizierter als Beteiligungen über den Primärmarkt sind. Der Sekundärmarkt wird dadurch zum Eingang in die Assetklasse.

Die „Demokratisierung der Privatmärkte“

Doch noch halten sich Privatanleger zurück. Zwar halten sie einer Erhebung von Bain zufolge rund die Hälfte des global verfügbaren Kapitals, auf sie entfällt aber ein vergleichsweise geringer Teil des verwalteten Vermögens in alternativen Investments wie Private Equity. Anleger aus dem Mass-Affluent-Sektor mit einem verfügbaren Vermögen von unter einer Million Euro investieren nahezu gar nicht in alternative Investments. Bei wohlhabenden Personen mit einem Vermögen bis fünf Millionen Euro liegt dieser Anteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

Auch vermögendere Privatanleger, die bis zu 30 Millionen Euro zur Verfügung haben, investieren immer noch im unteren einstelligen Bereich in alternative Investments. Erst sehr vermögende (Ultra High Net Worth Individuals, UHNWI) und Family Offices, die mehr als 30 Millionen Euro investieren können, allokieren rund ein Fünftel dieses Kapitals in Private Equity und Co. Carmignac geht daher davon aus, dass die Segmente der wohlhabenden und vermögenden Kunden mit Allokationen von unter zwei Prozent großes Wachstumspotenzial haben.

Private-Equity-Anbieter haben diese Zielgruppen längst entdeckt. Evergreen-Fonds wie der Carmignac Private Evergreen, Dachfonds und Europäische Langfristige Investmentfonds (Eltifs) öffnen die Anlageklasse Private Equity nun auch für vermögende Privatkunden – Stichwort Demokratisierung des Markts. „Ich bin sehr optimistisch. Die neuen Vehikel sind ein Game Changer“, sagt Boscher. Vor Evergreen-Fonds und Eltifs sei es für Privatanleger äußerst kompliziert gewesen, in Private Märkte zu investieren. Jetzt hätte man dafür effiziente Instrumente. Boscher ist überzeugt, „dass Private Equity traditionelle Portfolios von Privatanlegern ergänzt“.

Intransparenz, Zinswende und Margendruck

Kritischer sieht es Peter Dombeck, Gründungspartner von Novovest, einer Investment Consulting Boutique: „Private-Equity-Bewertungen sind oft mit erheblichen Unschärfen verbunden.“ Während es bei Aktien öffentliche Märkte gebe, sei das bei Privatmärkten per Definition anders.

Hinzu komme, dass die Nullzinspolitik der große Treiber Alternativer Investments in den letzten 15 bis 20 Jahren gewesen sei, da „Anleger verzweifelt auf der Suche nach Rendite waren“. Schaue man weiter zurück, werde jedoch deutlich, dass die Niedrig- und Nullzinsphase die eigentliche Anomalie sei, nicht die wieder gestiegenen Zinsen. Deshalb sei spannend, wie lange sich die hohen Private-Equity-Bewertungen noch halten könnten, auch wenn diese in vielen Fällen gerechtfertigt seien.

Problematisch an der Demokratisierung der Privatmärkte sei, dass Anbieter mit historischen Track Records werben, diese aber durch die Nullzinsphase verzerrt seien. „Können Privatanleger die Risiken einschätzen, die sie mit einer Investition in Private Equity eingehen?“, fragt Dombeck. Seine Antwort: „Es wird Anleger geben, die die Risiken korrekt einschätzen, sie sind aber in der Minderheit.“

Hinzu kommen die vergleichsweise hohen Vertriebsmargen. Während diese bei liquiden Märkten durch ETFs unter Druck geraten sind, seien sie in den Privatmärkten aus Sicht des Vertriebs noch attraktiv. „Und deshalb werde ich hellhörig, wenn ich ‚Demokratisierung der Privatmärkte‘ höre“, sagt Dombeck. Für gut informierte Anleger, und einen guten Manager könne eine Beimischung von 5 Prozent bis 10 Prozent im Portfolio aber durchaus sinnvoll sein. „Diversifikation ist ja bekanntlich der beste Freund“, so Dombeck.

Komplexer als Kleinanzeigen

Sowohl bei Kleinanzeigen wie auch beim Sekundärmarkt für Private Equity bleibt ein großes Problem: die Intransparenz. Je seltener ein Produkt gehandelt wird, desto schwieriger ist es für Käufer und Verkäufer, einen fairen Preis zu finden. Im Fall von Private Equity führt das einerseits zu Chancen für Investoren und Manager, die Markt-Ineffizienzen zu nutzen wissen, bedeutet aber gleichzeitig unter anderem ein höheres Manager-Risiko, gerade in politisch und wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Deshalb hat Jüngling von Moonfare folgendes Prinzip: „Wir arbeiten nur mit Private-Equity-Managern zusammen, die über eine starke Erfolgsbilanz verfügen und mehrere Konjunkturzyklen erfolgreich überstanden haben.“

Auf Kleinanzeigen gibt es diese Option für Käufer und Verkäufer nicht, sie müssen sich auf Sterne-Bewertungen und Smileys verlassen. Dafür ist der Einsatz, selbst beim Kauf einer Switch für 1.000 Euro, die man auch für die Hälfte im Mediamarkt oder Saturn hätte kaufen können, in der Regel deutlich geringer als bei einem Millionen-Deal auf dem Sekundärmarkt für Private Equity.

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