Schwellenmärkte China richtet sich stärker auf Nachbarländer aus

Radrennen auf Seebrücken beim chinesischen Quindao: Der US-Protektionismus könnte regionale Handelsabkommen zwischen Schwellenländern fördern.  | © Getty Images

Radrennen auf Seebrücken beim chinesischen Quindao: Der US-Protektionismus könnte regionale Handelsabkommen zwischen Schwellenländern fördern. Foto: Getty Images

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hat Schwellenländeraktien teils stark zugesetzt. Wir sind jedoch der Ansicht, dass die Marktteilnehmer übertrieben reagiert haben. Angesichts des jüngsten G20-Gipfels und der Gespräche zwischen US-Präsident Donald Trump und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping erscheint es wahrscheinlich, dass künftig mit weiteren Verhandlungen und möglicherweise auch mit einem etwas versöhnlicheren Tonfall zu rechnen sein dürfte.

Der zunehmende Protektionismus der USA könnte sogar vermehrt regionale Handelsabkommen zwischen Schwellenländern fördern. Wir sind der Ansicht, dass China in dieser Entwicklung eine zentrale Rolle spielen wird.

Der sinkende Einfluss der USA auf die Schwellenländer

Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts hat China die Nachfolge der USA als wichtigstes Exportziel der Schwellenländer angetreten. Die sich entwickelnden Handelsbeziehungen sind jedoch alles andere als eine Einbahnstraße. China hat die USA als größten Exporteur im Handel mit Brasilien und Thailand überholt. Zudem hat das Land Japan als größten Indonesien-Exporteur abgelöst.

Zugleich hat sich die chinesische Wirtschaft inzwischen sehr viel stärker auf den Konsumsektor des eigenen Landes ausgerichtet. Wir gehen davon aus, dass dieser Paradigmenwechsel den Weg für andere Schwellenländer vorgibt und sie in ihrem Aufschwung unterstützt – was wiederum den Beifall der Schwellenländer-Anleger finden dürfte.

Die eindrucksvolle Binnenwirtschaft Chinas wird von einer großen und wohlhabenden Konsumentenschicht befeuert. In den kommenden Jahren rechnen wir insbesondere auch mit Wachstum bei der Nachfrage nach höherwertigeren Konsumgütern – ein Phänomen, das auch als „Premiumisierung“ bezeichnet wird.

Die Nachfrage nach High-End-Waren wie Designer-Handtaschen und Möbeln, Luxusfahrzeugen und gehobener Gastronomie ist stark gestiegen – so sehr, dass China inzwischen Kontrollen über private Importe von Luxusartikeln durch chinesische Staatsbürger, die aus dem Ausland zurückkehren, eingeführt hat. China ist zum zweitgrößten Verbrauchermarkt der Welt geworden.

Die Nachfrage chinesischer Verbraucher nach Waren und Dienstleistungen beschleunigt sich dank der steigenden Haushaltseinkommen zunehmend, was Chancen für konsumorientierte Unternehmen eröffnet. Wir sind davon überzeugt, dass Konsum zu einem immer wichtigeren Wachstumstreiber in China und anderen Schwellenländern heranwachsen wird.

Vietnam und Malaysia könnten von Chinas Umbau profitieren

Wir sind zuversichtlich, dass das aktuelle Umfeld das Wachstum technologieorientierter Fertigungsunternehmen in Schwellenländern außerhalb Chinas begünstigen dürfte. Während der vergangenen sechs Jahre hat sich Chinas Volkswirtschaft über die Fertigung von Export-Produkten hinaus entwickelt. Die beim 18. Nationalkongress Chinas im Jahr 2012 verabschiedeten politischen Maßnahmen waren darauf ausgerichtet, die Wirtschaft so umzubauen, dass sie sich von einer Fertigungsorientierung hin zu einem konsum- und dienstleistungsorientierten Modell entwickeln kann.

Wir gehen davon aus, dass Vietnam und Malaysia von dieser Situation profitieren könnten. Beide Länder verfügen bereits über eine Transportinfrastruktur, die als Grundlage für leistungsfähige Logistiknetzwerke  zur Unterstützung des regionalen oder internationalen Handels dienen kann. Aufgrund ihrer im Vergleich zu China günstigeren Produktions- und Lohnkosten haben Vietnam und Malaysia gute Voraussetzungen, um zukünftig einen größeren Anteil des globalen Fertigungsmarkts zu besetzen.

Große Elektronikunternehmen sind in Malaysia bereits heute allgegenwärtig. Wir gehen davon aus, dass sich die Exporte von integrierten elektronischen Schaltkreisen, Flüssigerdgas und Kommunikationsgeräten erhöhen.

China hat sich zugleich immer mehr von der Bekleidungsfertigung für den Export abgewendet. Die Verhängung von Importzöllen auf chinesische Bekleidung durch die USA könnte daher erhebliche Chancen für kostengünstigere Herstellerländer wie Indien und Vietnam eröffnen. Bereits heute sind einige der größten internationalen Modemarken in den Produktionsketten der Bekleidungsindustrie in diesen Ländern tätig.

Fazit: Schwellenländer vor noch besseren Entwicklungschancen

Als größtes Schwellenland könnte das Schicksal Chinas in dieser neuen Ära des Handels und der Produktion tiefgreifende Auswirkungen sowohl auf andere Schwellenländer als auch auf die Weltwirtschaft insgesamt haben. Die strukturellen Argumente zugunsten der Schwellenländer konzentrieren sich bislang immer noch auf weiteres Wachstum, die demografische Entwicklung und die Fähigkeit, einen größeren Anteil am weltweiten Fertigungsmarkt zu erobern. Doch die Verlagerungen aus China in einzelne Schwellenländer hinein, sowohl bei Handel als auch Produktion, könnten diese Märkte in die Lage bringen, sich möglicherweise noch besser zu entwickeln als derzeit schon erwartet.